Werner Schroeter als Person

*7.4.1945, † 12.4.2010

Es geschieht manchmal, nicht oft, daß jemand nach dem äußersten Rand seiner Möglichkeiten greift und ihn dann umklammert hält, weil er mit etwas anderem als dem Äußersten nicht zufrieden ist. Er läßt sich von diesem Äußersten dann mitschleifen wie ein Wasserschifahrer vom Boot, das ihn, unter Verspritzen von einer Menge Gischt und Schaum, hinter sich herzieht. Das macht Werner Schroeter zu einem anderen Filmemacher oder Regisseur als andere. Er macht seine Inszenierungen, nicht im Sinn eines heimwerkerischen Selbermachens, sondern im Sinn von: Etwas Erschaffen. Er stellt sich selbst in den Zusammenhang seiner Inszenierungen, aber diesen Zusammenhang muß er erst herstellen, und ist er einmal hergestellt, kommt er selber dann nicht mehr raus. Aus dem, was auf der Bühne, im Film IST, bestimmt er das, was bevorsteht, obwohl das anders gar nicht ablaufen könnte; seine Inszenierung entläßt ihn nicht mehr, vielmehr läßt er sich davon mitreißen, mitschleppen, und dann wirft er alles herum, und das Boot schleift ihn nicht mehr hinter sich her, sondern derjenige, der von etwas mitgerissen worden ist, überholt seinen Antrieb und wird selbst zum Antrieb. Und dann läßt er alles hinter sich, zum Teil zertrümmert. Ein Schöpfer/Gott auf ursprüngliche Weise, das heißt ohne jeden Zweifel, denn es gibt ja nichts, was er nicht gemacht hätte.

Da gehen wir in einer Drehpause der „Malina“-Verfilmung durch ein Wäldchen, er zieht seinen Schwanz heraus und pinkelt mächtig vor sich hin, ohne ihn dabei zu halten oder den Strahl irgendwohin zu richten. Der geht ungebremst in den Boden. Werner sagt, er habe einmal einem meiner Kollegen beim Pinkeln zugeschaut, das habe nur getröpfelt, lange, aber dafür eher dünn, ein Rinnsal, er habe ihm gesagt: So pinkelt kein Mann. So muß man es machen: daß es mächtig herausrinnt, ungehemmt, daß einem kein Zweifel kommt, daß man ein anderer, ein schwächerer, sein könnte als der, der man ist. Das Ganze auf einer kleinen Wanderung durch einen Wald. In diesem Akt des heftigen Aus-Sich-Heraus-Rinnenlassens ist die Verschwendung zur einzigen Möglichkeit geworden. Am Set des Films würde das bedeuten, daß der Regisseur die Personen und Einrichtungen, die zum Entstehen dieses Films, den er grade dreht, nötig waren, auch die Unstimmigkeiten oder Pannen, in jedem Moment ernsthaft ermahnt, ihm zu Willen zu sein. Sonst setzt es was. Und das waren sie dann ja auch, ihm zu Willen, selbst die Sachen, die nicht gleich geklappt haben. Hier hat ein Mann gearbeitet, da gab es keinen Zweifel. Einer der großen Verursacher und Her-Steller, kein Dahergelaufener, der halt irgend etwas macht, damit ihm nicht langweilig wird oder weil das sein Auftrag ist. Ein Gott langweilt sich nie, denn auch sein Nichtstun ist Arbeit. Diese Schöpferkraft spürt man bei Werner sofort, und man sieht sie auch, man sieht sie sogar in einem Ablaufen (das Ablaufdatum bestimmt er selbst), im Ausrinnen, das den Schöpfer gleichzeitig auch schon wieder auflädt. Sogar das Abfließen lädt ihn noch auf. Das Herstellen eines Films oder einer Bühnen-Inszenierung ist ja in jeder Sekunde ein Entscheiden, entsteht aus der Wirkung divergierender oder konvergierender Ursachen heraus. Es ist ein kompliziertes Geschehen, und der Regisseur muß Partei ergreifen, für diesen Zusammenhang oder jenen. Und die Zusammenhänge stellt er auch noch her. Aber die Sicherheit, mit der Werner Schroeter das tut, die hat für mich eben etwas Schöpfergotthaftes (und dieser Schöpfer/Gott ist nicht nur Schöpfer/Geist, ganz im Gegenteil, er ist Schöpfer/Her- und Hinsteller, was nicht alles dasselbe ist. Sein Körper muß hergeben, was jeder Körper hergeben muß, aber in diesem Vorgang ist er überzeugt, etwas zu TUN. Auch wenn es sein muß, ist das also ein Schöpfungsakt und nicht das Gegenteil davon), und seine Schöpfung hat Raum für alles, was ihm einfällt, und sie schafft gleichzeitig auch noch Raum für alles, was noch dazukommen wird. Auch wenn es einfach nur aus ihm herausrinnt, weil es muß, ist es doch ER, der muß, und das ist nicht unangenehm, weil man manchmal eben zum falschen Zeitpunkt „muß“ (passiert mir zum Beispiel oft), sondern dieses Müssen ist die schöpferische Willkür eines Gottes, der es die anderen spüren läßt, daß er einer ist, ein Herr Gott. Was sollte er sonst sein, da er ja alles gemacht hat? Es ist (wie Freud meint) nicht jeder ein „Großer“, der ein außerordentlicher Könner auf einem bestimmten Gebiet ist (das ist Werner Schroeter ja zweifellos); sondern, indem man einen als einen Großen erkennt und benennt, bewegt einen dabei etwas anderes, die Persönlichkeit und die Idee, für die er sich einsetzt – gut und schön, aber da kommt bei dem Regisseur ein Mehr dazu (ähnlich dem Inschinör, dem nichts zu schwör ist), das nicht unbedingt ein Mehrwert sein muß, aber es muß da sein, und es muß heraus, und man muß dabei zuschauen können. Auf das Zuschauen kommt es sogar ganz besonders an. Freud bringt das mit der Sehnsucht nach einem Vater in Verbindung, den überwunden zu haben Helden sich zwar rühmen dürfen (wer anders als der Vater soll denn in der Kindheit der „große Mann“ gewesen sein, meint Freud), die ein Held/Regisseur wie Werner Schroeter aber wirklich vollzogen hat, indem er sich selbst zum Vater seiner Schöpfungen gemacht hat: ein Vater, der nicht ein Kind, sondern immer sich selbst als sein (und seinen!) Vater gezeugt hat. In einer Unbekümmertheit, die bis zur Rücksichtslosigkeit gehen kann. Wie er da so mächtig vor sich hingepißt hat, hat er das Schöpfungsinstrument des Vaters für sich genommen und eben nicht: sich angemaßt oder es für sich reklamiert, sondern es sich eben einfach genommen und etwas geschöpft, indem er  abgegeben hat. Wie ein Spieler den Ball.

Das Rinnenlassen, das sein muß, geschieht ganz in seiner Gewalt und unter seiner Herrschaft. Weil aber der Große Regisseur W. S. sich nicht auch noch selbst auslegen kann, weil er in seiner Inszenierung immer etwas anderes als sich selbst auslegen muß (was dann aber wiederum zu ihm selbst wird, kaum daß er es angefaßt hat, er kann nichts andres machen, als er ist. Er ist ja nicht einfach ein Interpret von etwas), muß er auch die Gewißheit haben, daß dieses andere nur so, wie er es will, ausgelegt werden kann. So bleibt er sich selbst als Schöpfer (und sich selbst als der Person, die der Schöpfer ist) immer erhalten. Und in dieser Schöpfer/Gewißheit ist die letzte Auslegung dann der Tod. Dieser Mann kann nur schöpfen, indem er weiß, daß alles Schöpfen ein Ende haben und man davon muß. Er legt etwas aus, und der Boden unter dieser Auslegware gibt nicht nach, doch er wird einmal ganz weg sein. So wie das Wasser den Körper verlassen muß, muß man selbst den Boden, auf dem man steht und etwas schöpft (das immer wieder raus muß), verlassen. Dieses Wissen schafft den sicheren Boden, von dem nichts mehr abgezogen werden muß, keine Auslegware jedenfalls. Das Wissen, sterben zu müssen, schafft in manchen eine vollkommen unverständliche Furcht davor, obwohl wir doch alle sterben müssen. Trotzdem, es bedarf des größten Muts, auch wenn Furcht davor sinnlos ist, sich auf diesen so sicheren Boden zu stellen, selbst dann, wenn man weiß, daß man den selber gemacht hat.

 

Beitrag zum 24. TEDDY AWARD 2010

Bild: Werner Schroeter (24. TEDDY AWARD, Programme Guide)

13.4.2010


Werner Schroeter als Person © 2010 Elfriede Jelinek

 

 

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