Alarmismusgeschrei

Los jetzt! Eins, zwei und auf gehts!

 

Natürlich wird er es wieder tun. Und warum sollte er nicht? Er kann in seinem hohen Amt, das gleich nach dem eines Ministers kommt, nicht gezwungen werden zurückzutreten. Also werden wir auch nicht auf ihn treten. Er wird sowieso bleiben. Und wenn er nicht bleibt, wird er lange geblieben sein. Er wird bleiben, weil solche wie er immer schon da waren. Warum also nicht er?  Das Feuer der Kelten in seinen Genossen entzünden und sich als Germane unter Germanen ermächtigt fühlen zu tun und zu sagen, was er tut und sagt. Und dann zeugen wir wieder mal ein Kind und dann noch eins, und dann setzen wir noch eins drauf. Die Kameradin hat schon zehn, da muß er sich aber beeilen bei seiner Feuerrede. Ach nein, erst muß ja noch das fünfte kommen. Warum soll er denn nicht den Nationalsozialismus mit der Besatzung durch die Siegermächte des zweiten Weltkriegs gleichsetzen? Ja warum denn nicht, warum denn nicht? Nur kein Denkverbot! Wer sollte ihn daran hindern, harmlos zu sein und andres zu verharmlosen, was es angeblich gegeben hat, aber nicht wirklich.  Außerdem: Es ist ja nur gesagt, im Rahmen der Meinungsfreiheit, und daß er es auch noch glaubt (obwohl er es natürlich nicht wirklich glaubt), wer sollte sich dem Glauben der wahrhaft Anständigen (das ist schon in Krumpendorf bewiesen worden, daß sie die letzten, die einzigen sind) entgegenstellen wollen? Es ist ja nur geglaubt, nicht gewußt. Er hat ja gewußt, aber sein fester Glaube wird ihm schon helfen, es nicht gewußt zu haben.  Er gibt zwar zu, zu wissen, daß wir nur angeblich von den Nazis befreit worden sind, aber er meint damit natürlich, daß wir von den angeblichen Nazis befreit worden sind. Es stimmt, wir sind von den angeblichen Nazis angeblich befreit worden, damit wir heute, und heute ist schon: später, und später ist schon: zu spät von den Nazis nach Belieben verhöhnt werden können. Was können wir schon machen? Kasperln der Geschichte, die wir sind, und es sind recht flotte Verbindungskappeln, die uns da verhöhnen, während wir selbst uns grade vorhin noch über sie lustig gemacht haben. War das nicht erst vorgestern, daß wir über die gelacht haben? Jetzt lachen dafür sie. Es ist ja nur gewußt, nicht gewollt, was sie sagen, und um wieder an die Macht zu kommen, in weniger als zwei Jahren wieder, stellen sie sich dumm. Sie dürfen ja. Sie dürfen ihre Ignoranz, die offenkundig vor Strafe (Wiederbetätigung) schützt, mit freundlich geblähten, in absolut friedlicher, freundschaftlicher Mensur hergestellten zerhackten Pausbacken, durch die jetzt ein ganz neuer Wind weht,  vor sich hertragen wie die Monstranz zu Fronleichnam. Gibt es einen schöneren Kampf als den zwischen Freunden? Na warten Sie, was wir erst mit unsren Feinden machen werden!Wird sich die Geschichte, mit der die Gerichte sich diesmal und vielleicht das nächste Mal und das übernächste Mal auch nicht beschäftigen werden müssen, wiederholen? Nein. Sie wird sich nicht wiederholen. Das nächste Mal machen wir es anders. Besser.  Wir wern kan Richter brauchn und a Weltpolizei schon gar nicht. Wird sie diese vorgespielte historische Unwissenheit das nächste Mal für noch höhere, für höchste Ämter qualifizieren? Aber sicher! Warum denn nicht? Sie müssen ja nicht mehr warten, sie sind jetzt am Ruder, aber sie werden dennoch immer ungeduldiger, dankend für Fruchtbarkeit und reiche Ernte, während sie warten. Mit irgendwas muß man sich ja die Zeit vertreiben, bis es soweit ist. Solange brauchen sie die Fruchtbarkeit des Schoßes noch. Sie haben jetzt schon eine Menge Stroh eingefahren in ihre Erbhöfe. Aber dreschen tun sie zuerst die andren. Dann kommt erst das Stroh dran. Ja, vielen Dank für die viele Fruchtbarkeit!  Vielen Dank, Papa deutscher Boden und Mama deutsches Blut.  Man kann auch Mama Rosenkranz und Papa Stadler zu ihnen sagen.  Volkserhalt durch gesunde, starke und kinderreiche Familien. Das dürfen wir nicht andren Völkern überlassen. Wir müssen selber wandern durchs Gebirg, eine Zuwanderung dürfen wir nicht dulden. Irgendwas müssen wir ja selber machen.  Wir müssen etwas zu unsrem Volk beitragen, und das müssen wir schon selber machen. Keine Experimente mit Fremdländischen! Als erstes dürfen es Mama Susi und Papa Jörg sehn, was nach diesen Wahlen herausgekommen ist.  Wie haben die sich gefreut!

Als erste haben sie die Feuerzeichen der Zeit im Gebirge gesehn, dann haben sie die feurigen Brände in die Kehlen geschüttet und dann haben sie für die toten Kameraden im Burghof gebetet. Oder umgekehrt. Erst beten, dann brennen. Da können gnadenlose Gutmenschen soviele Wehrmachtsausstellungen gestalten wie sie wollen. Die werden schon sehen, wer dann keine Gnade kennen wird! Wir dürfen uns diese vorgespielte Ignoranz anschauen, mit der man in Ämter kommt, und so kann man eine Verfassung auch absichtlich umdeuten. Daß der NS-Staat ein Verbrecherstaat war und es eine Verpflichtung ist, alles zu tun, damit es nicht mehr zu solchen Verbrechen kommt. Wer hat das noch gleich gesagt? Der virtuose Verfassungs-Stemmbogenfahrer, der das Schifahren in Tirol gelernt hat? Er selber fährt sicher eleganter, in seine eigene Scheune, wo sein Schaf im Trockenen steht und mäh sagt.  Der Kanzler sagt nicht einmal muh, und mäh sagt er auch nicht, und die Vizekanzlerin sagt genau dasselbe auch nicht.  Ach so, sie hat jetzt gick und gack gesagt (leilei hat sie schon vorher können), ein schlichter Kärntner Bauer hat sie dazu abgerichtet. Aber das nächste Mal geht das alles schon viel leichter. Dann haben wir uns auch daran gewöhnt. Wir werden schon sehn. Der erste Mißbrauch der Verfassung tut noch weh. Aber beim zweiten Mal wirds mehr Spaß machen. Da laufen dann vielleicht schon viele mit uns mit beim Marathon. Der Bissen Verfassung, den wir da geschluckt haben, ist zwar etwas groß, das eine oder das andre Kind, das durch schlechte Erziehung leider ein Tugendterrorist geworden ist, weint noch ein bisserl, aber schon ist er unten, der Bissen.  Also kommt bestimmt der nächste, weil wir den ja geschluckt haben. Und die zerhackten Gesichter sitzen nicht mehr in ihren Verbindungshäusern und auf ihren Paukböden, wo es dumpf schreit und dröhnt. Und nachher fließt das Bier in Strömen. Sie sitzen schon in der Regierung, die den Böhmen mit Sonnwendfeuern heimleuchten möchte, während wir noch unsere Leselamperln anknipsen um zu überprüfen, ob der das sagen darf oder eher doch nicht. Lamperln sind wir alle, uns muß keiner mehr befreien. Wir sind nicht angeblich befreit, sondern richtig redefrei. Man wird das doch noch sagen dürfen. Was, es soll selbst die vorgetäuschte persönliche Unsicherheit bezüglich der Naziverbrechen gar schon unter Strafe stehen? Ja, sie steht, da stehts ja. Es ist eindeutig nicht erlaubt, Unsicherheit in diesen Fragen vorzutäuschen. Macht nichts. Man wird doch als großer Bub wohl noch spielen dürfen, daß man ein wenig unsicher ist. Unsicherheit ehrt den Denker, der nachfragt, was er immer schon gewußt hat. Das Spielen tut ja auch nicht weh, im Gegenteil, es macht Spaß.  Wenn man genau weiß: da waren doch gar keine Verbrechen. Wo sollen die gewesen sein? Sie waren grad bei den Böhmen, wie wir sie gebraucht haben, die Verbrechen. Das war aber nicht, wie damals der Heydrich bei den Böhmen war. Das war nachher. Das waren die schrecklichen Verbrechen der Vertreibungen. Und deswegen haben wir gar keine Verbrechen machen können. Die hat alle der Böhme gemacht. Damit haben wir nichts zu tun. Und wenn da Verbrechen waren, kein Vergleich mit den Russen! Was die erst unter uns gewütet haben!  Grauenhaft!  Aber das nächste Mal wird der Wille, historische Wahrheiten umzudeuten, dieser liebe kleine eifrige Willi, der uns einfach nicht folgen will und macht was er will, schon ein wenig stärker unter uns herumtoben.  Nichts wird seine Freude trüben. Die Narben in den Gesichtern werden rot aufleuchten vor Jubel, sie sind ja im ehrlichen Kampf erworben. Die Löcher in den Wangen werden die Wangen fast zerreissen vor Lachen. Und der Wille wird zu einem Befehlen werden wollen, das ist nämlich der nächste Schritt. Denn das neblige Wesen der Macht, das hier durch zerstochene Wangen grinst und dabei auch noch zum Himmelvater für die toten Kameraden betet, das geht alles in einem Aufwaschen, nur wer hier einmal mit Zahnbürsten die Straßen aufgewaschen hat, das können wir nicht wissen, und wenn wir es wüßten, müßten wir es nicht zugeben, denn wir können es, wie gesagt, gar nicht wissen, das nebulose Wesen der Macht also, von dem sie jetzt endlich einen Zipfel erwischt haben, mit dem sie ihre blutigen Mensursäbel abwischen können, dieses Wesen, das keiner außer ihnen schon so deutlich sehen kann, das ist auch schon das innerste Wesen dieser Macht. Indem sie sie wollen, die Macht, haben sie sie auch schon. Indem sie jetzt allen zeigen, in schöner Übereinkunft, daß sie sich selber wollen und niemanden sonst, zeigen sie, daß sie die Macht wollen. Und daher haben sie sie bereits.

 

6.7.2002


Ewald Stadlers Sonnwendrede

 

Erschien im Oktober 2002 in "Das Jüdische Echo", Seite 73ff


Alarmismusgeschrei © 2002 Elfriede Jelinek

 

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