Nichts hinter dem Berg

Die Ent-Scheidungen dieser Frauen, Elektra und Antigone, sind und bleiben unzugänglich, obwohl alle Parameter offen daliegen. Ihre Entscheidungen können nur mißdeutet werden, denn jede Entscheidung, die sie treffen – den Vater zu rächen, indem man die Mutter tötet (ein Sakrileg gegen das alte Mutterrecht), den Bruder zu begraben nach Naturrecht und kategorischem Imperativ – , ist nichts als ihr Sein selbst. Ihr Selbstsein. Was sie sind, diese Frauen, sind ihre Entscheidungen, die sie in alle Formen der Einsamkeit, die möglich sind, hineintreiben und in jede Variante eines Schmerz-Glück-Dilemmas. Denn ihre Entschlüsse (und das wissen diese Frauen) müssen ihnen Schmerz bringen, und doch sind sie geschwellt vom Glück, etwas tun zu MÜSSEN, sie wissen, was sie da übernommen haben, sie wissen, daß sie sich damit übernommen haben werden (und auch, daß kein andrer diese Aufgabe übernehmen kann, auch wenn er, einer wie Orest, ein von Fremden längst Totgesagter, den niemand mehr zu diesem Muttermord erwartet, die Tat dann letztlich ausführen wird, fast wie nebenbei, ein „fremder Mensch“, wie Elektra sagt, die ihn nicht erkennt, und umgekehrt. Der, auf den sie so sehnlich wartet, ist für sie zuerst der Fremdeste. Oder ein Fremdestes in ihr, das sich erst abspalten muß, um handeln zu können?). Der Ausführende ist nur ein Anhängsel – im wahrsten, sexuellen Sinn des Wortes – der Leidenschaft der Frau, die von sich sagt, sie diene im Haus, aber den Mordwunsch, ihre Mordlust an der ehebrecherischen Mutter (welche in Werner Schroeters Fassung folgerichtig gleichzeitig auch mit der Stimme ihres Sohnes/Mörders spricht, denn paradoxerweise gehorchen sie dem gleichen Gesetz und begehen die gleiche Überschreitung, und die Strafe vereinigt wiederum beide, so wie auch Antigone/Kreon hier als eine Stimme sprechen, die Anhängerin des alten Rechts gleichzeitig auch als der, der dieses parodiert und degradiert. Es sprechen hier nur Frauen, auch das, was sie sonst nicht sprechen) nährt und weiterträgt wie eine Fackel oder einen Stab beim Stafettenlauf. Sie sind ja sehr beredsam im Gewinnen von Komplizen für ihre Taten, diese Frauen, und Elektra bearbeitet ihre Schwester Chrysotemis zur Mittäterschaft, prügelt und schmeichelt sie abwechselnd dorthin, ohne Ergebnis, und als ihr Bruder endlich zu dieser Tat schreitet, die der aber ohnedies begehen will, eine von sich selbst erfüllte Prophezeiung, erkennt ihn die Schwester nicht einmal sofort, als er kommt, seine Tötungsaufgabe zu erfüllen, die Hunde (das Unterbewußte, das tierische Es) erkennen ihn ja noch eher als sie!

Elektra macht Orest zu dem, was er sein muß. Und was er sein muß, ist das, was er tun muß, und er muß es tun, weil es ihm gesagt worden ist: das Orakel erfüllen. Das Orakel aber ist das, was er will, doch es ist armselig gegen die wütende, rasende Energie der Schwester. Eine Taschenlampe gegen die Sonne selbst. Erfüllen muß der Bruder, was ihm vom Über-Ich gesagt worden ist, das eine Frau, eine Schwester nie sein kann und doch sein muß, weil sie ist, was sie ist, weil sie, die von sich behauptet, im Gegensatz zu all ihrem Toben, nur noch der Leichnam einer Schwester zu sein, die Lebendigste von allen ist, diejenige, die alles vorantreibt und sich selbst behauptet, in jedem Sinn des Wortes. Die Blutrache wird bis heute von Frauen weitergetragen und die Prophezeiungen werden es auch.

Aber diese Entscheidungen zu ihren Taten, den Taten dieser Frauen, sind mit ihrem Selbst identisch. Sie SIND ihr eigenes Tun. Sie fallen mit diesen Entscheidungen zum Töten und zum Gegenteil, dem Begraben, dem Wieder Unschuldig Machen, dem Rückgängigmachen des Todes? (obwohl Antigone weiß, daß das nicht möglich ist, und genau aus diesem Wissen heraus handelt, sie will etwas, das unumkehrbar ist, heilen), in sich hinein, mit sich in eins, nein, sie fallen nicht zusammen, sie brechen nicht zusammen, sie schwellen im Gegenteil immer mehr an, gebläht von ihrem Willen, mit dem sie ihre Entscheidungen, die gleichzeitig sie selbst sind, ihr eigentliches Sein, treffen, und mit denen sie (auch das wissen sie) in erster Linie sich selbst schlagen werden, was auf Antigone natürlich noch stärker zutrifft: sich selber schlagen und dabei noch unversehrter hervortreten, auch wenn sie sterben. Antigone durch eigene Hand. Sie selbst bestimmt ihren Tod. Die Entschlußkabel (der Kontakt ist längst hergestellt, der Strom, der fließt), die durch diese Frauen hindurchlaufen, die da, wie man heute vielleicht sagen würde: ihre schmutzige Wäsche in aller Öffentlichkeit waschen, sind in Wirklichkeit reißende Flüsse, und sie fassen zu können, ja nur über sie zu sprechen, ist ungefähr so, als würde man diese Ströme, die in ein Meer drängen, durch den Abflußschlauch einer Waschmaschine treiben.

Diese Entscheidungen sind Ahnungen von dem, was kommen wird, und sie werden gefällt, ohne Zaudern, zur Mißdeutung aller. Alles, was noch nicht getan, was nur geahnt ist, kann aber mißdeutet werden, auch wenn die Absichten der Protagonistinnen klar sind und ständig ausgesprochen werden. Sie reden ununterbrochen (es sind ja schließlich Theaterstücke!), in einer Art Gegenteil von Psychoanalyse, in der man ausspricht, oft ohne es zu wissen, womit man da hinterm Berg hält. Diese Frauen sprechen den Berg selber, den sie vor sich herschieben, unter größten Mühen. Sie sprechen Klartext, sie machen Klarschiff, sie starten, und sie sprechen die Wahrheit aus. Antigone will, muß den Bruder begraben, und sie spricht, sie müsse seinen Leib decken. Mit sich selbst? Ihn unter sich begraben oder ihn begehren und lieben? Ihn mit Liebe, mit ihrem Geschlecht, erdrücken? Ist die Neurose, nach Freud, ein Kampf zwischen dem Interesse der Selbstbewahrung und den Anforderungen der Libido, ein Kampf, in dem das Ich gesiegt hat, aber um den Preis schwerer Leiden und Verzichte, so sprechen diese Frauen, ohne je zu verdrängen (der Berg, der sie in dieser Verdrängung hätte verdecken können, IST ja ihr Sprechen, das nur ein Ziel hat, etwas zu begehen, eine Tat, deren Ursachen gewußt werden; diese Frauen vergrößern den Berg, der sie bergen könnte, mit sich selbst: Ödipus, der seine eigene Mutter heiratet und Vater/Großvater von Antigone, ihrer Schwester und ihrer Brüder ist, umschreibt ein psychoanalytisches Setting, das, noch gigantischer als jeder Berg, am Horizont auftaucht, aber im Stück nur Interpretation bleibt, eigentlich nur Hintergrund, Folie, Staffage, eine Interpretation von vielen, die seit Entdeckung des Ödipuskomplexes ihrerseits alle von fern schon herüberdonnernden Ströme der Welt mitsamt ihrem sperrigen Treibgut hinter sich hergezogen hat; das ist nichts als eine Art matten Hinterherwerfens, Nachtretens, im Gegensatz zu diesen Entscheidungen der Frauen, die kein Hinterher sind, keine Folge von etwas, keine Kausalität, wie die Psychoanalyse sie braucht und, wo sie sie nicht vorfindet, herstellt, sondern eben die Ahnung von etwas, das kommt, weil es kommen muß, weil sein Kommen schon drängt und das Zögern unter seinem eigenen Drang, dem Andrang des Kommens, förmlich erstickt wird, wie unter einem Körper. Oder, im Fall der Antigone, ist es die Besänftigung (Rückgängigmachung?) des Todes des Herausforderers der Stadt Theben – und deren neuen, ordentlichen, bürgerlichen Rechten – , des Todes des Polyneikes, dessen sogar zweifaches Begräbnis darin besteht, daß seine Schwester – in Überschreitung dieses schönen neuen, nüchternen Gesetzes, einer versuchten Versachlichung und Ordnung von Leidenschaften, die ja trotzdem da sind, ebenfalls unter der Oberfläche, wo die Toten dann sowieso hin müssen –  etwas Erde auf ihn häuft, nein, nicht einmal häuft, sondern streut, wie aus einem Salzstreuer, eine leichthändige, fast hausfrauliche Tat, keine Sublimierung!, aber mit was für Folgen!). Alle diese Frauen hätten keine Ahnung, was das überhaupt ist, das Verdrängen und das Sublimieren. Sie sagen ja unaufhörlich, was Sache ist. Sie müssen es nicht erst aus einem geheimnisvollen Reservoir hervorholen. Und ihre Sache ist, was sie sind. Sein und Tun fallen zusammen. Das Rächen des Vatermords, das Erfüllen des Naturrechts auf ein Begräbnis des Bruders, das öffnet keinen Spalt zwischen der Tat und dem Wissen um sie, mögen die Ausführenden (die Anstifterinnen und Komplizinnen wie im Falle Elektras, die ihre Mutter ein Opfertier nennt, und diese Mutter sucht sofort nach einer möglichst jungfräulichen Sklavin, um die Opferkette an die weiterzureichen, denn daß sie selbst Opfer werden könnte, ist für sie undenkbar) noch so geläufig darüber sprechen, sie sind doch todbesessene Lebende, der Tod beherrscht sie, der Tod ist es, hinter dem sie, als wäre er ihr Stimulus, der sie überhaupt erst zum Handeln bringen kann – äußerste Bewegungslosigkeit, die die heftigste Bewegung hervorruft, die wieder in dieser Apotheose Tod kulminieren muß – , herjagen, entweder um seine Folgen zu besänftigen und ihn wieder zu Natur zu machen, der Tote wird ja zu Erde, zu Staub, oder um ihn zu einem Rechts- und Ordnungsproblem zu degradieren (wobei das Zerrissenwerden von Hunden vielleicht mehr Natur ist als das Bestreuen mit Erde, aber dieses symbolische Begraben ist der ersten unbewußten Sublimation von Natur geschuldet, eben dem Naturrecht, etwas, das die Natur uns sagt, im Gegensatz zu dem, was sie tut, grausam ist sowieso alles, und was wäre natürlicher, als daß Tiere einen Leichnam fressen?),  die Schwester Antigone macht den Tod zu etwas, das älter ist als die Gesetze Thebens, dessen Herr jetzt ein Mann ist und Kreon heißt, nur ein Mann kann es ja sein, der Gesetze machen darf und auf ihre Einhaltung achten. Es sind jetzt die Männer, die Gesetze machen. Die Mütter und Schwestern sind machtlos dagegen, doch ihrer ist die Rache, die früher die Rache des Herrn war, wie dieser spricht. Mein ist die Rache. Aber das sagt der Herr, der als einziger nichts von sich wissen muß, weil er Der Herr ist.

Das Außer Sich Geraten im Sprechen der beiden Frauen, Elektra und Antigone, ist ein sublimierter sexueller Akt, vielleicht könnte man sagen: eine Art Todestrieb, ein Trieb zum Verderben, der in den Frauen wütet, während die eine den Tod ja besänftigen (bestechen?) will durch das Begraben des Leichnams, die andre ihre Schwester, ihren Bruder ins Töten (bei dem das nicht mehr nötig ist, ihm wurde schon befohlen, was zu tun ist. Nur die Elektras brauchen keine Befehle) hineinhetzen möchte. Ihn dorthin hetzen, wo er aber schon ist. Ich habe das Gefühl, daß hier das Primäre wie das Sekundäre in eins zusammenfallen, die Tat, die getan werden muß, wie das, was zu dieser Tat geführt hat, ein Zusammenfallen ist das, und zwar in den sexuellen Akt der permanenten Erregung, die sich über ihre eigene Befriedigung stülpt wie eine Vagina über das Glied (aber im Sprechen!), daß also im psychoanalytischen Setting des permanenten Sprechens als Befriedigungsersatz gleichzeitig das Sprechen als seine eigene Befriedigung vorhanden ist. Analyse, die mit der Tat in eins zusammenfällt. Der Neurotiker hat Angst, wenn er merken muß, daß seine Sexualerregung ihre Befriedigung finden könnte. Also stülpt er seine Erregung, die in ihm ist, lieber gleich nach außen. Bevor noch ihm was passiert! Er wirft die Quelle seiner Erregung ins Äußere. Das Sprechen dieser beiden Frauen über ihre Taten ist kein neurotisches Sprechen, obwohl es doch ununterbrochen das Ungesagte mit sich schleppt. Man kann die Frauen aber nicht zwingen, es herauszugeben, denn dieses Wechselgeld behalten sie. Sie handeln aus Liebe, zum Vater, zum Bruder, man sagt ja, die Liebe sei ambivalent, könne sich so oder so manifestieren, das Größte oder das Gemeinste in einem hervorrufen und aus einem herausrufen lassen. Doch in diesen Stücken erzeugen die bösen Taten, die bereits geschehen sind, wenn das Stück anfängt (aber keineswegs ins Unterbewußtsein verdrängt wurden, sondern in phallischer Auffälligkeit von den Protagonistinnen vor sich hergetragen werden wie ein Altar, eine Monstranz, als wollten sie sich den Phallus des Vaters, des Bruders aneignen, ohne diese beiden zuvor kastrieren zu müssen, doch das stimmt nicht, so wäre es vielleicht in einer psychoanalytischen Sitzung, aber hier wird, umgekehrt, das Unbewußte gar nicht zugelassen, weil es gleichzeitig ja das Bewußte, das schon Gewußte ist; der Destruktionstrieb dieser Frauen, denn auch das Begraben des Bruders, das Besänftigen durch Erde, ist letztlich Destruktion, der eigene Tod steht ja unweigerlich am Ende, und es werden sogar noch mehr Tode, der Verlobte, die Mutter, alle, alle sterben, am Schluß steht der Bürokrat Kreon alleine da, der Todestrieb, die Destruktionssucht also richtet sich ja immer sowohl nach außen als auch nach innen, nur sieht man das Innere nicht so gut, man sieht nur die Folgen), immer neues Sprechen, das  – gesagt, getan –  den Taten, die vor dem Beginn der Stücke, teilweise sehr lange davor, teilweise sogar durch Götter, geschahen (und für die die früheren Täter oft gar nichts können, die Götter waren es selbst, oder sie wollten es, das hat ja schon genügt), gleichzeitig hinterherläuft, rückwärtsgewandt, und voraus, bis die Worte in die neuen Taten, ins neue Unheil hineinfallen und mit ihm eins werden. Kein Ausweg. Ich frage mich, wieso diese Taten bei vielen oft so große Abneigung hervorrufen, sowohl in den Stücken als auch in ihrer Rezeption. Sie erzeugen Feindseligkeit, so wie die Liebe der beiden Frauen eine feindselige ist, gegen sich selbst (Antigones mehr oder weniger folgerichtiger Selbstmord) wie gegen andre (Elektras Rache, in die sie alle hineinzuziehen versucht, die in ihren Bannkreis geraten, den Bruder unnötigerweise, der ja ohnedies bloß will, was er soll, und die Schwester, die ihr nicht folgen mag). Ja, die Menschen sind böse. So ist das. Das wird gesagt, sie sagen es ja selbst. Und ihre Decken in der Nacht, wenn sie träumen, sind ihre Taten, die noch kommen werden und bereits fix eingeplant sind im Stundenplan dieser Töchter, dieser Menschentöchter; das Böse, das nötig ist, wird auch unweigerlich geschehen, weil es getan werden muß. Ein Töten, das sie sprechen, ein Besänftigen des Todes, der auch ein Selbstmord sein kann. Hauptsache tot. Es wird, wie gesagt, dabei nichts zurückgehalten. Während in der Analyse der Kranke immer etwas von dem, was er eigentlich sagen wollte, zurückhält, er hält damit hinter diesem Berg, von dem ich gesprochen habe, obwohl er ihm wohlbekannt ist, der Berg dem Kranken (ist doch das Ungesagte das eigentlich Interessante für den Analytiker, der die Scheu oder die Scham des Kranken durchkreuzen, der unbedingt dahinter schauen,  dahinterkommen möchte, hinter bewußte wie unbewußte Unaufrichtigkeiten), staut sich andrerseits schon ein neuer Schutthaufen auf, in dem man die bewußte Unaufrichtigkeit verstecken kann: echte Gedächtnislücken, Vermeidung von Grausamkeiten gegen andere und arglistige Täuschungen, aber auch bewußte und beabsichtigte Grausamkeiten, ebenfalls gegen andre, eigens erfunden, um die Lücken im Gedächtnis, auch solche, die man erst hineinreißen mußte, aufzufüllen, die den Berg obendrauf aber nur noch höher auftürmen. Das, was man verbirgt, bleibt da, doch die ersten Zweifel an dem, was man sicher weiß, tauchen auf, nachforschen kann man nicht mehr, weil man sich nicht selbst in der eigenen Erinnerung zurückwerfen kann (so wie man sich nicht wieder neu machen kann), und der Zweifel wird am Ende durch das Vergessen ersetzt, und wäre es das endgültige Vergessen des Todes. Doch diese Frauen lassen nichts und niemanden vergessen. Sie lassen niemanden ins Unbewußte abrutschen. In diesen dramatischen Frauentexten geschieht das Gegenteil. Die Neurose wird nicht erlaubt, sie wird durchkreuzt, von diesem Berg, der nichts abhalten und vor den wiederum nichts anderes mehr geschoben werden kann, er ist ja schon das Davor, dem das Danach folgt, und eine Verschiebung der Taten ist auch nicht möglich. Das Recht gewährt Einspruch und Aufschub, diese Frauen gewähren nichts, und sie gewähren auch sich selbst nicht, und aus ihrer Liebe wird Verachtung, wenn sie das nicht bei andren erreichen, denn die Kraft, die Elektra bei ihrer Schwester beschwört, um sie zum Muttermord zu treiben, diese Kraft hat Chrysotemis nicht, deren (vielleicht stärkere?) Kraft nur die Mutterschaft sein kann. Doch eine Mutter, die nichts sein will als das, kann eine andre Mutter nicht morden. Und die Vorlust auf Mutterschaft wird von Elektra gleichzeitig verstärkt wie verschoben, aufgeschoben. Denn was wird Chrysotemis für eine wunderbare Mutter sein, wenn sie die eigene erst beiseitegeschafft haben wird! Hofmannsthal hat Freud schon gelesen, und es gibt ganze Bibliotheken darüber, wie sich dessen Studien zur Hysterie in der Figur der Elektra niedergeschlagen haben. Aber ich sehe hinter all der Jugendstil-Modernität, hinter diesem spektakulären Außer Sich Geraten dieser Elektra sehe ich wie hinter einem schleißigen, zu oft gewaschenen Tuch den alten Text des Sophokles und seine durch nichts aufzulösenden oder gar lösbaren Verstrickungen durchschimmern, und dieser Text (Subtext?) wird durch jeden Analyseversuch nur noch deutlicher. Weil die Erklärungen auch die Verdrängungen nur umso deutlicher hervortreten lassen. Weil das Unbewußte sich in die Frauen hineinwirft, laut aufkreischend wie ein Kind, das ins Wasser springen will. Kein Grund zum Jubeln. Wo Menschen sich zu irgend etwas verbinden, schwappt dieser Bodensatz an Feindseligkeit herum, da können sie sich noch so sehr lieben oder einander verbunden fühlen. Und in der Analyse sind sie eben genau das nicht, was sie sprechen, weil sie sich gerade dieses Wahr-Sprechen ja ständig verbieten müssen. Aber in diesem selbstauferlegten Verbieten werden sie nur umso mehr dieses Sprechen, das aus ihnen immer wieder hervorquillt wie eine Quelle aus dem Boden.  Antigone und vor allem Elektra, die als alte Figur hier neu erfunden wird, aber trotzdem bleibt, was sie war und daher ist: Diese beiden schweigen, indem sie sprechen, und sprechen, wenn sie schweigen. Sie sagen in beiden Fällen dasselbe, sie sagen auch ihr Schweigen, weil sie müssen. Sie sprechen immer, weil sie immer schweigen.

Bei diesen Frauen besteht kein Zeifel an ihrer Erinnerung (manches ist auch noch gar nicht so lange her, der Leichnam des Polyneikes ist durchaus noch ansehnlich und genießbar, er ist noch nicht ausgeweidet und skelettiert), sie sagen sich ihre Erinnerungen ja ständig auf, halten sie am Leben, mit der ganzen Energie ihres Todestriebes (aber nicht als das Unbewußte! Nicht als eine Erinnerung, aus der man etwas profitabel für sich, für die eigene Gesundung des Ich aus dem Es, gewinnen könnte), sie sagen sich in ihrem eigenen Sprechen auf, und sie geben sich damit auch gleichzeitig auf. Wobei sie sich aber immer nur hervorbringen, zu einem Ziel, dem Töten oder dem Begraben von Toten, denn der Tod ist das Zentrum ihrer Libido, und nicht die (von ihnen doch ständig beschworene) Liebe, der Eros ist nicht das Programm, das diese Menschenfrauen, die ganze Gesellschaft, zueinander treibt, sondern der Kampf zwischen Lebens- und Todestrieb ist die Energie der Kultur, der Lebenskampf der Menschenart, wie Freud es nennt. Diese Frauen verweigern sich jedem Zweifel, sagen sich uns auch auf, widersagen dem Leben (in der katholischen Kirche, im Glaubensbekenntnis, dem Teufel) und treiben ihre Liebe nach vorn wie ein Tier mit der Gerte, sie treiben sich selbst in etwas hinein, das sie schon vorher genau kennen, als wäre es etwas, das in Wirklichkeit bereits hinter ihnen liegt, und das, was hinter ihnen liegt, der Tod, der gleichzeitig auch vor ihnen liegt, treibt sie seinerseits wieder nach vorne. Und so, gepeitscht von beiden Seiten der Zeit her, sprechen sie, um ihr eigenes Urteil, das schon gesprochen war, bevor sie zu handeln begonnen haben, gültig zu machen.  


Orest und die Erinyen

 

Für Werner Schroeter, anläßlich eines Antikenprojekts an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

20.6.2009


Nichts hinter dem Berg © 2009 Elfriede Jelinek

 

zur Startseite von www.elfriedejelinek.com