Mit der Zeit...

(Olga Neuwirth und das Ariston)

Das Musikkunstwerk ist: schreiend durch die Zeit hindurchlaufen, damit sie einen nicht erwischt. Aber man kann der Zeit nicht zuvorkommen, nicht einmal hinter ihr hertrotten. Die Abläufe folgen, und sie sollen auch noch dem folgen, der sie festlegt, aber was festgelegt wird, kann wieder nicht ablaufen. Es hakt. Es verhakt sich. Die Scheibe rollt mit der Zeit, nein, nicht mit ihr gemeinsam, vielleicht: in der Zeit? Durchs Jetzt. Es entsteht ein Hintereinander von Zeit, das nicht gemacht werden kann, weil die Zeit sowieso abläuft, ob sie will oder nicht, ob man will oder nicht, eins nach dem andern, eins hinter dem andern. Alles, was geschieht, rollt aus der Zukunft ins Vergangene, da kommen Meter an Zeit daher, torkeln an einem vorbei und verschwinden und sind: Vergangenheit. Es geht mit der Zeit, nein, nicht mit der Zeit, sondern MIT der Zeit (so wie es mit einem Kranken bergab geht) ins Nicht-Umkehrbare. Da stanzen wir uns Jetztpunkte heraus, aus einer Scheibe, damit zwingen wir die Zeit, die sich aber nicht zwingen läßt, im Kreis zu gehen, das bringt sie ins Schleudern. Nein, doch nicht. Nichts bringt die Zeit zu irgendwas, das sie nicht will. Die Komponistin stellt sich der Zeit in den Weg, was aber nicht gelingen kann. Sie reißt der Zeit was heraus, was die nicht hergeben möchte, und die Zeit bricht sich dabei keinen Zacken aus der Krone, sie muß eh dorthin, wohin man sie zwingt. Sie muß, was sie will. Es entsteht daher: ein Ton, mehrere Töne, aus Nichts ins Nichts. Wie alle Musik: DA im Moment, aber vergeblich, weil gleich darauf wieder weg. Wie soll eine simple Lochplatte da etwas dran ändern? Stellen Sie sich doch Ihre eigene Zeitaufhaltemaschine plus Haltevorrichtung in die Wohnung, probieren Sie es!, denn Kunst kommt davon, daß ein jeder es kann. Jetzt die Kurbel drehen! So. Was die Zeit nicht umbringt, macht sie nur härter, denn in ihrer Nicht-Umkehrbarkeit wird sie jetzt zur Abwechslung mal im Kreis geschickt, bevor sie vergangen sein darf. Nennen wir diese Löcher, in die der Tastfinger springt, um die Zeit anzuhalten (wie gesagt: völlig vergeblich), Augenblickspunkte? Oder doch lieber Jetztpunkte, wie vorhin?, da es das Jetzt schon gegeben hat; und seit wir es so genannt haben, ist jetzt nicht mehr jetzt, sondern es ist vergangen, so, jetzt ist es ganz weg. Da springt also der Tastfinger vor, nein, nicht die Hand eines Schöpfers, auch nicht die Hand der Komponistin, selbst die wäre zu plump dafür, wir brauchen was noch viel Kleineres, Dünneres, also: Da springt der Finger ins Loch, haut sich den Fingerkopf an, er hascht, indem er dort eingreift, nach der Zeit, er will die Zeit selbst in einem Ton einfangen, kleine Hebel, Ventile, Metallzungen, ja, das gehört schon alles dazu, der ganze Krempel, wie bei einer Zungenpfeife einer Orgel, für einen Ton brauchen wir nämlich vieles, was wir meist nicht haben, ja, die Zeit vergeht derweil, das haben wir nun schon mehrmals festgehalten, die Zeit leider nicht, und mehrmals schon gar nicht, sonst könnte man mittels Musik die Zeit ja aufhalten, und wir würden nicht altern, anstatt daß die Musik uns schon vor der Zeit altern läßt, noch dazu wenn wir sie selber erzeugen müssen. Was für eine Mühe, da doch die Zeit ohnedies vergeht und uns Tontrümmer um die Ohren schmeißt, Schalltrümmer, da können wir machen, was wir wollen. Kann die Zeit denn nicht leiser vergehen? Wir wären ihr dankbar. Wir wollen auch noch was andres machen! So. Der Finger greift also ins Loch, die Platte dreht sich ja schon (ein bissel anstrengen müssen Sie sich schon, also bitte, drehen Sie die blöde Platte, ja, meinetwegen, Sie können dazu die Kurbel nehmen, dazu ist sie da!, es liegt ja nichts drauf auf der Platte, das Ihnen, wie die Zeit und der Ton durch die Fliehkraft ins Gesicht klatschen könnte!) , der Hebel öffnet das Ventil der Zunge, und die Zunge vibriert von der eingeblasenen Luft, so, der Ton kommt, er kommt jetzt, da ist er schon, keine Zehntelsekunde zu früh und keine zu spät, und jetzt ist er wieder weg, und zwar deswegen, weil er einmal (und jedesmal wieder, bitte, beehren Sie uns wieder, jederzeit!) ein Jetzt gewesen ist, und so muß er vergangen sein, denn die Zeit hat ja keine andre Wahl als zu vergehen. Würde der kleine Hebel, um den Ton mittels Zunge zu erzeugen, in die Zukunft greifen können, weg aus der Gegenwart, würde die Scheibe sich so rasch drehen, daß kein Loch mehr und kein Loch weniger erwischt werden kann, dann, ja dann würde die Zeit vor uns fliehen, weil sie kein Geräusch machen möchte, wozu die Drehorgel sie dauernd zwingen will, im Aufhalten zwingen will, was nicht geht, ich verstehe nichts, aber das nur ganz nebenbei, würde die Zeit, weil die Scheibe sich schneller dreht als sie, nicht mehr vergehen können, weil sie das Loch nicht erwischt hat, durch das sie fliehen könnte, dann, ja, was dann? Dann könnten wir aus der Zukunft in die Vergangenheit zurückschauen, was wir aber sowieso können. Es gibt nichts Sinnloseres als die Musik, die eine Scheibe mit Löchern ist, so wie man sich früher die Erde vorgestellt hat, nur ohne Löcher. Sonst würden wir doch alle ins Bodenlose fallen können, nein, das wollen wir uns lieber nicht vorstellen. Die Scheibe dreht sich, die Löcher werden begriffen, in die Löcher wird eingegriffen, die Zunge schwingt und singt ihr Lied. Würde die Scheibe umgekehrt gedreht werden, könnte man auch nicht bewirken, daß die Zeit ebenfalls umgekehrt abläuft. Die Zeit möchte das selber gerne wissen, sie würde das gern probieren, aber es geht nicht, denn wenn sie könnte, würde sie vor uns davonrennen. Das geht nicht. Nichts geht mehr. Die Zeit muß aus der rasenden Drehung in die Zukunft hinein erst mal in die Gegenwart zurück, wir bekommen den Gegenwert in Musik ausgezahlt, was sich aber gar nicht auszahlt, denn auch damit können wir den Lauf der Zeit nicht verändern, ich meine den Strom, wieso Strom?, für die Ariston-Scheibe brauchen Sie keinen Strom, ist ja gut!, also: Der Zeit ist es bestimmt, diesmal mit Musik bitte!, nicht durch Musik, das geht nicht, nein, mit Musik! nicht umkehrbar zu sein, das kann aber nur geschehen, indem man die Zeit vorher umgedreht hat, so wie man sich in seinem Bett umdreht. Nichts ändert etwas.

 

 

2008 / 26.6.2014

 


Mit der Zeit... © 2014 Elfriede Jelinek

 

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