Der tausenjährige Posten

oder

Der Germanist

Musik: Franz Schubert

 

aus: Der vierjährige Posten (D 190), Singspiel in einem Aufzug von Theodor Körner und: Die Zwillingsbrüder, Singspiel in einem Aufzug, nach dem Französischen von Hoffmann.

Neue Texte: Irene Dische, Elfriede Jelinek

 

Rowohlt Theaterverlag

Reinbek bei Hamburg

 

 

 

 

Die Personen:

Prof. Dr. Hans Schall / SS Hauptsturmführer Schaal

ein aufrechter alter Mann, Tenor

Lieschen Schall, seine Frau, Sopran

Prof. Dr. Walther Spieß, ein älterer Herr, berstend vor Tatendurst, Baß

Ulrich Viet, ein etwas lethargisch wirkender Journalist, typischer Veteran der Studentenbewegung, hält äußerlich immer noch an den alten Gebräuchen der 68er fest, Tenor

Prof. Dr. Schulze, ein Freund in mittleren Jahren, Baß

ein paar Nebenfiguren, z.B. Trude, Frau Schalls Freundin, etc.

Chor

Die Musik folgt im Ablauf den ursprünglichen Opern, nur daß "Der vierjährige Posten" (hier 1. Akt) vor dem Finale von "Die Zwillingsbrüder" unterbrochen wird (hier 2.Akt), minus Finale. Nach Akt 3 (ohne Arien) folgt das Finale des vierjährigen Postens. Wo an einigen Stellen von diesem Prinzip abgewichen wird, ist das jeweils angegeben.

 

1. Akt

(Ouvertüre: der vierjährige Posten)

 

1. Szene

Prof.Dr. Schall (Er ist gekleidet wie ein typischer Alt-68er, Cordsamthosen, ausgebeultes Jackett, etc. Er hält eine Medaille in der Hand und spricht in wehmütig sentimentalem Ton zu seinen Studenten)

Falls Sie nicht wissen sollten, wer ich bin (Gelächter unter den Studenten, die es natürlich wissen), gestatten Sie mir ein paar Worte in eigener Sache.

Ich bin ein zufriedener Mensch. Diese Zufriedenheit verdanke ich ein paar Dingen, die heutzutage nicht mehr viel zu zählen scheinen. Manchmal glaube ich sogar, diese Wörter gelten inzwischen als schmutzig. Four letter words, wie der Lateiner sagt. Zum ersten ist da natürlich meine Frau Lieschen. Lieschen, erhebe dich, damit auch jeder dich sehen kann! Gut. Setzen! (Applaus) Dann das Wort "Buch". Wie Sie sehen haben diese Wörter auch im Deutschen vier Buchstaben, aber auf denen sollte man sich nie ausruhen (lacht). Buch also. Ja, ich habe mein Leben den Büchern geweiht. Sie haben mich durch meine besten wie durch meine schlimmsten Jahre hindurch treu begleitet, wie ein Hund. Auch vier Buchstaben. Ich und meine Bücher, wir sind miteinander durch Dick und Dünn gegangen. Es waren fette Jahre darunter und magere. Ich bin gewohnt, alles so zu nehmen wie es kommt. Wenn ich nur meine lieben Bücher habe! Ich mag daheim zwar Lieschens Bester sein, aber meine besten Freunde sind doch meine Bücher. Ach ja, Bücher! Wie sie uns doch immer wieder in ihren Bann ziehen! Für mich bergen sie das ganze Universum. Und wo findet man das Universum? Richtig, auf der Universität! Ich hatte die große Ehre, nach dem Kriege einer der ersten Wächter der Bücher an dieser Universität zu sein. Damals wurden mir die kümmerlichen Reste der Universitätsbibiothek anvertraut, ein paar Kisten mit schimmligem Papier, ein paar Wände, die noch die Brandmale des Krieges trugen, ein paar verstörte Studenten, die um ihre Ideale betrogen worden waren, ein paar Ideen, die ihre Gültigkeit verloren hatten. Armut war alles, was übriggeblieben war, Armut für alle, denn von diesem Artikel gab es reichlich. Ja, Armut war wirklich für jeden erschwinglich, und wir an dieser Universität hatten davon mehr als wir je verbrauchen konnten. Als ich im Jahre 1955 zum ersten Mal hier ankam, da wars in Deutschlands Winter. Was wir auch anpackten, nichts wollte gedeihen. Ja, wir zitterten vor Kälte, und deshalb mußten wir alle tüchtig mit anpacken. Wir bauten aus Ruinen neue Mauern, wir schrieben neue Bücher, wir pflanzten neue Ideen, diesmal über Freiheit und Demokratie, in die Köpfe jener, die uns anvertraut waren, und endlich wurde es auch wieder Frühling. Ihr, meine Studenten, könnt jetzt ernten, was wir damals gesät haben. Ich bin nun ein alter Mann, und ich werde mit Ende des Semesters emeritieren. Ich werde dann eine Menge Zeit haben, um über alles nachzudenken, daher will ich mich heute kurz fassen, bevor man noch mich faßt! Man soll mich nicht von Katheder tragen müssen. Einmal muß Schluß sein. Ich danke Ihnen sehr für diese Auszeichnung, die ich stets in Ehren halten werde (er hält die Medaille hoch), und ich danke Ihnen auch dafür, daß Sie mitgeholfen haben, aus mir einen zufriedenen Menschen zu machen. (Applaus)

 

1. Chor, Prolog:

Heiter strahlt der neue Morgen,

Luft und Himmel webt sich klar,

und der Tag verscheucht die Sorgen,

die die dunkle Nacht gebar.

Draußen stürmt das Kriegsgetümmel

durch die seufzende Natur

aber friedlich liegt der Himmel

über unsrer stillen Flur.

Frisch zur Arbeit! Auf dem Felde

sei die Arbeit zugeteilt.

Wohl dem, der die Saat bestellte,

eh der Krieg ihn übereilt!

etc.

 

2. Duett: die Schalls.

Hans Schall im Glück. Prof. Schall räumt seinen Schreibtisch in seinem Büro aus, seine Frau hilft ihm dabei. Sie packen alles in einen Koffer.

Frau Schall: Wie bescheiden du immer bist! Alle waren sie gerührt! Und deinen Neidern hast du ein paar Brocken hingeworfen, an denen sie noch lange zu kauen haben werden. Du darfst den goldenen Füller nicht vergessen, den dir die Studenten geschenkt haben!

Schall: Diese jungen Ignoranten! Die können sich ja nicht vorstellen, was wir alles durchgemacht haben! Manchmal konnte ich mich kaum zurückhalten, es ihnen ins Gesicht zu schreien.

Frau Schall: Bitte konzentriere dich, Schatz! Du darfst nichts vergessen!

Schall: Und wenn ich sie mir dann so anschaue, wie sie sich vor den Hörsälen herumdrücken, kein Mumm in den Knochen, nichts lassen sie wirklich an sich herankommen. Nichts geht ihnen nahe. Da sage ich mir dann: Ihr wißt ja nicht was Liebe ist!

Frau Schall (öffnet eine Schublade): Hier, das Manuskript zu deinem Buch! Schau! Das Original! Ein kostbares Dokument. "Ursprung der deutschen...." du liebe Güte... was für ein langer Titel! Wenn Du das hier läßt, wird es noch einer deiner Assistenten einstecken, und in ein paar Jahren läßt er es dann womöglich auf einer Auktion teuer versteigern... man stelle sich vor... das Originalmanuskript dieses epochalen Werks!.. Er würde ein Vermögen damit verdienen!

Schall: Ist doch bloß Papier! Mir wäre das egal. (er lacht) So lange sie nicht versuchen, es unter ihrem Namen zu publizieren...Jedes Wort heute noch genauso aktuell wie vor vierzig Jahren! Es ist der Vorteil einer wahrhaft großen Werks, daß es niemals altert.

Frau Schall: Aber unsere Liebe ist doch auch nie gealtert, oder?

Schall: Vorsicht! Wahre Liebe erregt den Neid der Götter. Sie belohnen solche Dinge nur selten. Aber Liebe trägt ja zum Glück ihren Lohn in sich selbst.. doch du hast recht, Lieschen. Unsere Liebe ist frisch wie am ersten Tag. Da können die Götter uns zürnen soviel sie wollen. (Sie tanzen eng aneinandergeschmiegt)

 

Duett:

Du gutes Hänschen (du süßes Kind)!

Ach was wir beide doch glücklich sind!

Nein nein, es läßt sich nicht erzählen,

diese Seligkeit.

Unter freundlichem Gekose

der Natur in blüh'ndem Schoße

eilt sie fort, eilt sie fort,

die goldne Zeit, eilt sie fort

die goldne Zeit.

Doch für Herzen, die sich lieben,

ist das Leben jung geblieben,

ist der Himmel nicht mehr weit.

Du gutes Hänschen (du süßes Kind)!

Ach was wir beide doch glücklich sind!

etc.

 

Auftritt Prof. Walther Spieß.

Spieß: Hans. Hans. Alles ist aus. Wir sind aufgeflogen!

Frau Schall (scharf): Willst du mir bitte erklären, wovon du sprichst, Walther? Wir brechen hier unsere Zelte ab, so lustig ist das auch wieder nicht!

Spieß: 50 Jahre haben wir jetzt hinter uns gebracht. Alles ohne den leisesten Anflug von Ärger. Von den Studenten wirst du als aufrechter Demokrat geliebt und bewundert, na ja, immerhin war das alles ja meine Idee! Für deine Kollegen bist du eine Quelle der Inspiration. Ein anregender Gesprächspartner. Auch das war meine Idee! Professor Schall und sein Kollege Professor Spieß, beides Männer mit Rückgrat! Kein Wunder - so wie du aussiehst! Du bist immer mühelos damit durchgekommen. Du bist für die Bewunderung der Menschen geradezu geschaffen. Ich selber bin dafür leider zu dick (oder zu klein, zu dünn etc.) Trotzdem. Irgendwann fing das an mit den Gerüchten... natürlich, wie immer, von außen hereingetragen! Feindliche Elemente haben das in die Welt gesetzt. Und jetzt werden sie dich bloßstellen: Als den SS Hauptsturmführer Schaal. Hier, schau, sie haben sogar schon deine Mitgliedskarte bei der Gestapo abgedruckt... und deinen ersten Gestellungsbefehl in Lemberg, wo du damals für die Abwicklung der Bücherfrage zuständig warst... (liest vor) "Schaal hat sich in grauem Anzug mit dieser Gestapo-Mitgliedskarte unverzüglich im Hauptquartier SS zu melden".. und weiter.. "In seine Verantwortung wird die Auflösung der Bibliotheken gegeben." (Schall schaut es sich an)

Schall: Ich muß doch sehr bitten, Walther, was hat das alles mit mir zu tun? Das da auf dem Bild, das ist nur irgendein junger Mann. Sieht übrigens gar nicht schlecht aus. Aber das heißt noch lange nicht, daß ich es bin. Und du machst Lieschen Angst!

Frau Schall: Ich möchte sofort nach Hause. Vorwärts, Hans! Laß alles stehen und liegen! Sollen sich doch die Studenten nehmen was sie wollen. Wir brauchen nichts. (sie leert die Aktentasche, das Manuskript flattert zu Boden.) So. Sollen sie es doch verbrennen! Laßt uns gehen!

Schall (ruhig): Ich habe Hans Schaal gekannt. Natürlich. Er hatte am selben Tag Geburtstag wie ich, er ist imselben Dorf wie ich auf die Welt gekommen, und beide erhielten wir den Namen Hans. Aber Hans Schaal ist tot. Er starb am letzten Kriegstag. Man hat sogar gesehen, wie er erschossen wurde. Sein Leichnam wurde niemals gefunden, aber er ist tot. Wir sollten die Toten in Frieden ruhen lassen, Lieschen. Ich bin fertig, wir können gehen. Walther, du erzählst ihnen, daß du Hans Schall damals gekannt hast und daß er kein Freund der Nazis gewesen ist. Innere Emigration und so weiter und so fort. Namen sind ohnehin Schall und Rauch.

Walther: Nein, nein. Jetzt müssen wir schon eine neue Taktik finden, mein lieber Hans. Du mußt dich zu allem bekennen. Du mußt dich dem stellen. Du mußt Bedauern zeigen. Wolle den Wandel, wie Rilke sagt! Aus dem SS- Mann Schaal wurde der Demokrat Schall. Du bist ein anderer geworden! Das ist wie mit dem guten und dem bösen Zwilling. Es war Schaal, der es war! Nicht du! Er wars! Und von all den Brutalitäten wollen wir heute auch nichts mehr hören. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei! Nichts mit zertrümmerten Fensterscheiben und eingetretenen Türen! Oder eingeschlagenen Schädeln. Neinnein, einfach nur Planung und Konsolidierung, das war deine Aufgabe, nichts weiter. Nur kein Bedauern! Der Krieg war verloren. Neue Erkenntnisse sprossen aus den Ruinen. Du mußt immer den Schmerz herausstreichen, den deine Läuterung dir bereitet hat! Wie du deinen Fehler erkannt hast! Wie du mit dir gerungen hast! Du bist verführt worden! Dein Idealismus wurde mißbraucht! Und dann mußtest du auch noch deine Uniform verbrennen, die du doch mit soviel Stolz getragen hattest.

Lieschen: Ich hatte gehört, er sei tot. Die Roten hätten ihn erschossen. Ich zog ein schwarzes Kleid an. Ich verlor jedes Interesse an meinem Kind. Ich verwandelte mich in eine Säule aus salzigen Tränen. Und dann klopfte es an der Tür. Ich öffnete. "Darf ich mich vorstellen: Hans Schall", sagte er. Er war in Zivil. Mein Liebster! Sein Haar hatte er tagelang nicht mehr gekämmt. Wir mußten uns eben daran gewöhnen. Schalll, nicht Schaaal! Ja, seine Identität zu wechseln, das ist wahrlich kein Honiglecken.

 

3.Szene: Terzett:

Mag dich die Hoffnung nicht betrügen!

An diesen Glauben halte dich!

Das Glück war gar zu schön gestiegen!

Die Wende war zu fürchterlich,

die Wende war zu fürchterlich!

Mag dich die Hoffnung nicht betrügen!

An diesen Glauben halte dich!

etc.

(Schüchternes Klopfen an der Tür. Eintritt der Journalist Ulrich Viet.)

Viet: Gestatten: Viet, Ulrich. Ich komme vom Lokalblatt. Ich hätte gerne ein Interview.

Spieß: Solln Sie haben. Ihr Interview. Er wird für Sie die Hosen runterlassen. Ich kann mir vorstellen, daß Sie schon darauf brennen! Der letzte aus der Herrenrasse der Übermenschen. Sie sind allen anderen überlegen. Sie besitzen Tugenden, über die eure schlappe Generation nicht mehr verfügt. Bevor wir fortfahren, sagen doch Sie uns einmal, was Ihr Vater im Krieg so alles gemacht hat, Bürschchen!

Viet (selbstmitleidig): Als mein Vater starb, ist er mir diese Erklärung schuldig geblieben.

Spieß: Gar nichts schuldet er Ihnen! Verzeihen Sie mir, Professor Schall, aber ich an Ihrer Stelle würde mit diesem jungen Mann kein Wort sprechen.

Viet: Aber... (reißt sich zusammen) Professor Schaal-Schall, Sie sind einer der raren letzten Zeugen einer Zeit, die immer weniger Zeugen hat. Sie schulden der jüngeren Generation eine Erklärung! Außerdem sind bereits zwanzig meiner Kollegen auf Ihren Fall angesetzt. Sie können also genausogut Ihre Geschichte mit mir absprechen, bevor die andren über Sie herfallen.

Prof. Spieß (zum Journalisten): Sind Sie überhaupt qualifiziert, Prof. Schall auch nur irgend etwas zu fragen? Haben Sie das Buch gelesen, das der Herr Professor geschrieben hat? Der Ursprung der deutschen Komödie. Haben Sie es gelesen? Nein?! Wie können Sie es dann wagen, über ihn zu urteilen? Dieses Buch erhebt ihn himmelhoch über alle Politik. Er ist ein Genie!

Schall: Das ist also der Dank. Man stellt mich an den Pranger, man lacht mich aus, vielleicht schleppt man mich sogar wegen Mordes vor Gericht oder nimmt mir mein Bundesverdienstkreuz ersten Grades weg. Aber mich kümmert es nicht, solange meine Frau und ich nur zusammenbleiben können.

Frau Schaal: Als wir zum ersten Mal heirateten, waren wir noch Kinder. Hans Schaal - er war klug und sah so gut aus! Hansens Mutter war gegen unsere Ehe. Sie war Witwe und wollte einen Mann im Haus haben. Meine Eltern richteten uns zu unserer Hochzeit ein Fest aus, mit Zelt im Garten und Lagerfeuer. Wir haben Würstchen gebraten. Seine Mutter fiel in die glühenden Kohlen. Als wir sie wegtrugen, war ihr ganzer Rücken geröstet. Mit einem Mal stand das ganze Zelt in Flammen, und alle, alle Hochzeitsgäste verbrannten. Ich war erst zwanzig und hatte schon keine Familie mehr. Hans brachte seine Mutter nach Hause, dann kam er zu mir zurück, nahm mich in seine Arme und küßte mich. Seine Haut roch versengt. Das war unsere Hochzeitsnacht. (schluchzt. Der Journalist ist entsetzt.)

Viet: Wie furchtbar!

Alle: Wie furchtbar!

Herr Schall: Sie sehen, wir haben überlebt, weil es uns so bestimmt war.

Frau Schall: Unsere zweite Hochzeit fand dann in weit bescheidenerem Rahmen statt.

 

4. Auftritt ("der vierjährige Posten"), Nr.4: Quartett

Freund, eilet euch zu retten!

Der Presse Regiment kommt jetzt zu euch gezogen,

fort, fort! Ihr seid verloren, man hat ihn ja erkannt!

Ach Gott,er ist verloren, man hat ihn ja erkannt!

Schall:

Die Presse weiß? Unmöglich!

Spieß:

Glaub mir, ich kenn das gut!

Frau Schall:

Es ist um dich geschehen!

Spieß:

Nun gilt es List und Mut.

Schall:

Still, laßt mich überlegen...

mag Rettung möglich sein?

Alle:

Der Himmel mag dich (mich) schützen,

mag dein (mein) Erretter sein.

Frau Schall:

Wie soll er der Gefahr entspringen?

Wie wählt er sich den kühnen Plan?

Wird ihm die Rettung wohl gelingen?

Was soll er tun, was fängt er an?

etc.

Schall(zu Spieß):

Freund, ich glaub, ich habs gefunden!

Bald kehr ich erneut euch zurück!

(zu Frau Schall): Was Gott zur Liebe verbunden,

trennt selten ein widrig Geschick...

Frau Schall und Spieß:

Was hast du dir listig erkoren,

wodurch du gerettet bist?

Schall:

So kommt, keine Zeit sei verloren

Die Presse schreibt immer nur Mist!

Frau Schall:

Mein Hänschen!

Schall:

Vertraue der Stunde und vertraue dem Glück!

Frau Schall:

Mein Hänschen! Ich wills!

Alle:

Was Gott zur Liebe verbunden,

trennt selten ein widrig Geschick.

Etc.Etc.

Was Gott zur Liebe verbunden,

trennt selten ein widrig Geschick.

Etc.Etc.

Prof. Spiess (hält Schall am Ärmel fest): Augenblick noch! Also, Kinder, jetzt wollen wir diesem Herrn mal sein Interview geben! (zu Viet) Sie sind ein Mann von Ehre. Sie werden der einzige sein, der dies je zu hören bekommt. Sie sollen Ihre Schlagzeile haben. Eine Sensation! Das wird Ihrer Karriere förderlich sein! Und Sie verdienen es auch, gefördert zu werden. Ich bin sicher, Sie werden sich Professor Schaals Geschichte anhören, ohne vorschnell zu urteilen. Sie werden nicht urteilen, Sie werden objektiv und sachlich berichten. Meine Herren, bitte setzen Sie sich! Dies ist eine gute Gelegenheit, den Abschiedskuchen anzuschneiden, den die Sekretärinnen für mich gebacken haben.

Prof. Schall: Nein nein Walther! Hier bin ich einmal ganz entschieden nicht deiner Meinung. Ich habe da eine bessere Lösung! (überlegt verzweifelt) Ich habs! Was einmal funktioniert hat, könnte doch auch ein zweites Mal funktionieren! Ich könnte verschwinden und als ein andrer wieder zurückkommen! Na, ist das nichts? Ich könnte diesmal zum Beispiel Jude werden! Ich sage einfach, ich komme von der Ostküste und gehöre dort zu gewissen Kreisen! Das wird ihnen erst mal das Maul stopfen!... Viele sind doch schon Juden geworden, die vorher keine waren!

(Frau Schall gießt Kaffee ein und schneidet Kuchen auf)

 

Arie Nr. 5 ("der vierjährige Posten")

Frau Schall:

Gott! Gott! höre meine Stimme, höre gnädig auf mein Flehn!

Sieh, ich liege hier im Staube, Gott! Gott!

höre meine Stimme! Höre gnädig auf mein Flehn!

Sieh, ich liege hier im Staube!

Allegretto:

Soll die Hoffnung, soll der Glaube an dein

Vaterherz vergehn?

Soll er büßen mit seiner Rente,

nur wegen einer Zeitungsente?

Er hats für mich und die Liebe getan!

Sind all die Wünsche nur eitles Träumen,

zerknickt die Hoffnung die zarten Keime,

ist Lieb und Seligkeit nur ein Wahn?

Sind all die Wünsche nur eitle Träume,

zerknickt die Hoffnung die zarten Keime,

ist Lieb und Seligkeit nur ein Wahn?

Allegro affettuoso:

Nein, nein, das kannst du nicht gebieten,

das wird dein Vaterherz verhüten,

Gott, du bist meine Zuversicht!

Nein, nein, das kannst du nicht gebieten,

das wird dein Vaterherz verhüten,

Gott, du bist meine Zuversicht!

Du wirst zwei Herzen so nicht trennen,

die nur vereinigt schlagen können!

Nein, Vater, nein, das kannst du nicht!

Mein, Vater, nein, der bist du nicht!

Nein, Vater, nein, du kannst es nicht!

etc.

(der Journalist ist bereits tief bewegt)

Schall:

Sieh, liebes Weib, was ich ersonnen.

Jetzt nehm ich meinen Posten ein,

Und glaube mir, ich hab gewonnen,

gelingt es mir, ein Jud zu sein!

Frau Schall: Versteh ich dich recht? Das glaubt dir doch kein Mensch! Niemals! Früher vielleicht. Jetzt nicht mehr.

Schall:

Doch, es muß glücken!

Ich stelle mich, mit Hut am Kopf,

und mein Bündel auf dem Rücken

Dorthin, wo ich sie einst stellte an die Wand.

Mein Haus, das mußte ich verlassen,

durch böser Menschen Strafgericht!

Damit man vergaß mich umzubringen,

spielt ich den Nazi und wankte nicht.

Ich sagte damals, ich sei ein andrer,

nämlich ein SS-Mann mit Namen Schaal!

Heut hofft' ich wieder, ich wär ein andrer,

am besten ein Jud mit seinem Schal.

Frau Schall:

Ach, Hänschen! Kann die List gelingen?

Ich glaube nicht, zuwenig plausibel scheint es mir.

Lieber der Höll' als der Presse entspringen!

Komm, flüchte lieber, ich folge dir!

Schall:

Das müßte erst recht Verdacht erregen.

Die Unschuld muß verwegen sein!

Man sucht mich sicher auf allen Wegen,

und holt gewiß den Flüchtling ein!

Nur als ein Jude kann man Verdacht nicht erregen,

so einer will ich jetzt sein, so einer will ich jetzt sein!

Nur ein Jude kann in Deutschland Verdacht nicht erregen,

ich will einer sein! Ich will einer sein!

(seine Frau und Prof. Spieß eilen zu ihm und versuchen pantomimisch, ihn von seiner Idee wieder abzubringen, während Schall schon beginnt, die Vorhänge herunterzureißen, um sich einen Kaftan zu machen und sich zu verkleiden.)

(Inzwischen hört man im Hintergrund das anschwellende Gemurmel wütender Studenten und Journalisten. Armee!).

 

6. Marsch und Soldatenchor aus "der vierjährige Posten"

(in der Ferne beginnend und immer näher kommend..., während des Duetts Prof.Schall/Frau Schall:)

Prof.Schall: So. Sie kommen. Ich muß mich verkleiden! Fort, Liebste, ich bin jetzt ein andrer!

Frau Schall: Du darfst jetzt nicht kriechen, bleib immer nur du! Nur als er selbst lebt ein Mann doch in Ruh.

Prof.Schall (läßt sich überzeugen): Du hast ja so Recht, mein Herz, fort mit dem Zeug! (wirft den Vorhang weg) Mutig voran nun, mit dir an meiner Seit'!

Frau Schall: Wohlan, ich trau auf dich und die Liebe und bete für dich!

Prof. Schall: Nur einen Augenblick, meine Liebste, adieu! Frau Schall: Ich vertraue dir, Liebster! Und eins steht für mich fest: Was auch passiert, du wirst immer wieder zu mir zurückkommen!

Beide: (eng umschlungen) Schicksal, komm! Wir erwarten dich!

 

7.Auftritt, (Soldaten-)Journalistenchor aus: "der vierjährige Posten)

Lustig in den Kampf,

lustig aus dem Kampf!

Frisch durch Sturm und Pulverdampf!

Leser schäumen, Menschen träumen,

Leser schäumen, Menschen träumen,

frisch durch Blei und Pulverdampf!

Geld und Lieb'und Freude,

junges Weib mit altem Schwein,

das ist all unsre Beut'!

Mädchen, schenkt die Gläser ein,

laßt die Alten grämlich sein!

(Die Meute strömt zur Tür herein.)

Schall: Wer ruft mich?

Journalist: Verräter! Herab mit dir!

Schall:

Ich stehe Wacht.

Und gehe nicht von meinem Platze,

den ich seit mehr als fünfzig Jahren treu bewacht.

Zuerst war kurz ich ängstlich noch und feige,

doch nun steh brav ich wieder hier habt acht.

Als Opfer wollt ich feig mich drücken,

doch vor der Presse werd ich mich nicht bücken.

Journalist: Tollkühner Bube! Auf, nehmt ihn gefangen!

Schall: Mein Ruf ist heilig, wagt es nicht!

Journalist und Journalistenchor:

Er hat seinen Adler treulos verlassen,

und hat gesagt, er sei Demokrat.

Nun macht die Presse, daß alle ihn hassen,

weil er seinen Fehler nie zugegeben hat.

Journalist: Packt ihn! Wenn nötig, an seiner Ehre!

Schall:

Ihr wißt, Kameraden,

daß ich erst abgelöst werden muß.

Meine Uni hab nie ich verraten,

ein Germanist blieb ich bis zum Schluß.

Journalist:

Trotze nur, es erwarten dich Schlagzeil'n,

Dich erwartet ein grausam Gericht!

Schall:

Verkleidet als Jud wollt feig ich mich retten,

doch mein Name hat immer noch Gewicht.

Jetzt gilt es meine ganze Karriere!

Nun wanke und weiche ganz sicher ich nicht.

 

6.Szene (Quintett mit Chor, Nr.9 aus "Die Zwillingsbrüder"):

Packt ihn, führt ihn vor Gericht,

Schall:

Haltet, mich bezwingt ihr nicht!

Packt ihn, uns entkommt er nicht!

Schall:

Haltet, hört, was Klugheit spricht!

Laßt ihn ungeschoren wandeln,

gibt er zu, was er geschaut.

Nach Gefallen mög er handeln,

Lieschen bleibt ihm angetraut.

Nach Gefallen mög er handeln,

Lieschen bleibet seine Braut.

Schall:

Alle Wetter, wollt ihr schweigen!

Fest bestimmt bleibt meine Wahl.

Über Berge soll ich steigen,

laufen soll ich noch einmal?

Niemals! Leugnen will ich nicht!

Chor:

Nicht? Nicht? So führt ihn vor Gericht!

etc.etc.

 

2. Akt

Rückblende: fünfziger Jahre. 7. Ouverture: Die Zwillingsbrüder

(Vorbereitungen für ein kleines Fest bei den Schalls. In einem der westlichen Vororte von Berlin. Ein kleiner Junge, Michael, läuft herum. Hinter dem Haus kommt Walter Spieß, er beobachtet, wie die Gäste eintreffen. Er ist schlampig gekleidet. Die Braut, Frau S., in Lockenwicklern und Bademantel, hält gerade ihr Schönheitsschläfchen. Ein Tisch ist für den Nachmittagskaffee gedeckt. Die Gäste spähen herein zu dem Paar, während Herr Schall versucht, seine Frau mit Introduction Nr.1 (1.Szene aus "Die Zwillingsbrüder") zu wecken (Chor im Hintergrund dazu).

Verglühet sind die Sterne, der Morgen graut

Die Sonne ist nicht ferne, erwache, o Braut!...

Ihr Glanz wird bald bescheinen das hochentzückte Paar,

auf ewig sie vereinen am festlichen Altar.

Und Lieschen kann noch säumen, beglückte Liebe wacht

Entsage nun den Träumen, da Wirklichkeit Dir lacht.

etc. etc.

Schall (seine Frau an sich drückend): Und jetzt wird es Zeit, unserem Michael ein paar kleinere und größere Wahrheiten zu eröffnen, meinst du nicht auch? Na los, Mädchen, zieh dich endlich an! Die Gäste sind schon alle versammelt.

(Sie nimmt die Lockenwickler heraus. Der kleine Bub kommt herein.)

Schall: Michael, wie du weißt, habe ich gerade deine Mutter geheiratet. Gleichzeitig habe ich aber auch einen Adoptionsantrag für dich gestellt. Von jetzt an darfst du mich ganz offiziell Papa nennen.

Gäste: Wie reizend, ein dreifaches Hoch!

(Das Kind läuft schreiend hinaus.)

Schall (zur Braut) wenn er 18 ist, werden wir ihm die ganze Wahrheit sagen. Daß ich nämlich wirklich sein Vater bin. Das wird ein Schock für ihn sein, aber er wird darüber hinwegkommen. Und jetzt laß uns feiern, daß wir endlich eine richtige Familie sind!

Die Gäste: Wie romantisch, wie wundervoll!

Schall (zur Braut): ...Außerdem... Ach, Liebste, zum Teufel mit deiner Witwenpension!

Frau Schall (weinerlich): Zum Teufel mit 57 Mark?

Schall: Bald wird sich meine Position deutlich verbessern, du wirst schon sehen! Ich habe so viele Freunde, die nur darauf warten, mir helfen zu können.

Gäste: Wunderbar... alle ihre Sorgen und Nöte scheinen sich in Luft aufzulösen!

Schall: Mein liebes Kind, du mußt dir jetzt keine Sorgen mehr machen! Unsere Zukunft liegt schnurgerade und übersichtlich vor uns. Wie eine deutsche Autobahn. Los, zieh dich an! Ich habe gerade einen kleinen Artikel über diese Ratte, diesen Feigling geschrieben, der sein Vaterland in dessen dunkelster Stunde verließ. Als es ihn doch am dringendsten gebraucht hätte. Und jetzt fällt er unserem Deutschland auch noch in den Rücken, dieser Thomas Mann. Er verdient seinen Zunamen nicht. Die Zeitschrift zahlt nicht viel. Aber jeder Pfennig bringt uns unserem eigenen Wagen näher.

 

9. (nr 2, Duett aus: "die Zwillingsbrüder")

Vor dem Busen möge blühen

Was die Liebe dir verehrt

aber in des Herzens Tiefe

sei ein Plätzchen mir gewährt!

Wenn schon lange welkt das Sträußchen

vor der ewig treuen Brust,

lebe noch im Herzensgrunde

der Geliebte, meine Lust.

Liebe trotzt den Elementen,

sie, die eine Welt sich schafft.

Freude lehrt sie, neue Freude lehrt sie,

Leiden gibt sie Riesenkraft.

Seufzend zählte ich die Tage

Seufzend zählte ich die Stunden

Ach! Die böse Zeit, sie schlich

Tage wurden mir zu Jahren,

denn nach Stunden zählte ich...

etc.etc.

Tage wuchsen mir zu Jahren

denn nach Stunden zählte ich,

etc.

Doch wohl, wohl uns, wir sind am Ziele,

wohl uns. Sie verstrich, die lange Zeit.

O Himmel, jetzt gib unsern Tage Dauer einer Ewigkeit

wohl uns, wir sind am Ziele..

etc.

(Walter Spieß ist in den Vordergrund der Bühne getreten. Er stört die Gäste, die dem Paar gerührt zuschauen.)

Spieß: Ich bitte um Verzeihung, wohnt hier die Witwe Schaal?

Prof. Schulz: Jetzt nicht mehr.

Spieß (enttäuscht): Oh! Sie ist fortgezogen! Ich habe in Sibirien die ganze Zeit von ihr geträumt. Ihr Bild hat mich zehn Winter lang gewärmt. Ich habe gehört, ihr Mann sei gestorben. War einfach zum Anbeißen, die Frau! Er hat mich gebeten, mich um sie zu kümmern, falls ihm etwas zustoßen sollte. Ich versprach es. Ein Mann, ein Wort! Nun bin ich aus der Gefangenschaft entlassen, und mein erster Weg führt mich zu ihr.

(Inzwischen ist Frau Schulz hereingekommen, um ihre beste Freundin, Frau Schall, zu sehen. Sie knöpft ihre Bluse auf, hebt ihr Unterhemd hoch und zieht etwas Feuchtes in durchweichtem papier heraus.)

Frau Schulz: Für dich, Liesl! Ein Geschenk.

Frau Schall: Ilse! Koteletts! Aus dem Osten? Du bist ein Engel!

Frau Schulz: Und zu einem guten Preis. Die haben ja kaum noch was. Eins kann ich dir sagen - die Kommunisten sind bankrott!

Frau Schall: Wir haben doch auch nicht viel. Früher wußte ich, wie man gut wirtschaftet. Aber heute? Die Miete muß bezahlt werden, da hilft nichts. Da läßt sich nicht viel auf die hohe Kante legen.

Frau Schulz: Warum eßt ihr denn nicht Margarine anstatt Butter?

Frau Schall: Nein, das ginge denn wirklich zu weit! Das kann ich meinem Hans nicht zumuten! (zu ihrem Sohn) Michael, du legst das Fleisch auf das hintere Fensterbrett! Mein Herzensschatz nennt mich manchmal Kind, aber ich bin kein Kind. Ich bin eine schon etwas ältliche Braut.

 

10, (Nr.3 aus "die Zwillingsbrüder") Arie

Mein Liebster mag wohl immer Kind mich nennen.

Ich weiß, daß ich kein Kind mehr bin.

Wo wäre denn mein kindlich froher Sinn?

Der Busen glüht,

die Wange fühlt ich brennen

Ich weiß, ich weiß, daß ich kein Kind mehr bin.

Sonst, flog ich,

kaum von Vögeln zu erreichen

und sang mein Lied wie sie aus froher Brust.

Doch jetzt, doch jetzt, der Schnecke gleich

sieht man mich schleichen,

und Seufzer schwellen mir die Brust;

Ich weiß, daß ich kein Kind mehr bin.

Sonst hörte ich mein Taubenpärchen girren,

ich sah die Zärtlichen und freute mich.

Doch jetzt, ihr süßes Spiel kann mich verwirren

Ich fühle... oh was fühle ich?

Diese Sehnsucht dieses Ahnen dieses Brennen,

Dies Wohl und Weh fühlt nicht des Kindes froher Sinn.

Mein Liebster mag wohl Kind mich nennen.

Ich weiß, daß ich kein Kind mehr bin

etc.

(Spieß lauscht gerührt)

Prof.Schulz: Jaja, Sie hören ganz richtig, das ist sie! Aber ich muß Sie enttäuschen. Sie hat sich gerade wieder verheiratet. Die Zeiten sind nicht mehr romantisch, jedenfalls nicht mehr so wie früher. Wir haben jetzt so viele Sorgen und Probleme. Unser Deutschland blutet aus so vielen Wunden. Allerdings, wenn Frau Schall dort in Sibirien ein bißchen Wärme in Ihr Leben gebracht hat, dann haben Sie doch alles, was Sie sich nur wünschen konnten, von ihr bekommen. Hier ist ihr neuer Mann. Ein gewisser Herr Schaal. Er ist ein guter Mensch. Sie ist sehr glücklich.

Spieß (verblüfft, da er Herrn Schalls ansichtig wird): Na, das freut mich aber zu sehen, daß der neue Ehemann sogar in jeder Einzelheit noch genau so gut ist wie der alte.

Schulz: Wie haben Sie Herrn Schaal denn kennengelernt?

Spieß: Wir waren imselben Gewerbe.

Schulz: Ein Gelehrter sind Sie? Willkommen! Das sind wir alle hier. Auch Herr Schaal ist Gelehrter. Ein glänzender Kopf! Er hat gerade einen eindrucksvollen Artikel über Thomas Mann geschrieben. (die übrige Gesellschaft hört ihnen jetzt zu) Haben Sie schon gelesen, Eduard? (wild) Er gibt ihm Saures!

Spieß: Ihr erster Ehemann war auch schon ein hervorragender Gelehrter. Wir haben zusammengearbeitet. Und dann hatte ich leider Pech. Jedenfalls mehr als er, seinen Tod mit eingeschlossen. Das Schicksal hat mich herumgeschleudert wie ein leckes Boot auf den Wellen. Ich landete im weißen Permafrost Sibiriens.

 

Nr.11 (Nr.4 aus "Die Zwillingsbrüder") Arie:

Mag es stürmen, donnern, blitzen

öffnen mag die See den Schlund.

Auf der Wasserberge Spitzen

und des Meeres tiefstem Grund

zeigt der Schiffer hohen Mut

trotzend der erzürnten Flut

(etc.)

(Die Gesellschaft schweigt, sehr gerührt. Wann immer Schulz spricht, stimmen sie ihm zu, murmeln manchmal auch zustimmend mit..)

Schulz: Jetzt müssen Sie sich keine Sorgen mehr machen, Herr... Herr...äh...

Alle: keine Sorgen mehr... keine Sorgen mehr...

Spieß: Gestatten.. Walter Spieß mein Name.

Prof.Schulz: Herr Professor Spieß! Es ist mir eine Ehre! Willkommen daheim. Bessere Zeiten können wir Ihnen allerdings nicht anbieten.

Spieß: Ja. Wie ich höre, muß man sich jetzt mit den Besatzungsmächten arrangieren. Die haben keine Ahnung von Deutschland und werden mir gewiß jede Menge idiotischer Fragen stellen. Die Amerikaner sind ja von Natur aus nicht sehr helle. Das kommt vom Kaugummikauen. Das erzeugt eine permanente Gehirnerschütterung, habe ich mir sagen lassen.

Schulz (aufgeregt): Sie sagen es! Können Sie sich das vorstellen... Ich muß meine Stelle mit einem Juden teilen, den ich 1933 persönlich entfernt habe, und dessen Bibliothek unter unsere Kollegenschaft aufzuteilen ich dann 1937 die Freude und das Vergnügen hatte. Dann, ohne einen Funken von Scham, kam dieser Mensch 1946 einfach wieder zurück, können Sie sich so etwas vorstellen? Verlangt der doch glatt seine alte Stelle wieder, und die Amis, die über keinerlei natürliches Taktgefühl zu verfügen scheinen, haben sie ihm auch noch gegeben! Und nur weil ich mir während der Nazizeit nichts zu Schulden kommen ließ, - immerhin habe ich keinen persönlich erschossen! - haben sie mir zugemutet, der Kollege dieses Juden zu werden. Dr.Spieß, falls Sie in Ihrem Sibirien geglaubt haben sollten, Deutschland sei immer noch das Paradies wie früher, dann haben Sie sich aber gründlich getäuscht. Sie können sich auf etwas gefaßt machen! Aber immerhin, die Heimat hat uns wieder: schauen Sie nur, der Tisch ist schon für Kaffee und Torte gedeckt! (er geht ab, läßt Spieß allein zurück)

 

13 Nr.6 (Achtung: wechselt zwischen 12 und 13!)

Arie Spieß:

Liebe teuere Mutter Erde,

sieh dein Kind, es kehrt zurück.

Nur am heimatlichen Herde

fühlt man ganz das Lebensglück.

Hütten, Hügel, Sträuche, Bäume,

alte Freunde steht ihr hier

Himmels Wonne, süße Träume,

meine Jugend zeigt ihr mir.

Schall (tritt ein, entsetzt, erschrocken): Spieß! Du lebst!

Spieß: (drohend) Hans. Ich muß schon sagen: sehr tot siehst du mir aber nicht aus. Ich bin den ganzen weiten Weg hierher gekommen, um deine Witwe zu heiraten. Und jetzt scheine ich vollkommen fehl am Platze zu sein.

Schall: (zu Schulz) Den wollen wir hier nicht! Der wird uns alle noch unsre Jobs kosten! (flehend zu Spieß) Spieß! Du bist doch einer von uns! Ein Mann mit Prinzipien. Zerstöre unser Glück nicht, ich flehe dich an!

(Inzwischen hat auch Frau Schall den Besucher gesehen)

Frau Schall (entsetzt): Er wird meine Ehe zerstören. Als er mir die Nachricht brachte, daß Hans im Kampf um Berlin gefallen sei, da habe ich darauf reagiert wie jede Frau, die nach Zuneigung hungert.

 

12. (nr.5 aus: "Die Zwillingsbrüder". Quartett) Spieß, Schall, Schulze, Frau

Schall

Spieß:

Zur rechten Zeit bin ich gekommen.

Zu spät vielleicht, so scheint es mir.

Schulze:

Er deute sich zu seinem Frommen,

was warnend ihm vor Augen steht.

Lieschen/Frau Schall:

Ich stehe wie vom Blitz getroffen, der böse Spieß,

weh uns, er kam, weh uns, er (kam) ist...

Schall:

Verzage nicht, o lass uns hoffen, er ist doch auch ein

Germanist! (dein Hänschen bleibt dein Bräutigam)

Schall, Lieschen/Frau Schall:

Im Sturme laß uns mutig stehn

Spieß:

wie wird es mit der (Hochzeit) Zukunft gehn?

Schall, Lieschen/Frau Schall:

Wer trennt treue Herzen?

Spieß:

(Bin ich der Bräutigam, ists er?) Ich bin ein Germanist.

Und er? Wie zärtlich dort die Täubchen stehn.

Schulze:

Ist jener dort (der Bräutigam) der Germanist? Ists er?

Wie wird es (mit der) in der (Hochzeit) Zukunft gehn?

Lieschen/Frau Schall, Schall:

Wer trennt treue Herzen? Daß wir uns lieben, mag er ja sehen.

Der Störenfried! Der Satan der!

Daß wir uns lieben, mag er ja sehen

Spieß:

Wie mitleidsvoll sie auf mich sehn, die Schelmin,

der Satan der...

Schulze:

In Luft und (Meer) Schnee kann er bestehen

(aus Algier kommt er glücklich, kommt er glücklich her),

Sibirien bringt er, Kälte bringt er zu uns her... (etc.)

Werter Herr Professor Spieß, ich muß Sie dringlich bitten, uns die Stimmung wenigstens an einem solchen Tage nicht zu verderben! Wir werden Ihnen natürlich eine Stellung verschaffen. Sie sehen mir ganz nach einem erstklassigen Akademiker aus. Und jetzt lasset uns essen und unsere Gläser auf das glückliche Paar erheben!

Prof.Spieß: Abgemacht! Kompliment angenommen. Die Stelle auch. Aber Hans (er zieht ihn beiseite) dieser Artikel, den du da gerade über Thomas Mann schreibst... hast du da nicht noch'nen Trumpf im Ärmel? Mensch, es wird langsam Zeit, daß du endlich ein Buch schreibst! Das Buch zur Zeit. Etwas, tja, etwas, wie soll ich sagen, also etwas, äh... Demokratisches vielleicht. So schlimm ist das nun auch wieder nicht...! Wir müssen jetzt leider unsere Taktik ändern, Hans!

Hans: Wer ja sagt zur Demokratie, der sagt auch ja zur Demagogie! Aber was soll uns das noch kümmern? Uns hat das schon genug Ärger eingebracht!

Spieß: Und dem sollte man in Zukunft doch lieber aus dem Weg gehen, meinst du nicht? Jetzt müssen wir den aufrechten Gang üben. Die Demokratie braucht Leute mit Rückgrat. Sie braucht jemand wie dich, Hans! Und wenn du dabei auf einem dicken Buch stehst, wirst du sogar noch viel größer aussehen!

Hans (kapiert noch nicht): Wenn die Zeiten so hart sind, ist es schon hart, lange Artikel zu schreiben. Aber ein Buch! Mensch!... Das ist etwas, das ich mir aufhebe, wenn ich mal etwas freie Zeit habe...

Spieß: Sei doch nicht so entsetzlich bescheiden, Hans! Veröffentliche was du hast! Ich erinnere mich, einmal ein dickes Manuskript auf deinem Schreibtisch liegen gesehen zu haben.

Hans: Spieß, du hast schon immer gute Ideen gehabt! Was waren wir damals doch für ein gutes Gespann! Und gemeinsam werden wir den Karren auch wieder aus dem Dreck ziehen! Spieß: Laßt uns also auf das neue, bessere Deutschland trinken! Auf Treue und Loyalität!

 

14. (Nr. 7 aus: "Die Zwillingsbrüder") Duett mit vielen Männerstimmen, die mit Spieß und Schulz mitsingen.

Nur dir will ich gehören,

bestehen soll der Schwur.

Und unser Glück nicht stören

des kleinsten Zweifels Spur.

Den Schützer treuer Seelen

sei süßer Dank geweiht,

bei dir, was kann mir fehlen?

Was fehlt der Seligkeit? (etc.)

3. Akt

(Stille)

(Ein Salon mit vielen Büchern, ein Klavier. Die Tür wird krachend eingetreten. Eintritt SS Obersturmführer Schaal in Uniform. Er schlendert im Zimmer umher und betrachtet die Bilder. Macht hier und da etwas wie beiläufig kaputt. Er sieht einen Phonographen, eine Schallplatte darauf, bereit abgespielt zu werden. Er stellt das Gerät an. Adagio aus Schuberts C-Dur-Quintett. Es gefällt Schaal sichtlich. Er mustert ein Bild an der Wand, nimmt es ab. Er studiert die Bücher, notiert sich Titel. Papiere liegen auf einem Tisch. Er hebt sie auf. Ein Manuskript. Die Platte bleibt hängen, wiederholt immer wieder dieselbe Stelle. Er dreht den Phonographen ab, studiert die Papiere. Liest laut den Titel: "Der Ursprung der deutschen Komödie". Er steckt das Manuskript achselzuckend in seine Schultertasche.)

(Die Bühne verwandelt sich.)

1995, Salon bei den Schalls. Schall sehr elegant gekleidet, trägt alle seine Orden. Sieht sehr jung und auch gut aus für sein Alter.

 

13. (aus: "der vierjährige Posten", Nr 6, Marsch und Soldatenchor)

(Die Journalistenmeute strömt zur Tür herein. Sie umringen Schall an einer Seite, an der anderen die Professoren.)

 

Chor der Journalisten (leise im Hintergrund, und zwar wie 7.Auftritt, 1.Akt, nur eben p! Nicht f!):

Lustig in den Kampf! lustig in den Kampf!

Frisch durch Sturm und Pulverdampf!

Leser schäumen, Menschen träumen,

frisch durch Blei und Pulverdampf!

etc. etc.

Währenddessen laut, im Vordergrund, von jeweils einzelnen gemeinsam gesprochen:

 

Chor der Professoren:

Er wußte nichts. Er wußte nichts.

Und wenn doch, was hätte er tun solln?

Und wenn doch, was hätte er tun solln?

Journalisten:

Dreist ist er. Und kalt ist er. Eben ein Unbelehrbarer.

Professoren:

Jetzt ist er alt. Er hat bezahlt.

Journalisten:

Aber nicht in der alten Gestalt.

Jetzt ists mit seiner Karriere aus.

Alle:

Jetzt weiß es jeder. Jetzt ist es raus.

Professoren:

Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Und das Schicksal lacht immer am lautesten.

Journalisten:

Ja, wir haben alle das Schicksal lachen gehört!

Es lacht immer denselben.

Schall:

Ich gebe mich, wie ich versprochen.

Doch seh ich nicht, was ich verbrochen.

Da ich nicht von der Fahne lief.

Da trat ich gern auch Türen ein,

zum Glück war keiner mehr daheim,

als der Befehl nach Osten rief.

Meine Pflicht habe nie ich vergessen,

mir war kein Fehler beizumessen.

Nur ein paar Bücher wollt ich dort holen,

Das Wissen gehört allen, ich habs nicht gestohlen!

Und als ich mich herunter wagte,

Und spät nach meinen Brüdern fragte,

war von Soldaten nichts mehr zu sehn,

daher konnt auch ich nach Hause gehn.

Das habe ich also gern getan,

traf Frau und Kind dort munter an.

Hab statt der Pistole ein Buch genommen

und mich nie mehr danebenbenommen.

Frau Schall:

Und weil er fleißig war und treu,

ist er heute wieder wie neu.

Prof.Schall:

Was mal üblich war, tut man nicht mehr, nein,

ungebeten geht man nicht in eine Wohnung hinein.

Nie wieder! Ich versprech's!

Von gestern wollen wir schweigen,

uns als anständige Demokraten zeigen.

Nur noch die Zukunft zählt für uns heute

Vergeßt was vergangen, hört auf mich, Leute!

Alle:

Und weil er fleißig war und treu,

ist er heute wieder wie neu. Frau Schall:

Tausend Jahre erscheinen mir wie ein einziger Tag.

Es ist vorbei. Drum laßt ihn jetzt frei!

Es ist vorbei. Drum laßt ihn jetzt frei!

Alle:

Es sei!

(Journalisten ab)

14. (Finale vierjähriger Posten) Ensemble:

Schöne Stunde, deine Worte lügen nicht.

Schöne Stunde, die uns blendet,

Glück, wie hast du dich gewendet.

Deine Wörter lügen nicht!

Der nur kennt des Lebens Freude,

der nach wild empörtem Streite

ihre schöne Blüte bricht!

Schöne Stunde die uns blendet

Glück, wie hast du dich gewendet,

deine Wörter lügen nicht!


 


Bild aus: "Der Spiegel" 48/2003

1.12.2003


Der tausenjährige Posten © 2003 Irene Dische/Elfriede Jelinek

 

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