Treib gut!

Der Herr tut wohl an mir nach meiner Gerechtigkeit, aber warum nicht nach seiner? Wäre vielleicht gerechter. Nach der Reinheit meiner Hände bemesse er mich nicht!

Für mich wird immerhin ein Tisch entfaltet, an diese Tafel wurde ich geladen, es ist gratis, danke. Auch, ihr, liebe Abfälle vorm Supermarkt: gern geschehen! Es beachtet euch jemand, seid froh, euch nimmt man! Ich halte die Wege des Herrn gern sauber, doch er kommt nicht, er kommt nicht zu mir, den Ein-Euro-Job kriege ich vielleicht, täglich neue top 1 Euro-Jobs, billig! Alle auf einen Blick! Die Dame von der Mindestsicherung sichert mir nicht das mindeste, denn in diesem Monat steht mir das noch nicht zu, vielleicht im nächsten Leben. Der Herr, er möge mich führen hinaus ins Weite, denn die Straßenbahn, der Bus, die nehmen mich nicht, ich bin nicht berechtigt, kein Fahrausweis, nichts. Meine Hasser sind mächtig, meine Neider noch mächtiger, dabei habe ich doch nichts, worum es gehen könnte. Doch dieses Nichts, das wollen sie auch noch! Weiß nicht einmal, wer.

Danke dem Herrn, ich kenne ihn nicht, er streckt seine Hand aus aus der Höhe und faßt mich und zieht mich aus den Wassern. Im letzten Moment. Das wärs schon gewesen. Doch egal, auch wenn ich meine Rechte vor Augen habe, ja, die Linke auch und all Seine Gebote, die ich nie von mir werfen würde, ich habe sie ja gar nicht bekommen, sonst würde ich sie gern erfüllen, ich bin und bleibe doch: das Heruntergezogene, das Erzwungene, das Niedergehaltene, überhaupt das Niedrige. Was ich auch tu, ich bleibe das, ich bleibe das, was unten bleibt und nicht mehr hochkommt. Nicht einmal Treibgut. Wenns hoch kommt, steht mir ein Tadel vom Herrn zu, doch der sieht mich gar nicht. Und kein Gedanke erlaubt mir den Zwang, daß ich endlich doch was bekomme, eine Tätigkeit vielleicht, doch die tut schon ein andrer, immer ein andrer. Niemand erlaubt mir die Freiheit, etwas zu tun. Sie überwältigen mich zur Zeit meines Unglücks. Dabei hüte ich mich vor der Schuld. Schulden habe ich trotzdem. Die Dame vom Austro-AMS würde es mir vielleicht erlauben, daß ich hinausgeführt werde ins Weite. Dort darf ich dann die Wege des Herrn säubern. Es geht aber nichts weiter, der Weg bleibt. Er kann tun, was er will. So kommt man nirgendwohin, kein andrer Weg in Sicht, der ihn ersetzt, und die Weite bleibt, wo sie ist. Auch wenn ich auf Gewalt verzichte, ausdrücklich, geht gar nichts. Nötig wäre ein Aufstand gegen das Notwendige, damit es endlich nicht mehr notwendig ist. Aber jeder braucht es. Jeder muß essen und sich auch mal waschen, mehr gibts nicht. Es wäre jeder Freie seiner Freiheit sofort beraubt, hätte er nicht mal das. Es erschallt die Stimme des Höchsten, der Blitze sendet bis in die Tiefen des Wassers und auf den Erdboden. Aber ich hör nichts, mein Radio ist kaputt. Nicht zum Richten. Still!

Zitate: Psalm 18

 

treib gut

Foto: Ivar Fjeld

 

23.6.2014

 


Treib gut! © 2014 Elfriede Jelinek

 

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