Vertigo

Ja, es ist die Möglichkeit. Aber nicht nur diese eine.

 

 

Kim Novak in Hitchcocks "Vertigo", wie sie in ihrem grauen Kostüm, das ich mir damals habe nachschneidern lassen (natürlich paßt es mir nicht mehr, leider), durch eine Hintertür einen Blumenladen betritt. Sie parkt ihren Jaguar in einer winzigen, düsteren Gasse, James Stewart, der sie verfolgt, versteht zuerst nicht, was sie dort will. Er geht ihr nach, und hinter der Tür, die, wie gesagt, eine Hintertür ist, das Vorne kennt er nicht, explodiert auf einmal eine unglaublich bunte Blumenwelt. Und alles, alles, was man hier sieht, ist schon von vorneherein berechnet, denn Kim Novak will ja — wir sind in einem Krimi! — verfolgt werden, und sie weiß auch, daß sie verfolgt wird, das ist ja der Zweck des ganzen, und jeder Schritt, den sie tut, ist auf das Beobachtetwerden hin genau geplant. Ein Voyeur, der sein Opfer verfolgt, das weiß, daß es verfolgt wird, und wir als Voyeure im Kino, die unsererseits den beiden folgen. Es ist wie eine Prozession, einer läuft hinter dem anderen her. Man kann sich aber vorstellen, daß dahinter noch viele andere kommen, die ihrerseits die beiden Protagonisten, und damit auch uns, verfolgen, in einer Schlange, die kein Ende nimmt. Wir stellen uns an, um zu schauen und dabei angeschaut zu werden. Wenn etwas kein Ende hat, wie diese Schlange, warum soll es dann nicht andere Intrigen, andere Verschwörungen geben, in denen eine Frau im grauen Kostüm einen Blumenladen betritt, der, hinter einem, der dieser Frau nachgeht, wiederum wir folgen, hinter einem, der dieser Frau nachgeht; und uns kommt die Idee einer Art Übereinstimmung, die endlos möglich ist, zwischen Situationen und Personen, welche irgendwann plötzlich überhaupt nicht mehr übereinstimmen (so konnte auch ich früher in meinem grauen Kostüm in einen Blumenladen gehen, als Kim Novak, ohne sie zu sein und doch sie geworden). Diese Situationen, diese Personen aber eröffnen einem wieder neue endlose Möglichkeiten, sogar solche, bei denen Übereinstimmung bedeutet, daß dann überhaupt nichts mehr übereinstimmt. Was wir aber dennoch wieder als Übereinstimmung begreifen. Und dann sagen wir: Ja, es stimmt!

 



Szene im Podesta Baldocchi Blumenladen

 

Erschienen in: Cahiers du Cinema, Mai 2014

8.5.2014

 


Vertigo © 2012 Elfriede Jelinek

 

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