Neid

Privatroman

Fünftes Kapitel, g

 


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  (schon wieder sage ich das Gegenteil, für die Heimischen natürlich, für die, welche ein eigenes Heim hatten!) gewaschen haben, die nichts andres, Besseres zu tun hatten als zu waschen. Ausschließlich Frauen, die ausgeschlossen sind, heute und immerdar, mit Ausnahme der Gräfin B., welche ihren Gästen eine zusätzliche Unterhaltung durch das Hauen und Schießen auf Menschen bieten wollte, nicht gesagt, nicht getan, wahrscheinlich nie stattgefunden, und wenn, dann nicht in dieser Zeitschrift, ausgeschlossen, das ist alles geschehen, aber nicht belegt und ohne die Gräfin, und alle Frauen haben immerdar gewaschen, daß es sich gewaschen hat, mit Ausnahme der Gräfin, die sogar ihr eigenes Heim angezündet hat, damit es ganz verschwinden sollte, was jedoch ebenfalls eine Lüge ist, ich kann sie von der Wahrheit längst nicht mehr unterscheiden, aber das, was bleibt, hat sich gewaschen,  damit diese Frau sich nicht mehr weißer waschen muß, sonst verschwindet sie noch, aber sie ist ohnedies längst tot, und, wie ich schon sagte, diese Frauen alle schupfen ihren Haushalt von einer in die andre Hand, obwohl sie inzwischen recht ordentlich Karriere machen könnten. So, nochmal: Schnelle Umkehr! U-Turn. It’s  your turn now! Es endet also am Anfang, wie es begonnen hat. Dazwischen: nichts. Also muß man gar nicht erst warten. Mein Kunstwerk sank soeben herunter, es ist ohnmächtig geworden, es war leider überfrachtet, überlastet, ja, auch überhastet, dafür aber vollkommen gratis, ich betonte das schon mehrmals, es hat es mit der Macht probiert, dieses Werk, es hat ohne Gewehr auf die Macht angelegt, es hat sich mit der Macht angelegt, aber das hat


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alles nicht funktioniert, und jetzt ist es halt ohnmächtig, obwohl ich es doch so hochgehalten hatte, mein Werk, mein liebes Werk, das leider nur mir lieb und keinesfalls teuer ist, und bleibt liegen, unter grünlichem Wasser voller Algen. Das wird nicht mehr hochkommen. Wetten? Doch, nicht einmal das stimmt, mit den und durch die Fäulnisgase wird es wieder hochkommen können. Und die Frau Lehrerin? Es geht doch nicht einmal wirklich zur Sache, da ist es schon wieder vorbei mit der alten Sau, genau!, bei der interessiert uns kein Anfang, und das Ende kennen wir doch jetzt schon, das Ende hinter Gittern, wo sie vielleicht immer noch ist, sie wird gar keinen Unterschied merken, im Gegensatz zur feschen blonden Bäris, die ihn schon gemerkt und zu Gott gefunden hat und zur Scheiße mittels Einlaufs (Klistiers), innerhalb weniger Tage, zu Gott in Rekordzeit, zur Scheiße noch schneller, woher sie kam, das göttliche Kind, daran glaubt sie jetzt selbst sehr fest, denn von wem sonst als von Gott sollte solch ein himmlisches Wesen denn kommen, so ein himmlisches, das himmlische schlechthin, das wir in der Farb-Abrichtung Blond gewählt haben. Man kann sagen, diese Frau Lehrerin besorgt es ihm, dem Knaben auf der Heide, im Wald täte sie es nicht, da stechen einen die Nadeln und abgefallenen Zweiglein der Bäume in den Hintern, und die Verlassenschaften von anonymen Tieren verlassen einen nicht, so, wir haben die Situation fixiert: Sie besorgt es dem Knaben, die Lehrerin besorgt es ihm, recht ungeschickt übrigens, aber immerhin, er hat noch nicht viele Vergleichsmöglichkeiten in seinem Alter, der Bub, mit seiner Vollendung in ihren Mund hinein, ich sagte das bereits, woanders, aber es hat


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mir so gut gefallen, warum sollte ich es also nicht noch einmal verwenden, woanders?, statt den Kopf hängenzulassen und mir ein andres Wort auszudenken, das Sie auch nicht verstehen werden, und ich habe es gelesen, das Wort, das nicht Fleisch werden wollte, im Gegensatz zum Fleisch, das nicht Wort werden wollte, zumindest bei mir nicht, bei jemand anderem schon, aber bei mir nicht, weil ich so etwas vorher noch nicht gehört hatte, und es hat mir so gut gefallen, allein das Wort Vollendung gefällt mir dermaßen gut, daß ich es auch auf mich anwenden würde, wenn ich dürfte, aber ich darf ja nicht. Sie wollen es ja nicht! Die Frau vollendet nichts, denn wenn sie glaubt, etwas vollendet zu haben, dann muß sie wieder von neuem anfangen, drüber reden genügt nicht, wird nie genügen, denn die Sprache des Mannes ist eine andre als die der Menschheit, nur in Rechnitz sprach eine Frau Graf, nein, die sprach in Wimbledon und eine andere wiederum, Läuferin von Beruf, sprach einmal zu oft einer Flasche Mineralwasser zu und konnte danach nicht mehr zur Olympiade antreten und selbstverständlich auch nicht anlaufen, mit noch soviel Zuspruch nicht, ich meine eine andre Frau Gräfin, aber so sehe ich es eben immer noch, daß, mit wenigen Ausnahmen, nur der Mann spricht, so ist das mit der Vollendung, die dem Mann gewidmet ist und von ihm kommt, äh, ich meine, die der Mann uns Damen widmet, nein, ich ändere meine Meinung nicht so schnell, ich sehe es irgendwo geschrieben, wenn auch nicht grad in der Flammenschrift vor einem Schloß im Burgenland: gewogen und für zu leicht befunden, also das zeigt meine Waage nun garantiert nicht an, bin froh, wenn ich innerhalb der von ihr für mich vorgesehenen


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Norm bleibe, wie auch immer, ich muß es nur noch abschreiben, was da steht, ohne auf die Waage steigen oder meine Worte auf die Goldwaage legen zu müssen, das alles geht ja schnell und bringt mir auch nichts ein, was aber aus Not, aus reiner Notwehr, da ich mich Menschen nicht mehr zur Verfügung stellen kann, von mir als Vorteil recht erwünscht ist. Ich gebe vor, daß es erwünscht ist, und jetzt beweise ich es mir selbst. Soll wirklich alles, alles verschwinden, was von mir übrig ist, und Leben habe ich keins und habe ich daher auch keines zu verschenken, höchstens eins zu vergeuden? Ja. Das gilt aber für jede Frau. Ich bin da nichts Besonderes. Sobald sie nichts zu verschenken hat, kein Kind, nichts, soll sie gefälligst verschwinden, gestern wäre noch zu spät gewesen. Da der Mann überflüssig und Quelle der größten Schrecken ist, soll besser die Frau verschwinden. Ich finde das nicht logisch. Aber ich kann eh nicht logisch denken. Wenn die Frau endlich verschwunden ist, in manchen Ländern darf sie ohnedies gar nicht erst geboren werden und lebend zum Auftritt erscheinen, hat der Mann vielleicht keinen Grund mehr, so gemein zu ihr zu sein und sie notfalls selber umzubringen, sobald sie nach Hause kommt, diese Frau, von der ab und zu die Rede ist: Sie öfter vorkommen zu lassen, schaffe ich offenkundig literaturtechnisch nicht, es ist mir zu schwer, aber sie spricht ja selber auch nie, sie sagt mir nicht, was ich schreiben soll, diese Frau mit ihren armseligen kleinen Einkäufen (sogar D. weint schon, daß ich so wenig einkaufe, dabei muß er es holen und sollte froh sein, daß er mir nicht soviel beim Tragen helfen muß), da ist es schon vorher ausgemacht worden, daß der Bursch bereits


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reglos mit nacktem Unterkörper, die Hose bis zu den Knöcheln hinuntergezogen, wie ein Geschenkpaket auf sie, die Frau, nein, auf seine, nein, nicht seine, aber doch eine Lehrerin knospriger, knuspriger Geschöpfe, warten soll, wenn er dieses Auto will, wenn er es immer noch will und bereit ist, das alles dafür auf sich zu nehmen, wobei bei ihm unsichtbares Gelächter ausbricht wie ein sinnlos herumhüpfender Gelächterbrand auf einer leeren Glasfläche in einem leeren Haus (er weiß ja nicht, daß dort die neue junge Freundin aus seiner Klasse, die noch dazu ganz genau seine Klasse hat, auf ihn warten wird, morgen oder wann immer, auf die Zeit, die vergeht, achten wir hier nicht so, wir achten auf den Raum, den wir einnehmen, jeweils eine Bildschirmgröße lang, keinen Millimeter länger), er sieht ja, wann die Freundin kommt, und der Bub sieht die Lehrerin mit seinen Augen, da sie kleine Ersparnisse hat, etwas, das ganz eigen ist, und für das er Überzeugungen und ganze Stücke seines Körpers opfern würde, freiwillig, wenn auch nicht für immer, sie wachsen ja immer wieder nach, also ist es nicht einmal ein Opfer (hätte sie keine Ersparnisse, würde er sie ja gar nicht sehen können), ich sagte: freiwillig, im Gegensatz zu dem kannibalisierten Mann in der Notschlafstelle Reichsapfelgasse, 1150 Wien, der von einem 19-Jährigen in kleinen Teilen gegessen worden ist oder auch nicht, man weiß es nicht, keine Ahnung, was von ihm fehlt, in der Tat, durch eine grausame Tat, zuvor ermordet und danach die Zunge und einige Innereien nett auf einem Teller drapiert, etliches davon bereits gegessen hat der junge deutsche Mann, der mit blutverschmiertem Mund der Putzfrau die Tür öffnete: „Da


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ist etwas passiert“, meine einzige direkte Rede hier! (so rächt es sich, wenn man nicht kochen kann, denn der Knabe hat den Älteren ermordet und dann roh zu fressen versucht, nein, natürlich ist das ziemlich roh, nein, natürlich ist es nicht, sowas zu versuchen, aber der junge Mörder hat das Fleisch nicht vorher gekocht oder gebraten, das meine ich mit roh, das Fleisch roh, die Menschen roh, das Fleisch, es ist roh zu jedem von uns, wenn es nicht oft genug kriegt, was es braucht, und soll ich Ihnen was sagen? Sie sind nicht gefragt!, denn auch wenn Sie es nicht wollen, ich sage es trotzdem! Ich bin schon eher gefragt als Sie, aber ich antworte trotzdem nicht), und dieses Haus in der Reichsapfelgasse ist exakt das Haus, in dem bereits vor Generationen Menschenfresser, diesmal weiblich, ihr Unwesen vertrieben haben, aber es ist immer wieder zu ihnen zurückgekehrt, dieses Unwesen, das vertrieben wurde nicht im Sinne von verkauft oder weggescheucht, sondern im Sinne von: alle anderen Menschen verdrängen und diejenigen essen, die übriggeblieben sind, weil sie nicht so schnell davonrennen konnten, ja, mich essen!, ich bin gegessen worden, seit ich noch kaum gehen konnte, und dies ist exakt das Haus, in dem meine Menschenfressermutti von meiner Menschenfresseromi aufgezüchtet worden ist, hochgezüchtet, und dann haben die beiden Damen mich aufgegessen, schön langsam, die eine (Omi) im Sommer, da ich ihr ausgeliefert war und mir Rasierklingen überall hin ausgedrückt habe, bis das Blut nur so geflossen ist, die andre das ganze Jahr über, mit Ausnahme des Sommers, später, im Herbst ihres Lebens, auch im Sommer, sie haben sich abgewechselt, wenn sie meiner habhaft werden konnten,


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damit einzelne Teile von mir, die noch weiter zu bestehen schienen, die noch auf sich zu bestehen schienen, was ihnen aber ausgetrieben wurde, sich noch ein wenig entwickeln konnten, bevor auch sie gegessen waren, das Kalb darf ja auch ein wenig wachsen, bevor es gefressen wird, dann wiegt das Fleisch nämlich mehr, dann ist mehr dran an ihm, ein halbes Kilo Antibiotika in jedem einzelnen Stück Tier, ja, ja, die Reichsapfelgasse in Wien, das nenne ich genius loci, die Reichsapfelgasse, ich glaubs nicht, ich traue meinen Augen nicht, aber auch sonst niemandem, aber das mit der Reichsapfelgasse stimmt, ich habe im Fernsehen das Haus sofort wiedererkannt, obwohl ich jahrzehntelang nicht dort war, in dem ich die Omi immer besuchen mußte, na ja, man ißt, was einem im Weg ist, oder man ißt, was man geschaffen hat, oder man ißt, was man von sich abgetrennt nicht erkennen kann, nein, das stimmt nicht, das wäre Autokannibalismus, und das Auto will der kapitale hübsche Knabe ja behalten, der wiederum fürs Auto das Kapital der Lehrerin braucht, welches leider sehr klein ist und daher schnell runtergeschluckt ist; gegessen wird in dieser realen Tauschhandlung, die nichts Symbolisches an sich hat, geschluckt wird in diesem Fall, der kein Fall werden wird, oder doch?, auf jeden Fall, in jeder Falle! Wurst, egal, was man ißt. Alles, was ich schreibe, ist irgendwie ein Fall für die Behörden, die aber nie einschreiten, nur die Literaturbehörden schreiten ein, die aber dafür umso entschiedener, je weniger autorisiert, umso entschiedener; also in diesem Fall wurde nur ein Abfallprodukt seines Körpers, des Knabenkörpers, von einer Frau runtergeschluckt, nein, natürlich nicht der


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ganze Körper, der gleich wieder zurückverlangt werden wird, wir sind ja nicht der Kannibale!, kaum daß der weibliche Schluckspecht den Schlatz runtergedrückt hat, welcher mehrmals wieder, vielleicht in Gestalt eines lecker zubereiteten Fischs wie die frühen Christerln?, was darfs denn sein?, darfs ein bisserl mehr sein?, fischig eben hochzukommen versuchte, wie wir alle, aber die meisten von uns müssen leider unten bleiben, und einmal ist der Abfall, den man sonst ja immer mühsam runtertragen muß, dann doch freiwillig unten geblieben und nicht mehr die Stiegen raufgegangen, und der Knabe kann danach, wenn alle fertig sind, das sind wir doch, oder?, alle?, alle!, jederzeit die Abkürzung zum Haus gegenüber nehmen, die aber nicht nötig ist, denn jener Weg, den er einschlägt wie eine Fensterscheibe, achtlos, wie nebenbei, ungeschützt, ist schon die kürzeste Verbindung zwischen zwei Geraden oder so, der Schlüssel liegt unter der Türdacke, der 49-jährige, teilweise ausgeweidete Tote, in dem ein andrer Knabe zwei Tage lang (glaub ich, übers Wochenende) geweidet hat, ist bereits abtransportiert, in einer andren Zeit, und ach, der Mann, er lebt nicht mehr, das Fernsehen hat seine Bilder bereits verschossen und muß sie jetzt endlich wieder rausrücken, ich bin wie erschossen mit offenem Mund davorgesessen, keiner hat mir hineingespritzt, womit hätte ich das schlucken sollen, da ich doch nur noch eine Art Rumpftorso bin, kann sein mit Mund, kann sein ohne, nein, ich bin nicht ohne, denn ich esse ja immerhin noch, allerdings keine Toten, die esse ich nur symbolisch, zur Erinnerung und weil sie mir das Leben und einen Namen geschenkt haben, die haben sich mich einverleibt, und jetzt


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nehme ich ihnen ihre Leiber wieder weg, die eh nicht mehr existieren, das Grab ist eingesunken, der Sargdeckel ist eingebrochen, wer würde da sonst noch einbrechen? Keiner mehr, keiner, um sich das dunkelblaue Seidenkleid meiner Mama selbst anzuziehen, das recht hübsch war, mit Schalkrawatte und mit demselben Stoff überzogenen kleinen Knöpfen, nicht einmal das kann ich sagen, mit mit demselben Stoff überzogenen muß es heißen, und das ich ihr in den Sarg nachgeschmissen habe, unter Schimpfworten, sie und das Kleid, das nicht hinterhergeschmissen wurde, mit dem sie vielmehr frisch bezogen wurde, die Mama, und mehr durfte sie eh nicht mitnehmen, bei Flügen darf man nicht zuviel mitnehmen, die meisten Flüssigkeiten, Nagelfeilen und was weiß ich, ich fliege ja nie, werden einem vorher weggenommen, ganz recht, und auch den Toten wird alles abgenommen, nur ihre Lieblingskleidung dürfen sie behalten, falls die Angehörigen sich davon trennen können, ich hatte bei Mama damit keine Probleme, sie wurde damit bekleidet, mit dem dunkelblauen Seidenkleid, was jetzt davon wohl übrig ist?, also da ich vorhin etwas gegessen habe, vermute ich mal, daß es ein andrer Teil ist, der von mir übrig ist, ein Teil, der aber kein Teil von mir ist, obwohl er mir gehört, mein Teil, er soll verloren und gegessen sein, aber es will ihn ja keiner, das, was Mama von mir übrigließ, das will keiner mehr, nicht einmal der 19-jährige Mörder würde Abfälle essen, der will gesunde Innereien und Zunge essen, keine Ahnung, warum er sich auf Innereien versteift hat, wahrscheinlich, weil sie sich leichter schneiden lassen, so, wo waren wir?, bei einem Schlüssel unter einer andren Türdacke, Schlüssel verliert man


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ja so leicht, deshalb sollten sie immer an derselben Stelle aufbewahrt werden, der Mensch in seiner Haut, die man durchschneiden kann, die Schlüssel unter der Türdacke, die man hochheben kann (manche nehmen auch Blumenkübel, aber die kann man nicht in jedem Fall draußen stehenlassen, sonst werden sie geklaut, und im Winter müssen sie erfrieren), in einem andren Bundesland, es hebe hoch, ich meine, es lebe hoch (in der Reichsapfelgasse hatte die Putzfrau keinen Schlüssel, es hat der Täter ja selber der Putzfrau die Türe geöffnet, mit blutverschmiertem Mund, mit dem er die Worte sprach, welche ich bereits zitiert habe, damit sie in die Geschichtsbücher Einzug halten können, in die schon Millionen von Leichen eingezogen sind, plus zweihundert im Burgenland, ihre Möbel mußten sie leider zurücklassen, ihre gesamte Kleidung, ihre Goldzähne, ihre ganzen Habseligkeiten, alles, am Schluß ihr Leben, das hat Stil, in so großem Stil hat noch nie zuvor ein Volk so viele Leben gestohlen: Es ist etwas passiert, da ist etwas passiert, mit so einfachen Worten kann man es auch sagen, ich kann es gar nicht sagen, tu es dafür aber umso lieber), unter der Türdacke also der Schlüssel, ein Wort, daß Sie als Deutscher nicht kennen, nein, natürlich kennen Sie Schlüssel, und was Sie essen dürfen, das wissen Sie, als Diabetiker müssen Sie nämlich auf sich und Ihr Blut aufpassen, und als Sonnenhungriger in der Haut eines anderen müßten Sie vielleicht auf die Sonne aufpassen, in Ihrer Haut aber sind Sie immer mit Unbesorgtheit beschäftigt, wie freut mich das für Sie; nein, daß Sie vielleicht krank sind, freut mich nicht, verschwinden Sie trotzdem, wenn Sie der sind, den ich meine, sonst stecke ich


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mich an Ihnen an, oder auch die soll verschwinden, wie heißt sie noch gleich, jawohl, die meine ich auch, weg auch gleich, wenn wir schon dabei sind, aber wir sind leider nicht dabei, weg mit ihr, die beim Bachmann-Wettbewerb immer so streng dreingeschaut hat, als wollte sie jemanden auffressen, nicht nur seine Zunge (seine Zunge wird er hoffentlich retten können, wird hoffentlich gerettet werden können, mit Mühe, seine Zunge), auffressen wollte sie mit ihren schönen großen Zähnen den jeweiligen Saalkandidaten, ihm die gerettete Zunge wieder aus dem Mund reißen und verschlingen, ihn verschlingen an einem dieser Tage, die einer Hand breit vor Gott sind, aber dessen Leben, des Saalkandidaten Leben, ein Nichts ist vor ihr, der strengen Richterin. So, wieder einer, der nicht entsprochen hat, und nicht nur ihr, und es wird ihm, dem jungen Mann, nein, natürlich nicht dem, der sich im Saal an einem Schauplatz voller Scheinwerfer die Worte aus dem Kopf schrubbt, bis Blut kommt, sondern einem anderen, an einem andren Ort, von einer andren Frau, einer abgekaut, bis aufs Blut abgekaut, der Nagel, ein Stück vom Schwanz weggeschluckt von einer handelnden Person, das geht hier bei mir ja ruckzuck, der Wechsel ist ruckzuck gegangen, aber leider nur beim Schreiben, der Ortswechsel geht demnach vonstatten, kaum daß einem gestattet wird, sich einmal umzuschauen, die Nummer wird telefonisch durchgegeben werden, daß die Frau als Partnerin, nein, nicht als Partnerin, sie ist jetzt in einer andren Rolle, als Verführerin eines gerade noch Minderjährigen?, wo kein Kläger, da kein Richter, sich bereits auf den Weg aus der Musikschule nach Hause gemacht hat, dort soll der Knabe auf die Geliebte,


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die keiner liebt, warten, aber nein, das ist nicht der Schlüssel zu dieser Frau, nicht der Schlüssel zu diesem Fall, ich muß den andren Schlüssel nehmen, daß er mir nur nicht durchs Kanalgitter fällt, der Schlüssel!, ich komm schon ganz durcheinander, das ist ja nichts Neues für Sie, nicht einmal für mich, das ist nur der zu ihrer Hintertür, welcher exakt derselbe ist wie der zur Vordertür, nein, doch nicht. Was rede ich da? Was vorne paßt, paßt hinten nicht. Es paßt vorn und hinten nicht. Und den Schlüssel, jeden Schlüssel, braucht er zu allerletzt, sie ist doch immer schon sperrangelweit offen, ohne daß er sie auch nur in den Hintern zwicken müßte, um den Schließmuskel ein wenig zu entspannen, obwohl wir hier nicht im Sonnenstudio sind, um braun zu werden, sondern um aufgeschlossener zu werden. Daher die Schlüssel. Er übt derzeit noch, der Bub. Er übt im Liegen. Er liegt bereits unten, die untere Hälfte meine ich, entblößt auf ihrem Bett, wie ausgemacht, weil liebevolles Benehmen für ihn etwas vollkommen Unbekanntes ist, deswegen liegt er nur formlos, ähem, ich meine ohne Förmlichkeiten in seiner schönen und guten Form einfach so da, wenn sie kommt, er liegt auf ihrer hübsch abgesteppten Tagesdecke, die für die Nacht abgenommen werden wird, tagsüber darf sie draufbleiben, ich verstehe das nicht, es soll doch nicht überall, aber auch wirklich überall, auch an Orten, die Sie sich gar nicht vorstellen können, Sperma kleben wie damals in der Wohnung der Rosemarie Nitribitt, aber ausziehen darf die ältere Frau sich dafür (wofür?) nicht, ich spreche selbstverständlich nicht von der Decke, sondern von dem Menschen darunter oder darüber, je


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nachdem, was gewählt wurde, das ist wiederum seine Bedingung, des Knaben Vorbedingung, die er aus seinem Wunderhorn gezogen hat, neben vielen anderen Bedingungen, und sie sind alle, die Bedingungen, vor allem diese letzte, sind alle aus einem langen vorangegangenen Handel hervorgegangen, und wir sind sehr froh darüber, daß die beiden sich das zuvor ausgemacht haben, so dürfen wir Ihnen diesen Anblick hier ersparen, denn er ist jeden Moment vorbei, und er geschieht in jedem Moment, doch was dürfen wir stattdessen servieren?, ein stilles Wasser?, die Frau darf sich nicht ausziehen, sonst, wenn sie es täte, müßte sie dem Burschi mindestens einen Porsche kaufen, und mehr Auto als einen Porsche kenne ich persönlich nicht, es gibt aber sicher mehrere Autos, die in dieser Kategorie in Frage kämen, in jeder Wochenzeitschrift sind mehrere angeführt, Sie kennen sie gewiß, bitte entschuldigen Sie meine Unkenntnis, die Ihnen sicher auch anderswo schon aufgefallen sein wird, da ich Ihnen jahrzehntelang dieses Lied, immer das gleiche, vorgesungen habe, nur ist meine Stimme mit dem Alter leider brüchig geworden, rauh, auh (blöder Witz), jetzt ist sie mir auf die Zehen gefallen, meine eigene Stimme!, die traut sich was!, und war immer noch hart genug, um mir ziemlich wehzutun, Kunststück!, sie ist ja aus Blei, wird aber nicht mit Bleistift aufgeschrieben. Meine Stimme, die mit nichts übereinstimmt und dauernd überstimmt wird, kommt aus der Elektronik. Seien Sie froh, daß Ihnen meine Stimme nicht gefallen hat! Das Erlöschen meiner Stimme ist viel einfacher, als wenn sie aus Blei wäre, mit einem blöden Blei hingeschmiert. Da haben Sie nochmal Glück gehabt. Vielleicht hätte ich meinen


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Mund sonst noch für was andres benützt als zum Singen. Der junge Mann fühlt in seiner Unfühlbarkeit doch das eine, daß sie sich als eine Fehlende, Ungenügende, Alte zu ergänzen und vervollständigen hat, und dafür braucht die Frau ihn. Dafür braucht sie ihn, als wäre er ein öffentlicher Park, für jeden, da sind wir nicht kleinlich, auch für Kinder und Ausländer als Fußballkäfig geeignet!, zur Benutzung freigegeben den Buben der Welt, den Königen der Welt, nur die Nationalität und die Farbe müssen jetzt noch stimmen, dann können sie schon loslegen. Da liegt er nun also, wie bestellt und gleich abgeholt und ungehobelt, der Bursch, und er wartet schon, daß die Lehrerin wieder einmal, damit sie einmal selbst was lernt, seinen Schwanz in den Mund nehmen wird. Bitte, ich will ja gar nicht mehr erzählen, ich will umschreiben, daß ich es nicht kann, aber dieser eine einfache Satz ist mir doch gut gelungen, oder? Und gleich so oft! Jedesmal gelungen! Sie können es sich vorstellen, Sie können es nachvollziehen, falls Sie noch können. Bravo. Beim ersten Mal, da ich ihn benutzt habe, war er noch nicht so gut, aber jetzt ist dieser Satz gut abgelegen und läßt sich ordentlich schneiden, der ist nicht mehr so zäh wie am Anfang, da das Wort war, an irgendwas muß man sich ja schneiden, wenn man seine kleine schneidende Ausdrucksweise zu singen hat, ja, ich singe nur privat, im Bad, öffentlich singe ich nicht mehr, man hat mir bedeutet, daß es nichts bedeutet, was ich zu singen hätte, und dabei haben Sie noch lang nicht das Ganze gehört! Aus dem gibt es, wie aus der Lust, keinen Ausweg, aus diesem strengen Ton-Satz, der auch zu mir streng ist, da kennt er nichts, und ich, ich


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kenne auch nichts, nein, ich kenne nichts. Der kommt unweigerlich, wie die Lust, auf Sie zu, dieser Satz, machen Sie das Beste daraus, machen Sie ihm nicht den Garaus, machen Sie sich nichts draus, aber nein, das können Sie ja nicht, das habe schon ich gemacht, nein, ich mach mir auch nichts draus, aber vielleicht können Sie ihn ja brauchen, den Satz. Und wenn nicht: Suchen Sie sich einen anderen! Hier ist schon einer, der erneuert werden möchte. Nein, doch nicht. So wie geschildert, wenn auch sehr ungenügend, ich kann es nicht besser, ich kann die Renovierung dieses Satzes nicht alleine schaffen, ich brauche einen guten Handwerker und einen anderen auch, und Schilderungen langweilen mich sowieso, wenn nicht beim Lesen, so doch mit Sicherheit beim Schreiben, aber so ist es mit ihr, dieser Frau, fix ausgemacht. Abgemacht. Es gilt. Und daß er ein Auto geschenkt bekommen wird, wenn er der Frau fest und heiß in den Mund spritzt. Ich verstehe nicht, wie man ein so schlechtes Geschäft abschließen kann, da könnte man es ja gleich offen lassen. Aber was verstehe ich schon? Ihr Geschenk liegt also bereits da, es ist aufgetragen, es ist vorgelegt, sie selbst hält sich für ein Geschenk Gottes an die Menschen, doch wir wollen diesen Austausch auch einmal von seiner, des Knaben Warte aus sehen, oder?, doch, doch, der hat sich allerdings was andres gewünscht, jetzt ist er das Geschenk, und er ist, ob er will oder nicht, schon halb ausgewickelt, dieses wunderbare Geschenk in bester Körperform können wir hier leider nicht persönlich begutachten, Sie müssen sich schon auf mein Wort verlassen, vom Laufen und Basketballspielen und Schwimmen ist der Bursch bis an


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die Grenze seiner Aufnahmefähigkeit gekräftigt und durchsäftigt (ich meine damit aber nicht, daß Wasser in ihn hineingelaufen ist). Durch nichts zu besänftigen, und selber unersättlich ist er, der junge Mann im allgemeinen und dieser hier insbesonders, bis er selbst etwas abgesondert haben wird. Da wird er nicht drum herumkommen, nicht besänftigt werden zu können, wenn er einmal angestellt ist, nein, wenn er einmal falsch eingestellt ist?, nein. Die Frau darf ihm auch das T-Shirt hinaufschieben und seine Brustwarzen ein wenig herumzwirbeln, zwischen drei Fingern, wie eine Majorette mit ihrem stabförmigen Requisit, oder wie mit diesem Routinegriff, den ich aus unzähligen Pornos kenne, als würde ein geübter Handwerker mit einer halben Drehung eine Schraube ganz hineinkriegen, ohne Akku-Schrauber, der ihm die Arbeit sehr erleichtern könnte, aber bitte, wenn er ohne will, dann eben ohne, doch das, was am Körper hervorragend ist, ich meine, was an ihm hervorragt, das bleibt nicht, es ist das, was grade jenseits Ihres Horizonts verschwindet, wie die Lust, die ebenfalls nie bleibt, sie ist unfolgsam und rennt sofort weg, wenn sie fertig ist, wenn die Menschen von ihr ganz fertig sind (und muß mühselig immer wieder aufgerufen werden), aber leider die falsche Nummer abgezogen, ich meine aus dem Spender gezogen haben, und gar nicht erst zur Lust drankommen sind, bzw. drangenommen wurden; sie ist öfter weg als da, die Lust, nein, sie ist jetzt ganz weg, wie mein Schreiben oben am Rand des Schirms verschwunden ist. So nahe kommt man einem andren Menschen nicht oft, außer er wird beschrieben, wenn auch nicht von mir, im von mir Beschriebenen könnten Sie überhaupt nichts erkennen,


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ich mache das ja auch nicht für Sie, Sie dürfen so nebenher mitlaufen und nach mir schnappen, wie diese Frau mit den großen Zähnen, die Kannibalin und Mutter (irgendwie ein ökologisches Selbstentsorgungssystem?), aber erwischen werden Sie mich nicht, und erkennen werden Sie in meinem Schreiben auch nichts, was Sie nicht schon vorher gewußt hätten. Wen auch immer Sie erkennen können, in meinem Schreiben werden Sie es nicht, nicht einmal, falls Sie es bereits kennen würden, man kommt andren Gegenständen aber schon recht nahe, sie bestimmen u. a. unser Kaufverhalten, dem jungen Mann ist das etwas unangenehm, fast peinlicher noch, als wenn sein Schwanz in ihrem Mund steckt und ihr klebriges Lip-Gloss (Billigmarke, ja, Schönheit kann man sich um jeden Preis kaufen) draufgeschmiert kriegt, Pink Extreme, oder war es Peach Extreme?, das er nachher mit einem Papiertaschentuch wird abwischen müssen, weg, Orgasmus! (das ist für ihn ungewohnt, weil er ja immer nur herbeigerufen wird), her, Erfahrung!, er wird sich nach diesem irgendwie auch extremen Erlebnis, das man aber niemandem erzählen kann, gründlich abputzen müssen, gerade weil es so unverhältnismäßig extrem sein wird, vergleicht man es mit den handelnden Personen, die sehr normal sind, fast zu normal, sogar von meinem Blickwinkel aus; ich habe zum Glück ein sehr normales Verhältnis zum Normalen und verstehe es auch selbst gut, aber für mich ist leicht was normal, weil ich alles andre meide, das heißt überhaupt alles meide, wo war ich noch gleich?, ach ja, aber ein Verhältnis hat der Blick, nein, der Bub, der ganze Bursch, deswegen mit dieser Frau noch lange nicht, und vielleicht ist das, was ich nicht erlebt


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habe, aber trotzdem beschildere, sonst wüßten Sie ja nicht, was Sie da sehen (ich komm mit dem Beschriften der Schilder kaum nach, so schnell geht das alles, und wenn es vorbei ist, fängt es sofort wieder an, aber woanders! Und ich renne mit meinen blöden Schildern von hier nach dort, wo bin ich, Jesus, dein bin ich, nur wo?), gar kein Erlebnis, denn wenn man es nicht erzählen kann, ist alles nichts wert, wenn man es nicht zeigen kann, existiert es nicht, fragen Sie das Fernsehn, das überall ist und alles sieht und überall gesehen werden kann! Und wenn Sie dies hier nicht wollen, steigen Sie einfach aus und aus! Auf solche Reize, die ihm hier geboten werden, reagiert der junge Mensch nicht, weil er die Reize nicht sieht, das Gebotene nicht erkennt, Gebote nicht anerkennt, außer vielleicht bei Ebay, und auch keine andren Reize an Brigitte erkennt, mit Ausnahme eben des vielbesagten imaginären Autos, das da kommen wird wie ein Erlöser, doch das ist halt ihr Nachtisch, auf dem sie besteht, der Nachtisch besteht darin, daß er kommen muß, endlich aus sich herauskommen muß, der Bursch, und zwar in ihrem Mund. Der ist zwar genauso alt wie sie, aber noch aufnahmefähig. Warum nicht, der andere Mensch ist nicht grundsätzlich ein Feind, oft aber doch. Jeder Mensch ist ausnahmefähig. Es ist ausgemacht, daß sie den Buben nicht anfassen darf, aber sie kann nicht davon lassen, denn seine Schönheit macht sie geradezu schlottern vor Verlangen. Dafür kann man schon einiges riskieren. Die Jugend, die man sich nicht kaufen kann, wenn sie weg ist, aber in einer anderen Gestalt, in Gestalt dieser Creme beispielsweise, ich sage absichtlich nicht, welcher, damit ich sie für mich alleine habe und als


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einzige nicht altere, kann man sie sehr wohl kaufen, die Jugend ist ein großer Anreiz, ich meine ein großer Reiz, das gebe ich zu, auch für mich, weil jede Creme letzten Endes doch versagt und das Ende kommt, ich hätte sie bitte schön gern wieder zurück, weiß aber nicht, von wo nehmen und nicht stehlen, weiß auch nicht, wo die wieder hin ist, ich glaube, sie ist schon wieder, auf einer Illusion sitzend, in die Parfümerie gerannt oder geritten. Ich hatte sie doch mal, wo ist sie bloß hin? Ich muß sofort auch in eine Parfümerie gehen. Mir kommt alles abhanden, andres wieder geht mir recht flink von der Hand, ist aber auch rasch wieder weg. Von nichts kommt nichts, und da kommt es ihm schon, dem jungen Mann, auch für ihn kommt der nächste Tag, aber vorher kommt es ihm noch selber, da wird er das wieder tun müssen für die Schule und fürs Leben, und zwar weil er und ein Auto einfach ausgezeichnet zusammenpassen würden, diese Beziehung sollte geknüpft werden, und zwar möglichst bald, die Logik dehnt sich hier ganz schön, bis zum endlosen Horizont dieser Zeitung, mindestens bis dorthin, sie krümmt sich, weil sie ein Häkchen schlagen möchte, das ich aber zuvor bereits eingeschlagen haben müßte, angebracht haben müßte, was für ein Glück, daß ich mein Schreiben wenigstens nicht mehr anbringen muß, nehmen Sies oder lassen Sies sein, bitte, hier haben Sie es!, ich male nicht, ich dichte, ich träume nicht, ich dichte, die Frau Lehrerin träumt von diesem Körper, dafür nimmt man einiges in Kauf, dafür muß man einiges kaufen, man hat derzeit aber noch nichts oder nur wenig in Zahlung zu geben, es bleibt einem ja nichts erspart, man hat mit einem erfolgreichen Menschen erst eine gewisse


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Ähnlichkeit, die muß aber noch besser werden, die Ähnlichkeit, man ist in einer Vorstufe, einer frühen Bauphase einer Karriere, für die Männer vom Land bestens geeignet sind, wenn eine aufnahmebereite Stadt sie endlich annektiert, na, heute hat er aber echt ihre Zähne zu spüren gekriegt, kann sie das nicht besser? Hat sie das nicht schon besser hingekriegt, hat sie sich nicht schon besser hingerichtet? Er hat es ihr oft gesagt, daß das Beißen der schlanken und doch kräftigen Gestalt seines Schwanzes wehtut, sie hat sie ja noch alle, oder hat sie sie nicht mehr alle?, ich meine, sind das alles überhaupt noch ihre eigenen, oder sind das ihre lieben Dritten, willkommen, etwa aus Ungarn stammend, früher Österreich-Ungarn? In der Werbung für Kuki kann man das oft nicht unterscheiden, das ist ja der Dreh dieser Werbung, in der zwei ältere Menschen, ein Mann und eine Frau, im Kino Popcorn spachteln oder halt eine ähnliche Situation. (Bitte mißverstehen Sie mich jetzt nicht, ich spreche nicht, wie Heidegger, vom Grafen Kuki, an dessen Grabschrift einst über ein Jahr gearbeitet wurde und von dessen Grab und von dem Hain, darin es steht, ich eine Aufnahme besitze. Doch ich würde Begriffe benötigen, um das zu fassen, was Sie als Kunst und Dichtung angehen würde. Ich benötige keine Begriffe, und Kunst und Dichtung gehen Sie gar nichts an! Die gehen nur mich was an. Es ist daher nicht nötig, meinem Begriffssystem nachzujagen, was Sie ohnedies nicht tun, jedoch werden Sie angesichts der modernen Technisierung irgendwann einmal eins brauchen, denn vor dieser gibt es kein Ausweichen mehr, aber meins wird sich dafür nicht eignen, mein Begriffssystem, dafür muß sich diese mitreißende


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technische Welt auf Vordergründiges beschränken, ah ja, gut, das mach ich eh schon, ich beschränke mich sowieso nur aufs Vordergründige, aber Sie meinen wahrscheinlich einen andren Vordergrund als meinen, na ja, schieben Sie ihn sich in den Arsch, von mir aus, von mir aus gesehen, ist dieser Vordergrund nämlich hinten). Wegen der Haftstärke ihrer Zähne, Graf Kuki, haben Sie noch nichts eigens ausgemacht, kein Extra? Nein?, vielleicht noch einen CD-Player dazu, den man sich in seinen Kopf einbauen lassen kann? Oder eine lieblich giftige, metallene Zahnplombe, die in der Nähe starker Mittelwellensender wie ein Rundfunk-Detektor funktioniert (falls sich dort eine als Diode geeignete Oxidschicht gebildet hat, weil Sie sich nicht die Zähne geputzt haben), Sie können dann allein mit einem Ihrer Zähne Radio hören? Jawohl, können Sie. Um den Ortssender zu hören, legen Sie einen metallenen Topfdeckel zwischen Herd und Spüle, das geht auch. Bloß mit den künstlichen Beißern ginge es nicht. Vielleicht ein Einbau-iPod gefällig? Mit ihren Dritten (Entschuldigung, aber das sagt man halt so bei uns, wenn man ein hoffentlich künstlerisch-unregelmäßig gestaltetes künstliches Gebiß trägt, mit dem man vorsichtig reden, essen, singen und sägen muß, außer man ist ein 19-jähriger Kannibale: Deutscher frißt Österreicher! Mit ungarischen Zähnen!, nein, der Junge hatte natürlich noch seine eigenen, natürlichen. Das haben die immer schon gemacht, schon unterm Hitler, und jetzt machen sie es schon wieder, die Deutschen, sie fressen uns, sie schlucken uns: Es scheint, daß eine Vermischung von natürlichen und künstlichen Zähnen nur in einer Brücke, und nicht einer zwischen der asiatischen und der europäischen, sondern


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einer Brücke im Mund stattfinden kann, die allerdings stärker mit diesem Menschen, diesem weiblichen Menschen, verhaftet wären als der boshafte Möchtenichtgern-Liebhaber, er möchte aber ohnedies gar nicht, jetzt habe ich vergessen was) könnte sie es wohl kaum riskieren, ihn wirklich so fest zu beißen, haben Sie schon daran gedacht? Man müßte sie vorher rausnehmen, die Dritten, auch Friedhofszähne genannten (oh, jetzt weiß ich gar nicht, ob sie Mama gemeinsam mit ihrem Gebiß begraben haben! Wahrscheinlich, denn es war nachher nicht mehr da, aber vielleicht hat meine Nachbarin sich gedacht, es könnte einem Rom in Rumänien noch passen und es auf ihren Hilfstransport dorthin genommen), für die doch ausdrücklich Kuki verschrieben wurde, damit man sich verständlicher ausdrücken kann, da die Zähne im Munde zuverlässig festkleben, den Reichtum des Begrifflichen nicht mißbrauchen können und man sie von den zweiten nicht unterscheiden kann, zumindest rein äußerlich. Es wird den Menschen öfter etwas verschrieben, ein Rezept, damit sie der Natur wieder ähnlicher werden.  Aber das Saugen an seinem Schlauch und das Herumdrücken an seinem Gerät beherrscht sie ganz gut, die Geigerin (und er kann sich davor nicht drücken, der Knabe), ungefähr so, als wäre sie eine Bläserin. Die alte Bläserin, hätte der Wolfi B. immer gesagt, nein, nicht immer, aber immer öfter, jetzt sagt er gar nichts mehr, er ist tot. Wo übrigens hat sie ihren Alkoholpegel erhöht? Aha, noch im Kleinwagen hat sie das getan, die Frau Lehrerin, die Frau Fachlehrerin, und dort ist sie kurz sitzengeblieben, selber recht klein geworden dort in ihrem Fach, bis ihr


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schlagartig die Veränderung dieser Kammer, dieses Fachs, klarwurde, natürlich, wie üblich, unter Alkoholeinfluß, aber so geschieht alles in diesem Land, es geht nichts ohne den Einfluß dieser harten Getränke und des weichen schmiegsamen Weins, falls die Menschen lieber weich und nachsichtig miteinander sind, wenn auch nicht zueinander (allein diese Frau, die auf der Butterfahrt eine Axt gekauft und sie dann ihrem Lebensgefährten über den Schädel gedroschen hat, allerdings mit dem stumpfen Ende voran! Man stelle sich vor! Man stelle sich an, beim Tod herrscht wieder einmal Stau. Aber so blöd stellt man sich doch wirklich nicht an, daß der Mann das dann auch prompt überlebt!), nein, es geht nichts weiter, und hier schon gar nicht, es wird also eine Veränderung ihrer Schreckenskammer festgestellt, Brigittes Kammer, um ihren teuren Namen, der mich jedoch gar nichts gekostet hat, es gab ihn nämlich schon, wieder einmal auszupreisen und dann auszusprechen, eine Kammer, die sie, fleißig die Augen heftend, ob sie jemand sieht, zum Körper des Jungen tragen wird, wobei sie erst ihre Wände, dann ihre Würde verlieren wird, wie ich noch feststellen werde. Die Farben wirken auf einmal verschwommen und unbestimmt, lese ich hier bei einem Dichter, der, im Gegensatz zu mir, im Vollbesitz seiner Worte war. Damals waren Worte aber auch noch was wert. Heute gibt es einfach zuviele von ihnen, also ich habe genug von ihnen, ich habe genug, ich habe vollauf genug. Meine liebe Frau Müllerin, marsch, runter den Bach, oder ich muß sterben!, ja ja, ich weiß, das ist Ihnen egal! Die Pflanzenfarben leuchten nun, und von Augenblick zu Augenblick wächst ihr erschreckender Glanz, welcher diesen gespenstischen und


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teuflischen Bildern ein Aussehen verleiht, das selbst stärkere Nerven als ihre schaudern machen würde. Mein Gott, was redest du da, du blöde alte Ziege E. J., kurz Die Oide genannt, evtl. auch gschissene Oide, wie mich der Bruder meiner Freundin N. einst nannte, hochmütig wie zweihundert appetitlose Anorektiker, die ja grundsätzlich alle anderen Körper, bloß weil es sie noch gibt, außer ihrem eigenen, verachten. Aus einem japanischen Kleinwagen machst du eine Schreckenskammer der Inquisition, und nicht einmal die hast du dir selber ausgedacht, Alte! Ja spinnst du jetzt komplett? Du kannst doch diesem großen Dichter nicht einfach seine Worte wegnehmen! Was bleibt denn dann noch von ihm? Was bleibt denn dann ihm? Es soll ihm nichts bleiben, ich werde ja auch nichts zurücklassen. Falsch. Er wird bleiben, egal, was ich mit ihm mache. Das wird alles Papiermatsch, der sich langsam gegen mich und vielleicht auch gegen Sie verhärtet, dem können Sie nur entgehen, indem Sie dies am Bildschirm lesen, so ist es von mir gedacht. Denn was nicht gedruckt ist, ist schneller wieder vorbei, und dann haben Sies hinter sich. Ein fester Schuh tritt Ihren Gesichtskreis ein, und dann geht er weg, er ist das stumpfe Ende der Axt und wird Ihnen nicht viel tun, er wird vielleicht ein Loch machen, aber ein tiefer Schnitt wäre viel schlimmer, aus dem Sie in Versuchung geraten könnten, die Eingeweide herauszuziehen und zu essen, nein, die nicht, es gibt bessere Teile am Menschen, solche, die nicht wie Gras schmecken, obwohl sie Gras sind, wie alles Fleisch. Aber irgendwie, ich weiß nicht, Verletzungen sind Gaben, die zwar unerwünscht sind, aber dennoch einen tiefen Eindruck machen; die Zerstörung der Umwelt durch unsere


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Abgase bewirkt aber, daß die Umwelt danach irgendwann mal völlig verlorengeht, nachdem zuerst ein Loch hineingemacht wurde, durch das sie wieder hinaus kann. Aber angeblich ist das Ozonloch jetzt auch verschwunden, weil wir die Treibgase angetrieben haben, endlich abzuhauen, weil sie sonst unser Ende sind, wir haben sie aus unseren Dosen vertrieben, und dafür ist Bäris Hilton in diese Dose gekommen, keine Ahnung, wie. Es passiert nicht nur, daß sie sich um die Menschen immer enger zusammenschiebt, ich glaube, ich meinte die Zerstörung im allgemeinen und die menschengemachte Zerstörung im besonderen, ja, wir keuchen, ringen nach Luft, und wir weichen vor dem glühenden Metall in die Mitte unserer Zelle zurück, und Gedanken an die Kühle von Brunnen werden Balsam für unsere Seelen, wir eilen an den Rand und spähen in die Tiefe, die uns droht. Und wir spähen auf die Gletscher, die zu verschwinden drohen. Und wir starren auf die Meere und Seen, die zu verschwinden drohen. Nur wir verschwinden nicht. Wir drohen gern, doch wir verschwinden nicht. Alle drohen sie auch uns, was haben wir getan? Wieso werden wir dermaßen bedroht von der Natur? Bitte, wir haben ihr sicher viel angetan, aber das ist doch kein Grund, uns dauernd zu drohen! Aha, die Pasterze droht uns jetzt ebenfalls, das ist ja ganz was Neues, und alle drohen sie damit, zu verschwinden (ich meine, sie drohen, mit sich zu verschwinden). Ich, für meinen kleinen Anteil, den ich mir genommen habe, ich würde gern verschwinden, das ist der schönste Gedanke für mich überhaupt, aber ich kann das nicht bewerkstelligen, nicht mit meinem armen Werkzeug jedenfalls. Aber ich kann dafür meine Papiere verschwinden lassen, die mein Leben waren,


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doch höchstens unter anderen Papieren, wo man sie nicht suchen würde, doch zur Sicherheit werden sie dann umweltfreundlicher Wärme-, Kälte- und Schalldämmstoff für Häuser, und zwar passivhaustauglich, echt aus Österreich?, also passiver als ich könnte wirklich niemand sein. Ein original österr. Erzeugnis? Das würde mir gefallen. Kälte und Wärme will ich draußen- bzw. drinnenlassen, je nach Wunsch, meine hinterlassenen Schriften wollen wir mal weglassen; und da es zu meinen Lebzeiten ja kaum nach meinen Wünschen gegangen ist in diesem Österreich, soll wenigstens mein Werk nach meinem Tod diesen förderungswürdigen Zielen dienen, daß man immer genau das andre will als das, was man hat. Ist es kalt, könnte man es mit Hilfe meines Werkes warm haben und umgekehrt. Was von draußen nach drinnen dringt, soll eingedämmt bzw. umgewandelt werden. Und umgekehrt. Ja, das würde mir gefallen. Und passiv bin ich, wie gesagt, sowieso immer gewesen, also will ich nun jedem passiven Haus, das den Wunsch nach meinem Werk fühlt, das natürlich zuvor eine Metamorphose mittels Klebers durchlaufen haben sollte, in meiner bewährten Passivität dienen. Daß mein Denken scheinbar willkürlich plötzlich zur Dämmerung, nein, zur Dämmung von Wärme und Kälte eingesetzt würde, das wäre für mich das Höchste, das Schönste, und ich werde es erringen, mit meinem Werk, jawohl. Schauen Sie, seien wir uns ehrlich, es ist doch so: Wenn die Gefahr besteht, daß das Sein Macht erringen will, muß man auf der Stelle dieses Dämm-Material draus machen, damit es bescheidener wird, ein Material, welches dann nicht mehr wegrennen wird können, das macht einen dann erst recht unsterblich, doch keiner weiß,


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warum das Sein ausgerechnet in dieser Form konserviert werden mußte, es wäre vielleicht auch anders gegangen; es muß das Außen vom Innen abgehalten werden und umgekehrt. Die Umwelt ist in uns hineingefallen, aber mit dem guten Dämmstoff, welcher sich für Dach, Decken, Wände und Böden eignen würde, diesem Stoff aus meinem Dichtungsmaterial, für das ich ja seinerseits genügend Stoff gebraucht habe, den ich allerdings nicht wirklich zur Gänze umwandeln konnte, er hätte sowieso nicht gereicht, Sie sehen es ja selbst, Sie sehen es hier, nein, ich konnte es nicht, mit diesem Stoff jedoch hätte ich verhindern können, daß Unerwünschtes rein und Erwünschtes rauskommt, das aber allein von mir gewünscht ist und sonst von niemandem, da bin ich mir sicher. Natürlich wäre es mir lieber gewesen, ich hätte das durch meine Dichtung direkt bewirken können, aber Sie haben es anders gewollt, Sie wollten meine Dichtung nicht, also müssen wir jetzt, mit Goethes, Gottes und der österreichischen oder der deutschen Zellulosedämmstoffproduktion Hilfe Dämme erbauen, nicht gegen unsere Mitmenschen, sondern damit das Wasser der abgeschmolzenen Gletschermassen nicht zu Ihnen ins Haus kommt. Ja, genau, ich habe es jetzt selbst erkannt: Wasserdicht ist das nicht, was ich da schreibe, aber wasserdicht wird dafür dann wenigstens mein Dichtungsmaterial für Ihr Haus sein, oder doch nicht? Das wäre fatal, wenn ich das Resultat der Verklebung meiner Dichtung mit andrer Dichtung und Dämmung nicht gemeinschaftlich mit den reißenden Kräften der metallenen Maschinenkiefer bewirken könnte, wenn ich es nicht hinkriegen würde, daß das Haus Österreich und jedes andere individuelle, aus Bundesmitteln


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geförderte Privathaus, das mich in der Dämmerung, da es mich nicht so genau sehen konnte, als Dämmung gewählt haben würde, wenn das so sorgfältig da hingeklebte Dichtungsergebnis also negativ ausfiele und das Wasser plötzlich zur Tür reinkäme und die Wärme deshalb still auf Zehenspitzen hinausginge (oder die Kälte, je nachdem, ganz wie gewünscht), ist ja klar, daß es mich kränken würde, wenn das nicht funktionierte, so wie ich mich über die Reaktion auf meine Dichtung auch immer so gekränkt habe, falls sie nicht wie erwünscht ausgefallen, sondern zum Glück vorzeitig aussortiert worden ist, nun ja, klar ist das alles vielleicht nicht, jedenfalls Ihnen nicht, und höchstens nur ein bißchen werde ich das können, das Dichten und das Eindämmen, wenn die Papierstreifen mit einem speziellen Kleber zu Unzertrennlichkeit für die Ewigkeit zusammengebacken worden sein werden, ich freue mich schon so darauf. Ich werde mich bemühen, daß das klappt. Daß eine lückenlose Füllung durch meine Dichtung entstehen wird können, wenn meine Dichtung in die Hohlräume der Decken und Wände eingeblasen, würde mal sagen, eher: reingestopft werden wird, nachdem der ganze Dreck durch die Zugabe von Borsalz auch noch schwer brennbar gemacht worden sein wird, ja, das ist auch gut, denn verbrennen wird man meine Dichtung dann nie mehr können, keine Bücherverbrennung mehr, das ist vorbei; man wird halb Griechenland verbrennen können und ein Vierterl Italien und ein Achterl Kalifornien, aber meine Dichtung nicht, die wird standhalten, ich muß ja vorausschauen, auch was die Dämmung betrifft, das Haus soll schließlich nicht nach einem Jahr umfallen oder dem Verfall preisgegeben sein, weil es nicht


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genügend gegen die Natur draußen eingedämmt (und natürlich die Natur gegen mein total unnatürliches Werk) worden sein wird! Es wird mich in Mattenform geben oder eben als amorphe Masse, die man eingeben, ich meine dem Haus hinten und vorn reinstopfen wird können, siehe oben, diese Mattenform wird flexibel zum Einklemmen bzw. zwischen Sparren erhältlich sein, ja, den Sparren locker habe ich auch, aber meine Dichtung wird tapfer dagegenhalten und für Festigkeit sorgen, zwischen den Sparren, und es wird sie in verschiedenen Dämmdicken geben. Haben schon gewählt? Sehr guter winterlicher Sommerschutz bzw. sommerlicher Winterschutz! Dafür garantiere ich mit meinem Namen, das ist mein Extra. Vielleicht darf ich sogar zuschauen dabei, wenn dieser Vorgang vor sich geht und dann endlich verschwindet, hinter einem anderen hergehend? Wir fallen, keine Dichtung hält uns auf, der Flansch, die Nut, der Sparren, die Sperren, was weiß ich, was weiß eine unheilbar Fremde, und das Fremde sollte, wenn es sich schon hertraut, wenigstens heilbar sein, meinen Sie nicht?, diese Halterungen oder wie soll ich sie nennen, die gehen auf, die halten bald nicht mehr, die halten vielleicht nicht mehr, was sie doch halten sollen, das seh ich schon, und wenn die nicht halten, dann hält uns nichts mehr, da unsere Außenwände, unsere Außenwelt sich um uns jetzt immer enger zusammenschiebt, bis sie ihre Form vollkommen verändert hat und vollkommen einfach überhaupt nicht mehr ist, ja, auch die Form des Autos, die wir willkürlich festgesetzt haben, denn wir hatten die Auswahl zwischen mehreren Modellen in ein- und derselben Preisklasse, aber Klasse haben wir schließlich selber, nicht nur das Auto, in


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dem wir festsitzen, bis die letzte Leasingrate es uns wieder freigibt, freischaltet für die wunderbare Freiheit des schuldlosen Fahrens, ich meine des schuldenlosen, nur um uns noch tiefer hineinzureißen in den Abgrund, der jenseits dieser Brücke war, das weiß ich genau, dort war er vorhin noch, wir versuchen ohne innezuhalten zu begreifen, was geschieht, können es aber nicht, unser Raum ist klein und eckig gewesen und recht gut überschaubar, mindestens so gut wie der Körper des jungen Mannes, den die ältliche Frau bis zum Schwanz zumindest recht gut überschauen und nicht übersehen konnte, nun aber hat unser Gelaß sich auf einmal zur Form eines Rhombus zusammengeschoben, das kommt vielleicht auch davon, daß man nicht ordentlich gedämmt hat, daß man die Außenwelt nicht sorgsam genug gegen die Innenwelt abgeschirmt hat, und jetzt kommt das, was außen war, ungebremst nach innen, es fährt!, es fährt!, das hätte ich ja nie gedacht, daß sowas überhaupt fahren kann, es muß sehr benzinsparend fahren, denn ich kann mich gar nicht erinnern, je getankt zu haben, die Winkel, die vorher stumpf waren von all ihren Winkelzügen, sind plötzlich spitz geworden, zwei davon, die andren beiden folglich stumpf. Der fürchterliche Unterschied wächst rasch und mit leisem Poltern und Ächzen, die Umwelt kommt zu uns, da wir zu selten, und wenn, dann rücksichtslos, zu ihr gekommen sind, sie kommt in unser gemütliches Wohnzimmer herein, völlig unwillkommen, völlig ungedämmt (habe ich denn mein Werk zu spät schreddern lassen? Hätte ich das vorsorglich nicht schon früher tun sollen? Aber ich wollte schließlich für mehr Material sorgen, damit dann auch mehr damit gedämmt


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werden kann), zumindest in dieser entsetzlichen neuen Form, die wir uns im Katalog und in der Natur nicht ausgesucht haben, unwillkommen, sie soll bitte noch einmal, aber in ihrer ursprünglichen schönen viereckigen Form kommen, dann wäre sie willkommen bei uns, aber so – nein danke! Und in der Mitte die Grube, in die wir alle müssen, wenn auch nicht alle in dieselbe, denn die Zeit der Massenerschießungen in Kiew, Lemberg, Luzk oder sonstwo sind ja glücklicherweise vorbei, mehrfach schriftlich festgehalten und werden kaum noch geleugnet, jetzt kommt jeder Tote in seine eigene, die er sich nicht selbst gegraben hat, egal, er muß rein, manche zu Mama und Papa und den toten Geschwistern, aber doch runter ins Loch, in den Tod, marsch, und was hat die Umwelt, die wir eh ruiniert haben, denn jetzt schon wieder?, schon wieder Forderungen, was?!, dauernd ist was mit ihr, und wie soll ich sie sonst nennen als Umwelt? Sie ist und bleibt schließlich draußen, versehen mit den Tröstungen meines beschmierten Papiers, Sacklzement, sakra!, das endgültig, aber was ist schon endgültig, da ich mit dem Dichten schon so viele Fehler gemacht habe, wird vielleicht auch die Dichtung, die zu Dichtungs-, ich meine Dämm-Material wurde (alles ein- und dasselbe, wenn Sie mich fragen), nicht ausreichend für ihre Aufgabe sein, dennoch, ich freue mich immer noch darüber,was hat diese Umwelt, der ein Damm von mir gebaut wurde, denn ich kann schließlich nicht über alles schreiben und das womöglich noch gleichzeitig, ich muß ja was aussortieren bzw. auswählen, nicht wahr, was hat die damit zu tun, frage ich mich, nichts, aber was immer sie getan hat und wir ihr angetan haben, das Loch ist


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in der Mitte, und wir müssen hinein, weil die Umwelt in uns eingefallen ist wie ein feindliches Heer (es gibt einen Punkt, da werden Sie sich nach meinen Schmierereien, wenn auch mit den letzten Tröstungen von Klebstoff versehen – der ist der letzte, ultimative Kick, dazu muß man ihn allerdings einatmen, aufschnüffeln, aufspüren – wieder in Dichtung umgewandelt, zum Glück aber in eine ganz andre, das wollten Sie doch so, da Sie meine originale Dichtung ja nicht wollten, das haben Sie inzwischen so oft fleißig hingeschrieben, daß sogar ich das jetzt glaube, daß ich dazwischen gehöre, als tobende Dämmmaterialschlacht zwischen die innere und die äußere Mauer zwischen mir und allen übrigen Menschen, aber Sie werden sich nach meinem Geschmiere noch sehnen, wenn es eine verklebte Wurst oder eine Art Pastete sein wird, in die man alles reintun kann, die man dann aber höchstens noch als Slip-Einlage fürs Haus kaufen kann, das sage ich Ihnen! Jetzt verachten Sie mich noch, aber dann werden Sie froh sein, wenn Sie mit meiner Dichtung Ihre Wärme oder Kälte dämmen können, wenn Sie die Welt mit meiner Dichtung eindämmen können, wenn Sie mit meiner Dichtung vor sich hindämmern können, bevor die zu Ihnen einbrechen kommt, jawohl!), Sie werden noch an meine Tür pochen, damit ich Sie in meine tolle, aufregende Frauenwelt hereinlassen, aber da ist nichts, da ist nichts, ich bin auch nichts, und wenn, dann werden Ihnen schon vorher Hören und Sehen vergangen sein; da selbstverständlich auch meine Tür gut gegen Lärm abgedämmt sein wird, werde ich Sie nicht hören, aber Sie werden dann wahrscheinlich schon Ihre eigene Dichtungsmasse gekauft haben, auf die Sie hören werden, meine hätten Sie


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gratis gekriegt, aber Sie wollten ja eine, die man kaufen muß, und die vielleicht trotzdem zu einem winzigen Teil auch aus meiner besteht, wer weiß, kein Stäubchen geht verloren, auch Ihr Staub nicht, der Sie werden werden, nichts geht verloren, ja, und jetzt ist die Umwelt in Form von Feindseligkeit bei uns eingefallen, Ihnen hat ja nie gefallen, was mir eingefallen ist, hä hä, und jetzt fällt die Feindseligkeit der Welt ungebremst bei Ihnen ein, und die ist viel stärker als meine, obwohl meine Feindseligkeit gegen Sie auch recht groß, beinahe unvergleichlich groß ist (aber nur Neid, nur der Neid auf Ihr aufregendes Leben steckt dahinter, sonst ist nichts dahinter, das können Sie mir glauben), und uns kann diese viele Feindseligkeit, die da heranbraust, in dieser Form naturgemäß nicht mehr gefallen, vielleicht gibt es ja eine dritte Form, vielleicht kommen all die Feindschaft, all der Neid und die Wut, vielleicht kommen die ja in flüssiger Form aus Flaschen heraus, dann werden Sie sie wohl endlich anerkennen müssen, aber derzeit kommt diese Feindseligkeit halt als in Waffen starrendes, wütendes Heer einher, diese Umwelt, die Innenwelt wird, weil sie in mehreren Aggregatzuständen, jedem der seine, zu uns ins Haus kommt, und ich kann Ihnen das Dämm-Material meiner Dichtung auch wieder entziehen, ja, das kann ich, das mache ich aber nicht, es hat mich genug Mühe gekostet, das hier alles zusammenzupicken, aufzupicken und dann zusammenzukleben, ich muß ja nicht unbedingt Isolierschichten gegen diese Welt, die mich stört, daraus machen lassen, ich muß ja nicht, wer könnte mich zwingen?, ich könnte Sie ja der Wärme, der Kälte und dem Lärm aussetzen,


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ungeschützt aussetzen, ich kann sie ja auch einfach verstecken, daß Sie sie nie mehr finden, die Dichtung, meine Dichtung, die Dämmung soll ja auch unsichtbar sein, wie würde das denn sonst ausschauen?, nicht schlecht für den Specht, der sich dran versucht, es klingt so schön hohl, vielleicht sind ja Maden drin?, aber kriegen werden Sie mich nicht, nie!, und auch nicht, was ich schreibe, wie gut, daß Sie das eh nicht wollen, da stimmen wir also überein, ich lasse Sie Ihre Umwelt nicht mehr als solche erkennen, ich verlasse jetzt Ihr Sein, denn ich habe mit meinem Schreiben die Wahrheit längst überwunden und verlasse Sie jetzt, ich überlasse Sie der Seinsverlassenheit, ich finde kein besseres Wort dafür als das, welches schon ein andrer gefunden hat, aber in der Dämmungsmasse wird sowieso alles drinnen sein, und es wird alles absolut gleich und gleichgültig geworden sein, denn ich bin hochmütig genug, mein Verlassensein als etwas zu sehen, das Ihnen fehlen wird, mir fehlt es ja jetzt schon, aber Ihnen wird es auch einmal fehlen, Sie wissen es bloß noch nicht, so, die Natur wird Ihnen fehlen, meine Worte werden Ihnen fehlen, und die Welt wird Ihnen sowieso fehlen, ja, die Umwelt auch, die als gut dichtende (besser dichtend als ich, aber das ist keine Kunst, und meine Kunst ist auch selber keine, na ja, so oft sollte ich das vielleicht auch wieder nicht sagen, Sie glauben es sonst noch) Isolierschicht um die Welt herum festgestopft ist wie ein gut gemachtes Bettzeug, die gesunde Umwelt wird Ihnen auch fehlen, weil sie ihre Form total geändert hat, das heißt, sie hat überhaupt keine mehr (und vielleicht wird mein Papier, als Dichtung, das einzige sein, was die Welt von der Umwelt


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unterscheidbar macht und beide voneinander getrennt hält, sie voneinander separiert, damit sie sich nicht gegenseitig an die Gurgel gehen), und es ist so lang her, daß sie uns gefallen hat, denn wir sind jetzt mit unserer Umwelt, die wir zerstört haben, völlig identisch, falls ich das Dichtungsmaterial nicht rechtzeitig in der nötigen Menge herbeischaffen kann, Sie können da mithelfen, Sie müssen dies hier nur ausdrucken und dann in den Altpapiercontainer werfen, so bleiben Sie sich treu, mir treu, und mein Werk wird beständig selbständig, nein, stehen wird es nicht können, weiterdichten, ohne mich, helfen Sie mit mir der Umwelt, dann sind wir schon zwei, wir sind unsre Umwelt, in der Mitte ist das besagte Loch, ist die Grube, und in diese Grube treiben wir uns selber, wir treiben es mit uns selber, seit die Umwelt (wie ich dieses Wort hasse! Der Umwelt fließt derzeit viel mehr Sorgfalt zu als mir, aber auch als all den andren Menschen, es würde aber gern noch mehr fließen, gern noch mehr!, es kann aber nicht, weil ich sie doch so gut eindämmen könnte, wenn man mich nur ließe, damit die Gletscher dann endlich nicht mehr fließen und das Wasser nicht mehr aus seinem Bett kommt, um auch einmal auszugehen, leider über unsere häßlichen kleinen Einfamilienhäuser hinweg, sehen Sie, auch da hätte meine Dichtung vielleicht helfen können, nein, eher nicht) mit uns in eins, allerdings uneinig, gefallen ist, und wir werden miteinander, ineinander verkrallt, in diese Grube fallen, kein Zweifel. Das sagen alle, bloß ich sage es nicht, aber das können Sie überfliegen und noch mehr Luft, mehr als üblich, weil das Fliegen ja anstrengender ist als das Gehen, dabei verbrauchen und noch mehr Dreck machen.


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So. Ich kann meine Phantasie nicht zwingen, daher nehme ich die eines anderen. Diese Frau, Brigitte K., den Namen immerhin habe ich mir gemerkt, sonst weiß ich nichts mehr von ihr, diese Frau also ist aus mir herausgeronnen, und ich will auch nicht nachlesen, Nachlese halten, ob von ihr noch was übrig ist, wahrscheinlich nicht, sie verwirklicht ja auch Phantasien anderer, an einem andren Ort, nicht die eigenen, Jede Phantasie, die es gibt, hat vorher schon ein andrer ausgespuckt, nachdem sie leider vollkommen ohne Geschmack ausgekaut worden ist und vielleicht schon so hergestellt wurde. Also diese hier greif ich nicht mehr an und nicht mehr auf, mir graust so. An der hängt noch was dran, was Widerliches, und ich vermute stark, daß ich selbst das bin. Bunte Hefte haben es in sich, ja, auch die, die so lang meine Phantasie ernährt haben, der Rotwein hat es auch, dieses Genußmittel, das zur Ernährung nicht unbedingt nötig ist, und der Wein, der Wein hat es freiwillig ausgegeben, er hat sich selbst freigiebig ausgegeben, als Mittel gegen die Folgen des leeren Ausharrens, bevor der Knabe kommt, und was ist die Folge? Die Zeit vergeht schneller, der Kerker wird weicher, das Leben wird wichtiger, das Verlangen wird weniger, denn man hat den Wein ja leider schon getrunken). Diese Frau hat nicht umsonst so lang ausgeharrt, sie spürt, daß sie frei ist zu tun, was sie will, und sie hat eine Belohnung dafür ausgesetzt, denn für sich allein bekäme sie nichts, und Sie haben das Auto gewonnen, wenn Sie uns jetzt eine Frage beantworten. Die Antwort war leider falsch. Und diese andere Antwort ist richtig! Und dieses Auto gehört Ihnen jetzt! Doch die Wirklichkeit ist immer


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ernüchternd, egal, wieviel man getrunken hat, bevor man sich ihr ausgesetzt hat. Mit der linken Hand streichelt die Frau den Jungen, Augen auf beim Autokauf!, mit der rechten sich selbst, Augen zu! Das ist ihm ganz egal, was ihre Augen machen. Er fährt fort, nur kann er es noch nicht so richtig. Die Frau hantiert mit ihm wie mit einem Instrument, eine Verzierung bricht ihr dabei ab, dann noch eine, indem sie sich bemüht, es ist abgemacht, daß er gar nichts tun darf, woran er sich nicht immer hält, aber was auch immer er tut, er macht es lustlos, lustlos sogar noch, wenn sie ihn aus sich herausreißt, das dauert ja nur einen Moment, und dann ist es endlich aus, dann ist er endlich ganz aus sich herausgegangen. Wie oft habe ich das schon gesagt? Zeit aufzuhören! Jetzt können Sie alle da stehen und warten, daß jemand aus sich herauskommt, doch es kommt keiner mehr. Es wird das letzte Mal gewesen sein, daß jemand kommt, zumindest bei mir. Woanders können die Leute kommen, soviel sie wollen, von mir aus, ich aber gehe nicht, ich bin gekommen und gehe nicht mehr, das kommt von Ihrer Art der Behandlung, die Sie mir fast ein Leben lang angedeihen ließen, und jetzt gedeiht hier nichts mehr. Es wartet, daß ich ihm helfe, ich werde ihm schon helfen, dem Gedeihen! Hier kommt nichts mehr, hier gedeiht nichts mehr, der Boden ist verkarstet und versandet. Wir müssen hier ohnehin nicht mehr bauen, denn Abreißen ist angesagt, die Hälfte dieser Häuser muß weg, nur unsere Körper bleiben da, nein, bleiben sie nicht, die Hälfte dieser Körper ist weg, die sind ganz weg, daß ihnen sowas passieren konnte. Dafür fahren auch die Häuserzeilen der schrumpfenden Stadt auf uns zu, sie sind von ihren Bewohnern,


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Arbeitern, die selbst schuld sind, keine Ahnung woran, und die deswegen nicht gleich auf das Materielle aufmerksam gemacht werden wollen, sie wohnen alle jetzt woanders, diese Häuser also, die überflüssig geworden sind, schieben sich jetzt zusammen wie eine Ziehharmonika, ein fürchterlicher Unterschied zu früher, als sie noch voll im Saft der Menschen und ihrer Pflanzen in den inzwischen verwahrlosten Vorgärten standen, sie fahren fast unmerklich, aber doch los, ja, die gehen ausnahmsweise mal nach vorne los, die Häuser, über die verlassenen Gärtchen hinweg, sie schieben sich der Frau entgegen, das Poltern und Ächzen von vorhin ist ja wirklich, es ist nicht von der Umwelt, sondern vom Menschen verursacht, menschengemacht! Diese Erkenntnis habe ich soeben gemacht, ganz allein, aber auch nur, weil man sie mir so nahegelegt hat, daß ich ihr Platz machen mußte: Wir sind schuld! Sie haben mir zwar oft gesagt: Ich bin schuld. Das hat mich sehr gekränkt, gebe ich zu, als ob ich dadurch weniger anziehend geworden wäre. Aber das stimmt nicht. So ist es nicht oder nicht mehr lange. Ich versuche es ja durch Schreddern meines Werks und dessen Umwandlung in etwas viel Besseres wieder gutzumachen! Wetten, daß ich mein Werk wieder wettmachen kann? Es ist vielleicht nicht wieder gutzumachen, aber ich versuche, es besser zu machen. Geht nicht. Keine Chance. Ich habe es zwar mit Absicht gemacht, was auch immer, aber jetzt versuche ich es zu korrigieren, ungeschehen zu machen, wenn möglich. Es ist ja auch der liebe kleine Fakir-Heizlüfter am Gletscherbahnunglück in Kaprun nicht schuld gewesen, man hätte ihn niemals einbauen dürfen in diese Bahn, niemals, das steht schon in der


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Gebrauchsanweisung, sogar mir, als ich ihn seinerzeit in mein Klo eingebaut habe, ist das aufgefallen, daß mir dieses Klo nicht davonfahren darf, sonst hätte ich nämlich den Fakir-Heizlüfter dort niemals einbauen dürfen. Ich hätte auch nicht fortfahren dürfen, und jetzt tue ich das ja auch seit langem nicht mehr. Ja, auch hier nicht, ich fahre nicht fort, das muß Ihnen doch irgendwann mal aufgefallen sein! Ich trete auf der Stelle, aber was andres darf und kann ich trotz all meiner glühenden Hitze nicht machen. Er ist nicht zum Einbau in fahrmögliche Räume gedacht, der liebe Fakir, und das hat das Kaprun-Verfahren mit voller Absicht nicht zutage gefördert. Ich aber hätte es denen sagen können und habe es auch gesagt. Aber auf mich hört ja keiner. So, jetzt wissen Sies, wenigstens Sie haben es gehört. Unsere versammelten insgesamten Stimmen und Stimmungen murmeln unwirklich und unwillkürlich herum, aber nicht vor Angst, weil wir die leeren Häuser dieser Stadt noch gar nicht kommen sehen können, wir sind schließlich nicht dort; aber auch dort, wo wir uns aufhalten, sehen wir nie etwas kommen, immer nur gehen, bitte, die Leute am Strand sahen den Tsunami zuerst gehen, bevor er kam, doch sie konnten dieses Fortgehen als künftiges Kommen (wenn auch in völlig andrer Gestalt, kaum wiederzuerkennen, eigentlich gar nicht), als entsetzliches Schreckensankommen ohne Schreckenskammer nicht erkennen, na ja, alle wollen irgendwann mal kommen, sonst kämen sie ja auch niemals mehr fort und könnten niemals einen schönen Urlaub machen, also Pause von allem, nur nicht von einem selbst, vom eigenen Selbst (die Flut hat es umgekehrt gemacht, aber wir hätten es lieber anders. Wie es auch ist – wir


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hätten es lieber anders), nicht nur die Häuser kommen, aber die kommen auch, und bei denen fällt es mehr auf, man ist nicht gewöhnt, daß sie auf einen zukommen, die Häuserzeilen, ich kann jetzt nichts mehr schreiben, es ist aus mit mir, ich habe fertig, meint Verona dazu, ich bin ja wahnsinnig, meine ich, schon lang, seit ich es das letzte Mal gemerkt habe, daß ich wahnsinnig geworden bin, ist auch schon wieder ein Weilchen vergangen, und welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen? Ach so, Sie meinen, ich hätte die Konsequenzen selber ziehen und in die so entstandene Furche etwas Besseres hineinsehen sollen?, aber ich sehe ja überhaupt nichts, ich bewege mich nicht fort, nie, und im Gegensatz zum Tsunami komme ich auch nie, und wo ist jetzt der Klacks Obers für meinen rein biologischen Spinat?, ich habe und bin fertig, das sehe ich und sage es auch, und zwar ohne daß Sie es mir eigens melden, melden Sie sich bei jemand anderem!, an mir selbst merke ich ja alles, obwohl ich mir normalerweise nichts merken kann, ich merke, daß nichts mehr geht, ich sehe es genau hier, und ich gehe auch nicht, dafür aber kommen die Unbeweglichsten, die Immobilien, auf die noch bewohnte Welt zu, langsam, jedoch mit einem fürchterlichen Unterschied zu früher, auf dieses derzeit noch belebte Haus zu. Ich bin das Unbelebte und fahre jetzt los, tschüss, Papa, hab ich mich von dir überhaupt verabschiedet? Nein, ich glaube nicht, denn als du dich von unserem Haus verabschiedet hast, auf Wunsch von Mama, der das Haus viel wichtiger war als du, sogar als wir beide miteinander, Papa, begleitet warst du, Papi, von Mama und einem angemieteten Irrenwärter, und ich?, ich war schließlich auch


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da, wenn auch eingeschlossen, nur hast du mich nicht sehen können, hättest mich eh nicht erkannt, als du also kurz da warst mit deiner längst verschwundenen Anwesenheit, hab mich ja heulend am Dachboden versteckt, um dich nicht ein letztes Mal ansehen zu müssen, dir, meinem Opfer, nicht mehr ins Antlitz schauen zu müssen, immerhin hab ich geheult, die Nazis haben nicht geheult, nicht Rotz und nicht Wasser, als sie ihren Opfern gegenüberstanden und nicht nur standen, bitte, sie haben vielleicht gekotzt, sie haben sich furchtbar geekelt, sie hatten entsetzliche Verdauungsprobleme und sind damit fein beieinander angeeckt, aber gestanden sind sie bald darauf wieder wie eine Eins; was ich sagen wollte ist, daß die Opfer bald nicht mehr aufstanden, so, das Heulen habe ich ihnen voraus, sonst aber nicht viel, und trotzdem fahre jetzt ich los, ohne mich zu verabschieden, obwohl ich genau das ja gar nicht kann und keiner da ist, von dem ich mich verabschieden könnte. Doch, ich kann es, mich verabschieden, Sie dürfen sich jetzt zur Verabschiedung aufstellen, ich habe mich von meinem Vater zwar nicht verabschiedet, als er ging, aber Ihnen sag ich gern auf Wiedersehen und meine es nicht so, denn ich will überhaupt niemanden mehr sehen. Aber seit ich weiß, daß auch das Unbelebte sich sehr rasch bewegen kann, in Wasser sogar noch rascher und noch zerstörerischer, das Wasser selber ist dabei ja am schlimmsten, seither versuche auch ich immer wieder, tapfer loszufahren, wenn auch immer nur in mir. Ich komm hier nicht weiter, Sie sehen es selbst. Ich habe keinen Führerschein für mein Leben, das wird es sein! Denn mein Geheimnis ist: Ich kann nicht weg. Ich kann nicht wegfahren, ich kann


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nicht auf Urlaub fahren, ich kann nicht zur Arbeit fahren (muß ich ja auch nicht!), ich kann nicht zu Ihnen nach Hamburg fahren, ich kann nicht zu Ihnen nach Hause fahren, ich kann nicht fahren, ich kann nicht mehr fahren, obwohl  ich es einst mühsam gelernt habe. Ich bin das unbelebte, aber gute alte Haus, und ich fahre jetzt los, obwohl ich das gar nicht kann, denn ich werde nicht mehr benötigt, mein Haus ist leer geworden, wenn auch recht anständig gegen Hitze und Kälte gedämmt, sogar zweifach, innen und außen, um seine Energiebilanz zu schönen, zumindest wird es das sein, gedämmt, sobald ich mein gutes altes Haus, mein Werk, umgewandelt haben werde in etwas Nützlicheres, in meinen Tod, endlich, und dann schotte ich mich ab, ich werde mich eindämmen, vorn und hinten, ich meine innen und außen, doppelt gedämmt hält besser, besonders im Alter, wenn man nichts mehr halten kann und einen nichts mehr hält, und mich wird meine Sprache dann auch nicht halten können, wehe, wenn sie losgelassen!, wenn auch diesfalls noch nicht mit meiner Sprache gehalten oder auf meine Sprache losgelassen, die Hunde, die wilde Meute, ich werde ihr aber standhalten, mit meiner patentierten Dichtung wird dann Ihr Haus gedämmt werden oder vielleicht Ihres?, Papier mit Kleber, Dichtung, der dauernd jemand eine geklebt hat, recht so!, ohne daß ich Kinder gehabt und ohne daß ich es gleich gemerkt hätte, es hatte sich ja nur einer einzigen Person zu entledigen, so, schon erledigt. Das Gelaß dieser Frau, die ich bin, wenn auch nicht so gelassen wie sie, weil ich solche Angst habe, immer, das Gelaß hat seine Form also zu einem Rhombus verändert, ich sagte es


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schon, vor langer Zeit, ein andrer sagte es aber viel früher, seine Schuld, denn jetzt stehle ich es ihm vollkommen skrupellos, hätte er Dämmerung draus gemacht, Finsternis, nein, Entschuldigung, ich meine Dämmung, das Wort habe ich nun wirklich oft genug geübt, hätte ich es nicht stehlen können, dann wärs fest eingebaut gewesen, die Umwelt sagte es uns auch, daß wir das machen sollen, mir persönlich hat sie es auch gesagt, deshalb mach ich es ja, jawohl, schon lang, der Tod kommt, jeder Tod soll ruhig kommen, aber oft kommt er laut und stört mich, bitte, meiner wird mich nicht stören, er wird dem Gelärme ein Ende bereiten, nur nicht der in dieser Grube, den will ich nicht, wenn ich es mir aussuchen könnte, dann: den bitte nicht! Also wirklich nicht! Aber bis dahin haben wir noch etwas Zeit, das Haus fährt, nein, nicht: legt, fährt jetzt los, es legt los mit dem Losfahren, nur meine Leinen sind nicht los, die werden nie mehr lose sein, da wird nichts mehr los sein, in meinem Leben, und der junge Mann, den wir fast vergessen hätten, aber keine Sorge, ich erinnere Sie schon, immer wieder werde ich Sie erinnern, der kommt jetzt, aus dem bricht auch eine Flut heraus, wenn auch nur eine kleine. Die einen gehen, die andren kommen, bloß ich darf nicht. Er möchte das zwar auch nicht, der Bursch will nicht so recht und muß sich erst daran erinnern, warum er dieses Ziel haben soll, die Frau möchte aber schon. Die Frau will immer was. Die Emma sagt zwar, der Emanzipationsprozeß sei jetzt abgeschlossen, aber ich persönlich glaube das erst, wenn ich es sehe. Die Frau muß ihn schon sich selber hübsch anrichten, diesen Prozeß, dessen Eingeschworene sie selber bestimmen darf, doch auch die


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stimmen immer gegen sie, weil ihr Aussehen einfach nicht stimmt, denn es ist nicht einfach, sein Aussehen zu verbessern, oft genügen nur wenige Striche, aber noch öfter ist es eine echte Schinderei, obwohl nichts mehr echt ist, und wenn das Aussehen bei einer Frau nicht stimmt, dann stimmt gar nichts, vielleicht hilft uns dieser Mann bei unserem Aussehen ein wenig? Nein, aber er hilft uns anderweitig, ausgesetzt einem Augenpaar voller Vorwürfe, und er hilft ihr, dieser Frau, die den Burschen speziell für sich nett angerichtet hat, ohne daß ein Prozeß ihn ihr je zugesprochen hätte, was nicht nötig ist, sie braucht keinen Zuspruch, wenn sie nur kurz einmal einem Körper zusprechen will, und beim Sprechen bleibts ja meist nicht, der junge Mann hilft der Frau bei gar nichts, sie würde es auch nicht wollen, denkt er,  sie wünscht seine Unbeweglichkeit, er soll nie umziehen, er soll nie in Leoben studieren, er soll immer dableiben, für sie, um ihre Anhimmelungen entgegenzunehmen, dreimal die Woche oder was habe ich gesagt, wie oft?, liebe das Leben, bejahe es fest, ich meine fast!, es ist so schön, es kann in jedem beliebigen Körper wie neu erstehn, wir wollen das alles positiv sehn, und positiv ist es doch auch, daß die Wahrheit ihr Haupt verhüllt, weil sie von der Anti-Faltencreme auch nach einem halben Jahr keinerlei Nutzen gehabt hat, jetzt aber wenigstens von der Unverborgenheit des Seienden, äh, der Unverborgenheit deutscher TV-Serien, vor deren Unverborgenheit man sich nirgendwohin retten kann, profitieren will, nein? Eher nicht? Eher verhüllen sich und die Wahrheit? Vorbei all die zugelassenen, doch nie erfüllten Wesensmöglichkeiten? Auch mit einer Lotion oder was auch immer nicht täuschend


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echt zu erfüllen, nicht einmal als Surrogat gegen die freien Radikalen (nein, bitte, streichen Sie das wieder, meinem lieben Kollegen zuliebe! Das Wort war bei Gott, aber jetzt ist es bei ihm!)? Hier sehen Sie das Erste, was geschieht, und das Letzte, was nicht geschieht, und der Bursch steckt der Frau, die ihn für einmal täglich zu sich bestellt hätte, bevor sie sich auf zwei-, dreimal die Woche einigen mußten, weil sie sich mehr nicht leisten kann, er soll zu ihr kommen und sich ihrer annehmen, obwohl sie keineswegs ein Pflegefall ist (er ist allerdings auch nicht annähernd ein Pfleger!), den Schwanz in den Mund, was soll schon passieren, er kann es, dieses fröhliche Musizieren ohne Publikum, aber mit einem weiblichen Volksempfänger, der weit jenseits der Empfängnisfähigkeit ist, doch es hilft alles nichts, der Frau hilft nichts mehr, wie sagt der Denker? Das Kommen kommt nicht aus der Zukunft, sondern begründet sie erst, es wäre zwar eine gewisse Erleichterung, täte das Kommen das endlich, käme auch die Zukunft endlich, um eine Gegenwart als Thermenhotel, garantiert chlorfrei, Infektionen inklusive und sogar garantiert, wenn auch nicht ausdrücklich, also in den Prospekt schreiben wir das nicht hinein, um also eine Gegenwart als Themenhotel zu gründen und sogleich auszubauen, ich frage mich nur für wen, na, für ihn, den zahlenden Gast, der so blöd ist, sogar für Colibakterien und Eiterkeime und Pilzvergiftungen noch zu bezahlen, aber die Frau will soviel Nähe nun auch wieder nicht, soviel Nähe wie der Schlamm bei der Schlammpackung, näher gehts einfach nicht, daß er in sie hineinkäme und mit ihr zu einem, egal was, in eins halt verschmelzen würde, so etwas Billiges


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könnte sie sich nicht leisten, soviel Nähe wäre mit einem gebrauchten Kleinwagen gar nicht zu bezahlen, und daß es gar keine Nähe mehr wäre, sondern ein Ineinanderfallen, daß sie, wie soll ich es ausdrücken (meine schwache Seite! Ich kann nichts richtig ausdrücken), in eins zusammenfallen, diese unheimliche Nähe (das Unheimlichste, was es gibt, die Nähe ist das Gespenst schlechthin) könnte man nicht einmal in einem Wellness-Hotel erleben, wo man sich zwischen den Anfängen einer lustigen Keimbesiedelung aufhielte, um am Ende noch, aber knapp, wie ein neuer Anfang, einer, den man noch nicht ausprobiert hätte, auszusehen. Wahnsinn, jetzt sind mir vom vielen Sitzen beim Schreiben auch noch die Füße eingeschlafen! Diese zwei Körper, Sie wissen hoffentlich noch, welche, führen Bewegungen aus, als wären sie mit Handschuhen bedeckt, und es sind keine Bewegungen, die aufeinander verweisen würden oder in der Spitalsambulanz wenigstens zum Röntgen oder zum EKG verweisen würden, im Spital verstehe ich nie, wohin ich verwiesen worden bin, ich finde den Raum, in den ich gehöre, nie, und ich finde aus dem kleinen Raum, in dem ich ohne Kleider gefangen bin (das wird doch nicht schon der Sarg sein? Nein, denn dort hätte ich ja was Schickes an!), auch nie wieder heraus. Da ist eine kleine Wandtafel mit der Aufschrift, was ich jetzt machen soll, doch ich verstehe sie nicht. Ist das nicht komisch, daß ich unaufhörlich schreibe, aber Geschriebenes kaum je verstehe, nicht einmal das einfachste, hauptsächlich im Spital fällt mir das immer auf, wohin soll ich mich wenden?, deswegen gehe ich jetzt gar nicht mehr dorthin. Mein Darm bleibt zwar im Stadium der Versuchung durch Fertiggerichte


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verfangen wie Jesus in der Wüste vorm Schnellgericht des Teufels (doch unschuldig Er, ohne Sünde, unschuldig der Brot-Versuchung, der Macht-Versuchung, der Gott-Versuchung und der Abgott-Versuchung, nicht unschuldig ich: der Schokoladeversuchung), und er bleibt auch für alles offen, aber ununtersucht. Nur mein Tod wird diese ewige Unschlüssigkeit durch seine Ewigkeit ablösen und beenden, dann kriechen die Würmer in mich hinein, dann, ja dann fängt was Neues an, ein neues Kapitel, da wird man dann ein Einzelzimmer für mich finden und mich der dringenden Notwendigkeit entheben, eins aussuchen zu müssen, wir sind hier ja nicht im Hotel der Legionäre, ich meine Legionellen, nicht wahr, vielleicht ein aufgelassenes Badezimmer?, in dem ich mich auskennen werde (in einem Hotel ließe ich mir das nie gefallen, würde aber nicht wagen, dagegen zu protestieren, so bin ich eben, jederzeit gebrauchsfertig, immer fertig, damit ich mich nicht wieder unfertig mache, trau ich mich kaum zu atmen) und endlich bleiben darf. Ihre Natur betrügt die Menschen wirklich um alles, vor allem ums ewige Leben, und gerade das könnten die Menschen besonders gut gebrauchen. Soviel Spaß könnten sie miteinander haben, doch das Ereignis ereignet sich nie, an das Gewöhnliche gewöhnen wir uns nie, weil wir es ja für außergewöhnlich halten, wenn es ausgerechnet uns passiert, doch beim Sterben, da werden wir uns noch wundern! Bitte, mich tröstet, daß es jeder tun muß, ja, das tröstet mich irgendwie, wenigstens im Tod könnte ich dran sein mit Gewinnen, weil ich zwar nicht mehr gewinnend sein müßte, aber den Tod vielleicht nicht spüren würde, im Gegensatz zu manchem


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Krebspatienten, dessen Natur es geworden ist, Schmerzen zu empfinden, immerhin empfinden sie was, bitte, ich habe damit keine Erfahrung, aber wer weiß, was meine Natur noch alles über mich beschließen wird? Die ist so passiv wie ein Passivhaus oder ein Passivraucher, so passiv wie ich aufrichtig bin, nämlich gar nicht. Sie erlaubt ja nicht einmal den Gletschern weiter zu bestehen, sie macht Rinnsale aus ihnen, später Flüsse, aber sie erlaubt auch nicht, daß Körper einander stumm begegnen. Sobald sie einander begegnen, muß es sofort laut und grell werden, Keuchen, Stöhnen, Schreien, Seufzen, Augenverdrehen wie z. B. Frau R. im TV, kurzum, wenn auch nicht kurz: Ein Körper erwidert das, was ihm der andre erwiesen hat, niemals stumm, er zeigt auf seiner nach unten hin offenen Skala an, was er empfindet, er kennt dabei keinerlei Scham, warum auch, es ist menschlich, keinerlei Scham zu kennen. Ich, die ich mich dauernd nur schäme, eigentlich wegen nichts, also wegen allem, und wenn ich mich einmal nicht schäme, wird mir gleich das Schämen befohlen, weil ich mich weigere, mir selbst beim Begehen eines Fehlers zu begegnen, so müssen meine Fehler leider anderen begegnen, die sie sich nicht verzeihen werden können, ich bewundere diese Körper und das, was sie da tun, ehrlich, ich könnte sowas nie. Für mich wärs nichts. Ich möchte auch, würde mich das aber nie trauen. Ich möchte auch dabeisein, wie Herr F., wenn es action, Sucht und Phantasie gibt, die alle Männer interessieren, nein, nicht alle Männer, aber all diese Dinge interessieren Männer, die leichter außer sich geraten, weil sie schließlich und endlich jemand sind und daher aus sich herausgehen können. Die Frau ist ein


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Nichts, was soll da auf den Pfaden der Enteignung wandeln, da sie sich ja für nichts eignet? Es gibt eine fixe Abmachung zwischen uns, meinem Frauenkörper und mir, daß so etwas nicht vorkommen darf, ich darf mir nicht vornehmen, außer mich zu geraten, sonst finde ich womöglich nicht mehr zurück, wo ich aber ohnedies niemand finden würde, ich wäre ja nicht zu Hause, obwohl ich immer dort wäre, wo auch sonst?, beim Himmelvater?, ich wars ja nicht mal bei Papi, nicht zu Hause, ich bin ja nichts, wie soll ich mich da wiederfinden, als hätte ich mich je gehabt?, auch wenn es niemals ein weiter Weg zu mir wäre, denn weit weg würde ich mich gar nicht trauen, ich fände mich nicht wieder, oder aber ich fände mich dort wieder, wo ich gewiß nicht sein möchte und gewiß nicht sicher wäre. Und überhaupt, es dürfen so viele Arten in der Natur nicht mehr vorkommen, da können wir genausogut auch auf uns selbst verzichten, ihr Frauen, die ihr euch gegenseitig lest und liebt und achtet, nein, sagt ihr, nicht auf uns wollen wir verzichten, einer auf den anderen, ich meine eine auf die andre, wir haben es nicht notwendig, daß wir immer kommen oder gehen müssen, kaum daß wir einmal gekommen sind, und uns mit Forderungen nach Mehr drangsalieren lassen müssen. Wir sprechen, wir können aber auch jederzeit wieder gehen, bevor wir gekommen sind. Wir können es auch sein lassen, nachdem wir ein Sein auf die Welt gebracht hätten, was schließlich viel Arbeit macht, man muß sich aufschließen und danach wieder zu. Keiner würde es merken. Wir können auch gleich ganz weg bleiben. Ich bin jetzt schon total weg von dieser Idee und verschwinde selbst, wie meine Hauptfigur, die ich eh nie wirklich leiden


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konnte. Dafür ist dort unten, in meinem Blickfeld, ein Haus entstanden, groß wie eine Kathedrale und mit einem Dach, stark wie ein Stier, und wieso hat die Bauordnung das erlaubt, daß dieses Haus so viel größer ist als alle anderen? Angeblich gehört es einem Fußballer des Sportclubs Rapid, weiter unten, in der Tabelle aber weit oben, bitte um Entschuldigung, ich kann nichts dafür, daß meine Abschweifungen mit Ausschweifungen so wenig zu tun haben. Sie blieb mir fremd, meine Hauptfigur, das muß ich leider zugeben, das hätte nicht so sein müssen, ich hätte eine andre wählen können, denn diese ist mir fremd geblieben, obwohl ich selber ziemlich lang Geige gelernt habe, ja, auch Bratsche, was mich aber noch lange nicht zur Prüfung der Fähigkeiten Dritter berechtigt. So. Weg mit ihr! Fort, Frau! Und schon bin ich mir selber fremd und war es immer. So jemand ist unverzeihlich, wenn auch zum Glück nur erfunden, jedenfalls wäre ich die letzte, der man irgendwas verzeihen könnte, auch wenn diese Frau mir in gewisser Weise ähnelt. Kein Wunder, und doch liegt sie mir so wenig am Herzen wie ein Kind, das eher drunterliegt, unter diesem Stein von einem Herzen, das ich habe, und das Kind habe ich auch nicht. Nie gehabt. Woher nehmen und nicht stehlen? Nun haben mir dafür, nein, nicht dafür, aber für alles andere, so viele Menschen ihre Verachtung ausgesprochen und daß sie weder mich noch meine Heimproduktion leiden können, daß mir mein Verschwinden, bevor ich es noch praktiziert habe, schon leicht fällt und ich voll Vorfreude darauf bin. Ich kann den Augenblick, da ich als Berufsstand nicht mehr lebend in die dafür vorgesehene Rubrik eintippen kann, ein Geheimtip von mir, das Leben!, gar nicht


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erwarten. So, ich setze mein hochmütiges, überhebliches Lächeln auf, das Sie ebenfalls nicht leiden können, deswegen tu ichs ja, ich verstehs ja, ich mag es auch nicht, zumindest nicht an mir, und ich verschwinde. Sie darf sich auch nie ausziehen, diese Frau, der junge Mann ist schließlich keine Umkleidekabine, diese Frau darf schlußendlich gar nichts ablegen, außer Geld, diese Frau, die ich eigens für einen jungen Mann, wie so oft, auch diesmal wieder erfunden habe, zum letzten Mal, nein, ich lüge, aber nicht gut, bitte, legen Sie doch ab!, Sie können entweder unten ablegen oder oben, aber nein, weder unten noch oben darf sie ablegen, das hat der junge Mann ihr wieder verboten, damit es ihn nicht graust und ich nicht in Versuchung komme, dieses Werk für mich selber auszubeuten, indem ich mich selber dran aufgeile. Das fehlte noch! Nein, danke, dem Werk fehlt nichts, das ist gesund, und das braucht auch nichts, auch Sie braucht es schon gar nicht. Auch ich habe ja nichts davon, bitte glauben Sie mir. Aber Sie sollten wenigstens was davon haben, so war es nämlich ursprünglich geplant. Bitte, wenn nicht, dann eben nicht. Für das, was die Frau für diesen Hausbesuch zahlt, ist das nicht drin, in Tränen schwimmen ist aber auch nicht vorgesehen, sie soll im Schwimmbad schwimmen, wo es Eintritt kostet, der Knabe will nicht, daß es sich wie zufällig ergibt, daß ein Kleidungsstück wie irrtümlich abgeworfen wird (mein Gott, wie häßlich das wieder gesagt ist, aber du kannst ja nichts dafür, arme Elfi), wie ein Fallschirm, welcher abwärtsschwebt, doch seine Art der Landung wäre schon vorher zu markieren gewesen, auf einem dunklen Grund des Seins, der unverkäuflich ist, weil dort


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nie die Sonne scheint, es reißt sich keiner drum, nicht einmal dieser Spieler von Rapid-Wien. Sonne: jawohl, kenne ich auch, halt!, nein, kenne ich doch nicht, keine Sonne für mich, kein Süden, kein Strand, kein Meer, kein Überschwang, kein Überschlag, nur die harte Landung, die uns aus dem Verborgensten reißt, um die sich eh niemand reißt, und in den Fäden dessen verstrickt, was uns hält. Wieso sage ich immer uns, wenn ich allein in meinem Namen spreche? Aber es geht eh immer daneben, was ich auch sage, halt!, da ist der Schirm ja schon, an dem etwas dranhängt, ein kleiner Mensch, der aber rasch größer wird, wie er sich zumindest einbildet, was auch wieder nicht erwünscht ist und ohnedies nicht stimmt, vor allem dann nicht, wenn er vor dem Anfang ankommt, in der Verlassenheit (nicht in meiner Verlassenschaft, die es nicht geben wird, es wird nichts Schriftliches übrigbleiben dürfen, habe ich schriftlich festgelegt, wie denn sonst?, und was bleibt mir andres übrig? Nur Isolierschichten bleiben übrig, daraus können Sie sich dann eine Isolierschichttorte backen, wenn Sie wollen), über die er sich natürlich wundert, ist ihm doch keine ewige, aber immerhin eine lang anhaltende Ruhe in diesem Spa samt Luxushotel verheißen worden, endlich ein Ort, an dem er sich vergessen kann, das ist gut, ich habe mich selbst schon mehrmals vergessen, aber nicht allzu oft, dieser Hund hat es auf meiner Betonbrücke auch getan, sich vergessen, der Regen hat es bereits weggewaschen, und ohne Vergessen geht schon einmal überhaupt nichts, denn die Erde, wo alles landet, will den Menschen im Grunde gar nicht, das kann ich Ihnen flüstern, in jedem Konzert für


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die Mutter Erde kann man hören, daß die Erde den Menschen nicht will, weil der Mensch so lang so gemein zur Erde gewesen ist, zumindest so lang wie sie ihn ertrug. Jetzt erträgt sie ihn schon nicht mehr, und wir treten in die Nach-Erdphase ein, die Erdung nehmen wir mit, für die haben wir bezahlt, die wäre noch gut gewesen, hätten die Bauarbeiter bei der Renovierung sie nicht abgerissen. Jetzt reicht sie leider nicht mehr bis in den Boden. Doch um das zu singen, muß man selber fest mit beiden Beinen auf dem Erdboden stehen, sonst grenzt der mittels Technik zu uns hergesteuerte Gesang und das ganze Geschrumme und Gewumme direkt ans Nichts, wo sie sogleich die Besinnung verlieren und durch Besinnlichkeit ersetzt werden, während das doch recht beliebte Vergessen plötzlich verdrießlich scheint, schlecht gelaunt, aber immer weiter gehen muß, uns zuliebe, sonst müssen wir es noch erweitern, sonst geht wiederum die Gegenwart so wenig weiter wie dieser Roman, der gar keiner ist, nicht einmal eine Novelle, nicht einmal eine kleine, dafür ist er strikt privat, strictly private, es wird sich besonnen, daß die Sonne, wenn sie ungebremst herunterfällt, das Wasser verdunsten läßt, bis keins mehr da ist, weil auch keine Wälder mehr da sind, oder besonders viel Wasser kommt, wie in ganz Griechenland, das zuvor ein einziger Brandherd war, auf dem die eigenen Häuser gekocht wurden, und die Erde hält nunmehr nicht mehr, was weiß ich, was sie derweil halten soll, damit ich die Hände frei habe, und daß man der Erde nicht so schreckliche Dinge antun soll wie sie Menschen einander antun, das sage ich hier auch noch, weil ich dafür Platz habe. Der Platz wurde aber nur für mein


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Sagen freigehalten, das heißt, falls ihn mir überhaupt jemand freigehalten hat. Die Menschen sollen aus ihrem Umgang mit der Natur lernen, wie man mit andren Menschen umgeht: besser. Aber das wollte ich nicht sagen. Ich sage dauernd Sachen, die ich gar nicht sagen wollte, sehen Sie, und deshalb ist es doch so gut, daß ich aufhöre. Dieser Knabe will diesen alten Frauenkörper da nicht sehen, nicht riechen, nicht fühlen und nicht schmecken, er kann sie sowieso nicht riechen, die Frau, also wäre es egal, ob sie da ist oder nicht, diese Frau, die ich leider erfunden habe, und was mache ich jetzt mit ihr, da sie dieser junge Mann, auf den sie zugesteuert ist, überhaupt nicht ertragen kann? Er mag ihr nicht einmal etwas erwidern, nicht einmal mit seinem Körper, doch andrerseits: So kann er in seinem Lieblingsforum mit der Praxis angeben, ein paar Fotos und Videos ins Netz stellen und dabei noch einiges fest dazulügen, was gar nicht stattgefunden hat, auch eine alte Frau findet vielleicht noch einen Abnehmer, wenn sie zuvor wenigstens ein klein bißchen abnehmen würde, Moment, gleich taucht es hier auf, schauen Sie! Alles wird aufgezeichnet, weil alles aufgezeichnet werden kann. Alles wird festgehalten, weil alles festgehalten werden kann, ja, auch dieses Haus, es hält wegen meines Dämmschutzes, aber ich halte nicht, denn ich bin ungeschützt. Der Schatten hinter der Fensterscheibe, vielleicht eine junge Frau (ich habe den Kontakt mit der Zeitscheibe längst verloren, wann war das noch gleich?, vorher oder nachher?, und kann mich auch nicht an sie ankoppeln, an diesen stoßenden Pendelkörper, o je. Lassen wir den Energieerhaltungssatz der Mechanik, den


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Impulserhaltungssatz und den Drehimpulserhaltungssatz mal beiseite, also: Mein Körper stößt wie ein Eisenbahn-Puffer an die Zeit, mein Körper stößt an diesen anderen Zeit-Körper mit der Geschwindigkeit v1, ja, genau, auf diesen ruhenden Körper gleicher Masse, als welchen ich die Zeit betrachte, obwohl sie das gar nicht ist, sie ist nämlich unwahrscheinlich elastisch. Wahrscheinlich ist das sogar mein Untergang, daß die Zeit genauso elastisch ist wie ich, nur wölbt sie sich in die andre Richtung, wenn man auf sie einschlägt. Es findet nun, und Sie sind dabei!, dieser Stoß Ich gegen Zeit statt, aber anstatt mich schön glatt an die Zeit anzukoppeln, zwei Wagenpuffer, die aufeinander zufahren, um sich zu verbinden, werde ich irgendwie wie eine Laus zerquetscht. Alles Blödsinn. Danke, daß Sie es mir eigens gesagt haben!), die diesen Weg und diesen Schlüssel womöglich zum ersten Mal benutzt hat, in aller Behaglichkeit und gleichzeitig Aufgeregtheit, die nur die Jugend kennt, wenn Christl S. auftritt, die schwarze Köchin, ich meine Sängerin, und ihr Haar und ihren Körper schüttelt, das ist ein Mädel, das tut mir so leid, die kennt kein Drittes, das der Denker als Anfangen, Verbergen, Verschweigen (nur das nicht!) und Da-Sein usw. bezeichnen würde, ich mache mir hier nicht die Mühe, denn all das kennt Christl S. ja nicht, und dieses nette Mädel, das sich als Schatten hinter der Scheibe abzeichnet, kennt zwar Christl S., wer kennt sie nicht?, niemand kennt sie nicht!, aber sich selbst kennt sie nicht, diese junge Frau dort draußen vor der Tür, aber Christl wird sie von sich selbst gewiß zuverlässig ablenken können, noch bevor sie sich wirklich getroffen hat, nein, diese junge Frau hat Christl


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S. noch nie persönlich kennengelernt, dafür aber im Konzert, und zusätzlich hat sie noch mehrere andere Menschen gekannt, die allerdings nicht so begabt wie Christl waren. Die Christl war die Begabteste. Das ist jetzt aber irgendwie an uns vorbeigegangen. Da kommen also Körper auf Ihren Bildschirm, die konnte ich schon immer besser beschreiben als lebende Menschen, die ich nicht kenne, wie gut, daß Sie so lang gewartet haben, jetzt werden Sie belohnt damit, daß dieser Körper, den ich im Auge habe, doch wenn ich das Oberlid hebe, welches immer noch nicht gestrafft worden ist, geht es vielleicht wieder weg, dieses Bild von einem Körper, vor dem ohnedies schon ein Schemen hängt, ein vor sich hinzuckender Wollfaden, aber das ist schwierig für meine verwelkten Lider, denn dieser andre Körper, der heilige Körper der Konkurrenz (Neid!), ist vollkommen fest, geradezu knackfrisch, wie es ihm ein freudestrahlender Apfel in der Werbung eingeredet hat, daß man sein sollte, sportlich und knackfrisch (was Kleidung notdürftig, aber immerhin, wenn Mikrofasern all ihre Kraft hineinlegen, vortäuschen kann), aber das stimmt alles nicht, dieser Körper hat sich nicht frischgemacht, komisch, nichts stimmt mehr, danke, daß Sie mir das seit Jahren immer wieder gesagt haben, jetzt hab ichs endlich kapiert, ich bemühe mich so, aber nichts gelingt, und wäre es so, das nicht nur die Geige stimmte, sondern dieses eine Wesen, welches ich erdacht habe, ohne vorher nachzudenken (und jetzt trägt es seine Kleider, wenigstens sinds nicht meine, sondern seine eigenen, die es besser gar nicht ausgezogen hätte, es trägt sie unterm Arm, es zeigt seine schreckliche Gestalt, die durch Vernachlässigung von


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  Essen und Pflege entstanden ist und nicht, weil sich dieses Wesen in Bezug zur Wahrheit des Seins nicht gefunden hätte, es findet ja nicht einmal seinen BH, der liegt derzeit auf weichem Flusenlager, im Lurch unter dem Bett), dann wäre diese Frau eine andere, und ich wäre vielleicht auch anders ausgefallen, anstatt einfach nur auszufallen bzw. so ausgefallen zu sein (ausfällig geworden zu sein?), daß mich seit längerem niemand als Mensch erkennen kann. Was will die Oide, würden Sie sich fragen, würden Sie danach mich fragen. Was will die oide Trutschn? Kein Wunder, ich bin ja auch nirgends. Sowas haben wir ja noch nie gesehen, wir haben noch nie gesehen, was gar nicht da ist, besser, wir hätten es rechtzeitig gesehen, dann hätten wir flüchten können vor dem Unsichtbaren, das manche wiederum magisch magnetisch anzieht, denken wir an Gott, den Herrn Schöpfer, den die ernsten Männer von der Ersten Bank seit Jahren niederkommen sehen, aber da kommt nichts, und die Zinsen kommen auch nicht. Sie sind so klein, daß ich sie gar nicht sehen kann. Dafür sind die Dividenden der Aktionäre richtig groß geworden. Nein, doch nicht, wieder nichts. Aber dort drüben, dort geht gewiß die Post ab! Doch hier, an dieser Stelle, lasse ich also ein Schlupfloch offen, da ist ein Loch im Text. Bitte füllen Sie es aus, dann merken Sie, wie schwer das geht!


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  Diese Stelle wurde absichtlich freigelassen, an meiner Stelle.

 

 


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Ich bestimme das noch zu meinen Lebzeiten so, damit niemand nach meinem Ableben dagegen verstoßen kann, und ich allein bestimme schließlich meine Stimmung, dämpfe meine Stimme oder schalte sie ganz ab. Meine Verächtlichkeit gegen mich und andre blitzt hier im Bild rechts auf, aber nur ganz kurz, eine Millisekunde, eine Nanosekunde, es ist ja ein Film, kein Foto, ja, trotzdem, alles mit diesem Smartphone gemacht!, das auch selber telefonieren kann, schauen Sie nicht hier rein, kaufen Sie sich gefälligst ein eigenes!, und, ehe ichs vergesse, deshalb sage ich ja alles zehnmal, dies hier ist aber erst das zweite Mal, das dritte Mal erspare ich Ihnen: Knackfrisch sollten  auch alle Menschen sein, nicht nur das, was sie essen, es wäre besser, sie wären freiwillig so frisch, da man sie derzeit schon überall mit einem über den Kopf hochgehobenen (als wollte man es vor einer Flut retten) Aufnahmegerät, den einzigen, das sie wirklich aufnimmt (Europa wird ihm diese Aufgabe nicht abnehmen! Zum Glück sind wir schon drin!), für die Ewigkeit festhalten kann, wenn man alles jeden Augenblick festhalten kann, sollte es sich bitte aber auch nie verändern, forever young, genau so wollen wir dann festgehalten werden, denn was ein Apfel kann, das können wir schon lang, das ist einmal ein Wort, das man ohne Umwege auf uns anwenden könnte, wären wir noch ein letztes Mal auf dem Feld oder im Garten, wo dieser oder jener Apfel wächst, um ein einziges Mal die Macht der Richtigkeit auszuprobieren, der richtigen Richtung, die Frische zu atmen und sich damit sogar einzuschmieren, wenns hart auf hart kommt, nur frisch ist man schön, nur jung


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ist man am schönsten, da es endlich niemandem mehr gelingt, uns mit Erziehung zu terrorisieren, und dann kann man sich endlich auch mit andren Menschen, welche man frei mit seinem Willen gewählt hat, verbinden, und ich, ich verbinde, ohne die Wahl zu haben, eingeschüchtert vom Leben, wie ich bereits bin, da es in meinem Gebälk schon knackt, wenn ich mich nur aus der Hocke aufrichte, ich verbinde jetzt, nur weiß ich noch nicht, was womit, wen mit wem, also ich verbinde mir halt notdürftig den Zeigefinger, in den ich mich grade geschnitten habe, ich sehe leider nicht mehr allzu gut – wie fein, daß wir dieses Medikament haben, das uns vor uns selbst schützen soll, und den Sport, entweder vor sich selbst, weil einer seiner Hauptdarsteller wieder mal unerlaubte Medikamente eingenommen hat, oder vor mir, den Sport vor sich selbst oder vor mir (aber vorm Sekundenherztod, vor Knieproblemen und selbstgewählten Abnützungserscheinungen schützt er unsere Erscheinung leider nicht), was mir persönlich unerwünscht wäre, ich möchte eher vor was anderem, vor allen anderen, geschützt werden, vor mir selber habe ich keine Angst, es kann mir gar nichts geschehen, wenn ich mich nicht jetzt, fünf Minuten vor Torschluß, unvorsichtig und unmäßig zu bewegen versuche. Das beste Jungbleibensmittel, die Liebe, lehrt uns im Fernsehen diese oder jene Sendung, in der vor allem leider deutsche Spielfilme gezeigt werden, was, die soll ein Mittel sein, die Liebe zwischen diesen zwei Schauspielern, einer männlich, der andre weiblich, die ich jetzt so oft gesehen habe, daß ich sicher bin, sie würden längst, wie die Liebe auch oft, bei der man sich immer ausziehen muß, die Grenzen des guten Geschmacks


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gesprengt haben, hätten sie nur eine Spur Dynamit, ich meine eine Spur von Dynamik gehabt. Nein, das ist der Zweck, nicht das Mittel. Die Liebe, nicht das Fernsehn. Und der Sport, soll der vielleicht ein besseres Mittel sein als die Beseelung durch ein Gefühl? Nein, der Sport ist erst der Anfang, das Umkehren des Entwurzelten, der nicht einmal den Anfang des City-Marathons findet, obwohl dort bereits Tausende warten, daß der Anfang endlich anfängt und das Ende womöglich noch davor kommt, noch vorher kommt, vor dem Anfang, daß der Ernst endlich ernstmacht und sie über sich hinauslaufen können, sich selbst irgendwo auf der Strecke zurücklassend, sie trinken etwas Isomorphes oder Isometrisches oder Isothones oder Isotropisches, was weiß ich, und schon haben sie ihren Start verlassen, und bald sind sie so weit abgeschlagen, so fern von sich selbst, daß sie auch ihren Beginn verlassen haben, schon ganz am Anfang, und das gar nicht merken, besser, sie hätten es sich gemerkt, denn dieser Anfang hätte schon das Ende bestimmt, das Ziel, das sie meist nicht erreichen, so, und jetzt sind sie bereits im Spital, haben alles Wasser verloren, das sie mithatten (oder viel zuviel davon zu sich genommen, wo eigentlich ein andrer Mensch hingehören würde, und jetzt sind sie ganz durcheinander, ich meine, ihr Elektrolythaushalt ist durcheinandergeraten, weil dort wieder einmal niemand das Geschirr abgewaschen, sondern all das Wasser selber getrunken hat, und daran kann man sterben und ist auch schon gestorben), wissen nicht mehr (und können auch nicht wissen, was sie wiederum nicht wissen), daß dieser Beginn den Anfang bestimmt hätte, den sie aber nicht finden, nicht das Ende und nicht den


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Anfang, diese Sportler, dieses immerwährende Dazwischen des Sports, das nie sein Ende findet, wie ich es hasse!, wie ich es hasse! Denn daraus ist nichts zu wissen. Aus dem Sport ist nichts zu wissen, zumindest nichts, was ich würde wissen wollen. Die Zeit würde ich aber vielleicht schon wissen wollen, doch die kann ich mir bequemer durch Lesen, durch Ablesen z. B. des Blutdruckmeßgeräts, verschaffen. Die Gegenseitigkeit, ja die!, vielleicht ist die das Mittel, aber auch die kriegen wir nie. Wir suchen das Gemeinsame, weil wir ja nie allein sein können (also ich kann das schon! Es ist überhaupt das einzige, was ich gut kann), aber schon stehen wir dümmer als dumm da, wenn wir es gefunden haben. Wir kriegen sie nie, diese Gegenseitigkeit, weil wir zu unterschiedlich sind, wer auch immer, um einander zu lieben und das auch noch zur gleichen Zeit, der Beweis: Wir kommen auch nie gleichzeitig, einer ist immer zu früh dran, und ein andrer glaubt, er sei zu spät, er sei zuviel des Guten für den einen, den er kurz für den Einzigen hielt. Dafür kommen wir, wenn wir abgereist sind, irgendwann einmal nach Hause, denn das Fremde macht grundsätzlich reich, man kann auch sagen, es bereichert die Reisebüros und Internet-Anbieter und Fluglinien, deshalb müssen wir es einfach kennenlernen, sonst hätten wir ja gar niemandem etwas zu sagen, wenn der uns nicht bereichern würde, sollte er besser auch selber ruhig sein. Daß man in die Fremde muß, gilt nicht nur für unsere Exporteure und Banken, die sich gerade den Ostblock untertan machen, das hat früher viel mehr Mühe gekostet, denn der Ostblock mußte das damals alles alleine machen, notfalls mit Hilfe der Arbeiterklasse, auf die ja nie Verlaß


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ist, nicht einmal beim Streiken, und das hat nicht halb soviel Spaß gemacht, was weiß ein Fremder, was weiß ein Arbeiter, was Spaß macht?, nein, nein, das gilt für alle andren Bürger ebenfalls, die den Mehrwert eher im Geistigen suchen, also auch für mich. Juli und August sind dafür ideal, das gilt auch für mich. Sie bringen viel und kosten wenig, also: auf und davon! Das würde theoretisch auch für mich gelten, aber ich kann nicht, ich kann nicht davon, ich komme nicht davon, mich frißt der Neid auf die Reisenden, aber ich kann keiner von ihnen sein. Das kommt davon. Kein Mann führt mich auf die Wiese und zeigt mir dort eine Grube, in die ich mich legen soll, um meine Gelenke zu schonen, bevor ich sie überhaupt noch beanspruchen kann. Sie gehören mir doch eh schon! Ich möchte so gern den Hoteliers helfen, die Betten auch im Sommer auszulasten, aber nur mein eigen Bett ist von mir ausgelastet, und zwar jeden Tag, der Nachteil dieses Handelns liegt natürlich in der schwächeren kreativen Anregung, die ich davon erhalte, daß ich nicht reise und nicht handle und niemanden mehr kennen will. Was mache ich? Was tut eine wie ich, außer Neid auf die Lebhaften, Belebteren zu empfinden? Soviel appetitanregende Zutraulichkeit bei Ausländern, auch bei jenen, die bei uns sind und die wir überhaupt nicht wollen, die sollen im Ausland bleiben, damit umgekehrt wir sie besuchen und unseren Horizont erweitern können, dort brauchen wir sie, nicht hier, ich aber bleibe unverrückbar, wenn auch ein wenig verrückt, ich bleibe hier. Das ist zwar auch verboten, sagt die Werbung unseren empfindsamen Seelen, die nach Wald oder Wasser dürsten, welche ihrerseits selber dürsten, was das Wasser doch gar


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nicht nötig hätte, aber noch stört es keinen, daß wir immer was andres wollen als das, was wir schon haben. Das Thema Reisen kursiert, auch bei mir steht es ja hoch im Kurs, nur: Ich kann nicht. Ich kann nicht weg. Ich muß, aber ich kann nicht. Der Vorzug vieler Reiseziele liegt auf der Hand, aber nicht auf meiner, auf meiner liegt nichts, und in meinem Herzen ist Neid auf die Glücklicheren an den Abflugschaltern, die mit den Angestellten dort um die Größe von Flüssigkeitsbehältnissen streiten, welche hübsche Uniformen tragen, nein, natürlich nicht die Flüssigkeiten, sehr geschmackvoll, denn die nehmen nicht jede und jeden. Mich würde die Fremde wahrscheinlich schon nehmen, sie hat es mir oft genug versichert, aber ich gebe mich ihr nicht, obwohl es mir auf die Reiseversicherung auch nicht mehr ankäme. Ich gebe mich nicht aus der Hand. Mich frißt der Neid, aber ich halte trotzdem an mir fest, ich vergewissere mich jede Minute meiner selbst: War das nicht soeben ein Herzstich, ganz ohne Messer?, ich kann nicht anders, ich kann nichts anderes, als mich selbst beobachten, denn sonst ist ja keiner da; obwohl ich an unerhört hohen Bergen – ich komme vom Gebirge her – und unglaublich tiefen Meeren und Tälern festhalten sollte, halte ich mich immer nur an mir selber fest. Ich halte mich an mir fest, denn mehr habe ich nicht, was bleibt mir übrig. Meine Antwort ist nur der Blick und die Schrift, und selbst die Schrift geht nicht weit weg. Diese Schrift bleibt bei mir und aus. Da kann man nichts machen, ich habe mich, wie Mama in Bezug auf mich, entschieden, diese Schrift nicht von mir fortzulassen. Andre können mehr machen, jeder kann mehr machen, wenn er nur die


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Hand ausstreckt, hat er schon wieder etwas mehr gemacht als ich. Das Reisen ist was für die Tätigen, nur tun sie es mit dem ganzen Körper, ein Thema, das sie keinesfalls aufschieben wollen, sobald sie sich dazu entschlossen haben, denn der Körper ist wichtig und wünscht meist, an einen andren Ort verbracht, verlagert zu werden, um mehr kennenzulernen und über sich hinausschauen zu können. Stubenhocker: Pfui! Ich schäme mich so. Ich bin untätig, ich spiegle mich nur selber und das nicht einmal als Träne im Ozean, sondern als Zahnputzerin und Zahnseidenbenutzerin im Spiegel über dem Waschbecken. Wo sind die Tätigen? Hier ist einer, der bald auf Maturareise gehen wird. Wie schön für ihn, das gilt für die gesamte Menschheit über 18, aber nicht viel über 18, na, sagen wir 20 oder maximal 25. Das wird ein Spaß! Na ja, bald wird es einer sein, in einem Jahr, aber man muß schon im voraus planen, derzeit kann man nur von dem Knaben sagen, daß er mit spielerischer Leichtigkeit am Leben bleibt und seine neue Freundin hinter den Scheiben in jeder Ausführung, die sie wünscht, wild küssen wird, so wild und tief in den Hals wie in einem Film, mindestens einem, einige Minuten lang, eine Kunst, die jeder kann, ja, dort ist sie, dort im Haus bewegt sich was, wo sie, die Freundin, ungeduldig hin- und hergeht, sich in die Sicherheit der Hüften wiegt und sich mit dem Halm die ganze liegengebliebene Musik reinzieht, nein, nicht mit einem Halm, mit einem Kabel aus dem MP3-Player, den der Bursch liegengelassen hat, bei der alten Frau, die ja ihre eigene Musik hat, welche aber kaum einer benötigt oder will, weil jeder jede Musik schon kennt, diese aber nicht. Hier braucht der Bursch ihn nicht,


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diesen Sound aus dem Hörer, obwohl der ihn von der Frau gewiß ein wenig ablenken würde. Das ist von ihr aber nicht erwünscht. Der Knabe macht jetzt einmal seine Ferialpraxis fertig, aus deren Erlösung er sich ebenfalls ein Auto herausziehen wird, dann hätte er schon zwei in seinem Renn-Stall. Derzeit noch kein einziges vorhanden. Zwei-, dreimal hat der Bursch dieser Frau jetzt schon mit unerbittlicher und unverzeihlicher Nachlässigkeit in den BH gegriffen, welcher mittlerweile aber schon unterm Bett weich gelandet ist, ob das reicht?, nein, es reicht ihr nie, ihm schon längst, die Frau müßte ihm schon einen Mercedes zahlen, da er sich selbst in Zahlung begibt und zur Revanche, daß sie ihm mit spitzen Klauen und Zähnen wehgetan hat, die alte Frau, hat er ihre ekligen, altklugen Brustwarzen lustlos mit den Fingernägeln langgezogen wie Hammelbeine, abgepackt in Tiefkühlfolie, im Plastiksackl, in das irgendwas ausgeronnen ist, was Widerwärtiges, das bodenwärts zeigt, etwas Ältliches, Kriechendes, Kriecherisches, für das Mißachtung noch zuviel wäre, vormals etwas Blutwasser, später dann Leichenwasser; wir schauen auf das Ablaufdatum und sehen, daß da etwas aus- und abgelaufen ist, und wir werden uns bald im Spital oder im Altersheim besuchen kommen müssen, wo einem sogar die Windeln noch vorgezählt werden, damit man nicht zuviele verbraucht, wer wird uns besuchen?, da es kein andrer tut, ich habe schon vorangekündigt, daß ich verschwinden möchte und teilweise bereits verschwunden bin (falls Sie sich gewundert haben, daß Sie mich nie sehen, nein, Sie haben sich nicht gewundert, Sie waren im Gegenteil froh!), und so rinnt die letzte Spannung aus meiner endlosen


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Schreibefläche, die keine Reibefläche mehr ist, dazu ist sie zu abgenutzt, zu abgewetzt, heraus, und muß wohl irgendwann wieder neu beschichtet werden, damit mir nicht alles so nahegeht, nein, diesmal nicht, nicht von mir, meine Schicht trägt stattdessen die ganze Steuerlast, die Zeit des Aufbaus ist zu Ende, immer wieder mußte ich meinem Werk behilflich sein, damit es überhaupt auf die Beine kam, diesmal nicht, nichts dergleichen, es geht wie von selbst, was man meinem Werk leider auch ansieht, das ist alles sehr plump und wacklig, dabei kommt es bei der Frau besonders auf die Beine an, so, wieder weg die Spannung, die haben wir jetzt recht gut rausgekriegt mit diesem neuen Fleckputzmittel, wenden wir uns uns selber zu!, denn ich sage nichts, ich habe schon zuviel gesagt, ich kann nicht mehr sagen, weil ich ja noch nirgends war, nichts kenne, nichts gesehen habe, und das ist falsch, ich meine, das ist schlecht, mit einem solchen klosterähnlichen Lebenswandel sollte man nicht auf dem Gang herumwandeln und über Schweinereien von andren Leuten nachdenken, wie man sie ihnen angedeihen lassen könnte, damit wenigstens irgendeiner das liest, sondern gehen oder schweigen (oder sich selber wandeln! Aber was ist, wenn man das nicht kann?), ich begreife, daß ich vom Reisen eben nichts verstehe und es daher nicht tue, nicht ausübe, da kann man nichts machen, ich reise nicht in andre Körper, und andre Körper reisen nicht in meinen, auch wenn ein Kenner hier und ein andrer dort es von den Gebildeten fordern, daß man reist, wenigstens irgendwohin, wo man nicht zu Hause ist, das ist die Bedingung der Fortbildung, bis das Gebilde nicht mehr weiter ausgedehnt werden kann und


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zusammenstürzt; das ist alles, inklusive dem eigenen Körper, doch es ist zu spät für mich, ich erreiche kein Flugzeug mehr, keinen andren Körper mehr, nur den Fremdkörper in meinem Auge, den habe ich erreicht, den habe ich aber als Reiseziel gar nicht angegeben, auch als ich ihn noch nicht hatte, und nicht einmal dem Trend zu Inlandsreisen gebe ich inzwischen noch nach, ich gebe nicht nach, ich bin unerbittlich, ich gebe niemandem gegenüber nach, es geht jetzt nicht weiter, weil ich selbst nicht weiterkomme und auch meinem Werk gegenüber nicht nachgeben will und weiterziehen, ich bin unnachgiebig, ich erkläre nur, weiß aber nicht was, ich verstehe ja von nichts etwas, aber Schreiben ist: aus Nichts etwas machen (es tut ja kein andrer, dem Nichts etwas entreißen, wer holt meine Toten zurück? Sie machen das Übermächtigungsplus, nein das Nächtlichkeitsplus dieses Landes nicht mehr fett, sie fetten es nicht auf, auch nicht mein Übernächtigkeitsplus, nein, auch das nicht, wer würde mir zu Hilfe kommen außer meinen 19 Familienangehörigen, alle lebend, die 29 oder 49 oder wieviele auch immer, diese Toten vergessen wir jetzt, zu den 19 Lebendgeborenen und Lebendgebliebenen sind hier die entfernteren schon dazugezählt, ausgerechnet mich meinen Sie, ausgerechnet mich zeichnen Sie aus, ich weiß doch nicht einmal, was mich selbst auszeichnet?! Was ich so treibe? Ich bin leider nicht lebendig geblieben, ich wärs gern, aber: nichts zu machen! Dritter Versuch – wieder gerissen, wieder die Latte gerissen! Na ja, die ist gar nicht erst aufgestanden, das ist alles zu hoch für mich), aber aus dem eigenen Leben leider nichts, ich meine das sehr konkret, ich sehe, daß sich da an mir eine


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dicke fette feste Warze befindet, mit einem komischerweise hellrosa Hof ringsherum, ungefähr so groß wie ein Druckknopf, der kein Gegenüber hat und zwecklos in den Raum ragt; in einem Film, der niemanden interessieren würde, könnten Sie das in Großaufnahme sehen,  auf diese Warze (aber was rede ich da, diese gehört mir nicht!) würde sich dann kurz jede Aufmerksamkeit richten, an ihr könnte man jedoch gar nichts sehen als sie, an ihr kann man aber, wenn man will, die ganze Brust, ob anziehend oder nicht, an ihrem Druckknopf anheben und wieder herunterfallen lassen, soviel weiß ich immerhin und darf es Ihnen hier schriftlich bestätigen, daß das möglich ist, dem Körper durchaus möglich ist, dafür gibt es eben diese, jede Menge Filme und Heftln zum Beweis, daß die Frau existiert und damit auch ich, so etwas ist eindeutig möglich, der Körper machts möglich, schauen Sie im Anhang nach!, aber der macht vieles möglich, pflatsch, boah, ich glaube, da ich dies sehe, das ist nicht der Brust eigentlicher Zweck, auch nicht der Zweck der anderen, sie kommen ja stets zu zweit, außer eine ist abgeschnitten worden wegen Krebs, es ist vielleicht ihr Trachten, deswegen sind die Dirndlkleider ja immer so tief ausgeschnitten, aber es ist nicht ihr Zweck, und da hängt sie schon wieder, dieser weiche, hilflose Anhang der Frau, die ja selber so anhänglich ist, wenn ihr ein Mann gut gefällt, den sie durch eine TV-Sendung bekommen hat oder auf andrem, gebräuchlicherem Wege, und baumelt und klöppelt, zum Glück meist nicht direkt über einem Menschen, die hängt dort nicht wie ein Fels, die weibliche Brust mit all ihren Problemen und knotenförmigen Verdickungen, welche einmal im Jahr gründlich durchleuchtet werden müssen, die


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hängt da wie ein Saftsack, ein dummer, und nicht in Schwebe, da hätte man ja Angst, daß er abstürzt und auf einen drauf, nur keine Sorge, man kann ihn verstärken, den alten Sack, durch Eigenfett oder Silicon, aufschneiden, reinstopfen und aus, aber wahrscheinlich stelle ich mir das zu einfach vor, weil es so viele tun, allzu schwierig kann es also nicht sein, da hängt er nun rum, der eine oder der andre weiche Sack, auch diejenigen unter den Säcken, die verhärtet und vergrößert wurden, dieser hier kann sich mit etwas Hilfe z. B. jederzeit verhärten, zumindest am Ende, wenn alle Menschen hart werden, egal, was an ihnen dran ist, so, und den Rest lasse ich jetzt einmal offen; diese Brust also (es muß gar nicht die sein, von der ich spreche) baumelt, wie in Großaufnahme, jedoch noch unverstärkt, hier herum und hört keine Musik, diese Brust, in der die Musik ja dauerhaft ruhen und selber keinen Lärm machen sollte, wenn möglich, das Weiche ist ein Grund (es ist nicht gesucht und wird nicht gesucht, es wird höchstens von der Mutter gesucht, ich meine vom Kind bei der Mutter), der die Frauen schon sehr verletzbar macht, wenn sie auf diesem Grund bauen wollen, aber sie bauen immer noch lieber auf dem Grund fester männlicher Wirtschaftskraft, recht haben sie, warum sollten sie etwas daran ändern, nur weil ich es sage?, ich sage es ja gar nicht!, selber bauen ist etwas, das sie im Grunde, der ihnen nicht gehört, nicht wollen, das habe ich bereits hinreichend bewiesen, das Bauen von Frauen sollte schon in Andeutungen vermieden werden, sie sind statisch nicht stabil genug, diese Brüste ziehen die Frau nach vorne und ruinieren dabei ihr Rückgrat, kein Wunder, daß sie keins


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mehr hat oder daß sie sich zumindest fest dagegenstemmen muß, gegen die Schwerkraft, um den Willen der Besitzerin ausdrücklich zur Sprache zu bringen, daß die Frau nicht nach vorn zu kippen wünscht, eigentlich in keine Richtung, sondern sich in der Liebe gleich zur Gänze verlieren möchte, nicht aber den Halt, aber besser, sie schweigt, die Frau, das gilt natürlich auch für mich; die Verhüttelung dieser Landschaft und dieser Landschaft Frau, ihre Verwüstung, sie ist wieder zu weit fortgeschritten, sie ist über uns hinweggeeilt, doch ich bleibe immer da, keine Sorge, ich bleibe Ihnen, ja, ich weiß, daß Sie das nicht wollen, nicht einmal der Rest von mir soll bleiben, den Sie noch gar nicht gesehen haben, der Rest ist überhaupt das Beste, wie die zarten und doch festen kleinen Wangen vom Fisch, der Rest, mehr habe ich nicht mehr, wo ist der Rest, damit wir ihn auch noch runtermachen können, der letzte Rest von mir, um den Sie sich schon Sorgen gemacht haben, also wohin mit dem vielen Papier und der ganzen, immerhin brennbaren Umweltverschmutze?, nur keine Angst, der Rest bleibt nicht, keine Reste werden bleiben, da bleibt nichts, nichts von mir bleibt, nicht einmal meine Gestalt, die bleibt vielleicht Ihnen, mir aber nicht, sie bleibt vielleicht keinem, mir aber auch nicht, das Geschmier auf dem Papier (nicht der Becher mit dem Fächer oder der Kelch mit dem Elch, die bei mir schon vorgekommen und wieder gegangen sind) kommt in den Schredder und verschwindet in dieser Dichtung, nein, in welcher


 

 

 

 

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