Das Lebewohl

(Les Adieux)

 

(Einige schöne Knaben, die Gesichter zu einem ewigen Lächeln geschminkt, in kindlichen, pludernden Spielhöschen, umringen einen Mann, der ebenfalls den Mund zu einem zeitlos-ewigen Lächeln gemalt hat und zu den Knaben spricht. Den Mund nicht grotesk-clownhaft, sondern wirklich schön, aber etwas unheimlich, lächelnd, sie streuen dem Mann aus Körben Blütenblätter, die Knaben. Wenn es zu teuer ist, Knaben zu bekommen, kann man die Blütenblätter auch vom Schnürboden herunterwerfen lassen. Nein, Mädchen kann man nicht dafür nehmen. Der jeweils angesprochene Knabe wendet sich dem Sprecher des "Haidermonologs" in schöner, nachdenklich-trauernder Pose zu, in der er eine Zeit lang erstarrt. Man kann es aber natürlich auch ganz anders machen. Es können auch alle Lederhosen tragen, von mir aus. Außerdem könnte eine Pythia oder ein schlichter griechischer Mann im Chiton mit dem Textbuch dabei sein und dem Schauspieler, der den Monolog spricht, auf die Sprünge helfen, den Text immer wieder mit ihm gemeinsam sprechen, wenn der Schauspieler stockt oder nicht weiter weiß. Das wäre gar kein Hindernis.)

Dank an: "news", Aischylos ("Die Orestie"), übers. Walter Jens

 

 

Der Sprecher: Die Zuversicht vertreiben wir aus dem Land, denn wir sind stark! Entschuldigung, nein, wir bringen sie, die Zuversicht, mit federleichtem Leib. Wenn wir uns selber anschaun, ist die Angst auf einmal klein. Verläßlich sind wir wie der Tod, jetzt sind wir da. Noch nicht recht wissen wir wann und wo, egal, wir sind nicht willkommen, überall, doch bei den Guten, die nicht geschändet werden wollen in ihren Betten, bei denen schon. Das Gift der Schreiberlinge nutzlos tropft zu Boden. Sie verbreiten Lügen, die Frucht und Feld verseuchen. Wir tanzen Polka, Ländler, Plattler, Reigen, doch wir spielen nicht selber den Boogie, nur das nicht, alles andre schon, und unbekümmert fallen dazu Schnee und Sonne. Uns um den Hals. Nicht fliehn wir, wir hörn auf die Heimat, die Eltern, vor allem den lieben Vater. Das Land gehört uns, nach langer glücklicher Reise, da wir pflügten durch das, was da nutzlos gebrüllt vor unserem Bug. Der Zorn der Schreiber, ihr Gift hielt uns nicht auf, wir kamen immer wieder, da die Bürger beieinander warn und das Gericht über uns in Freuden endet. Jetzt sind wir da. Wir kamen wie gerufen, wir wurden auch gerufen schließlich! Nichts, was tun wir werden, wird ganz falsch sein und nichts ganz richtig, und nichts wird bringen Gefahr. Es wird sein wie immer, nur von uns wirds kommen, die Opferkessel rot von Blut. Nicht nur der Krieger unterm Speer, alle müssen bluten so um die fünfzehn Prozent, nein, doch nicht soviel, vielleicht etwas weniger. Manche wohl viel weniger noch. Verteidigen werden wir uns nicht müssen. Immer verteidigen werden wir uns müssen. Egal. Vorwürfe werden uns nicht mehr treffen. Das Wasser spritzt so schön, die Badeanzüge locken, die Surfbretter schneiden die Wellen, und dann schwimmen wir endgültig oben. Knaben, es ist herrlich! Was ins Freie will? Wir wollen es, und wie gern! Die Tür ist doch offen! Wir taten Unrecht, doch jetzt bekommen wir Recht. Wir sind ausgewählt. Wir schwören, wir warns nicht, und schon waren wirs wirklich nicht. Unser neues Gesetz durchbricht keine Ordnung, kein Umsturz von Stund an allüberall! Die Welt wird nicht aus den Fugen sein. Sie wird genauso wie immer sein, nur eben: offener, freier. Dafür für andre geschlossen total. Wir haben den Durchblick. Tod will Tod. Alter Mord. Neuer Mord. Gar kein Mord. Egal. Das Schandrecht des Mörders jetzt Ehre! Ihr Anständigen! Niemals ein Ende. Schön. Die Geistesfürsten toben. Sie schlugen bisher den Takt und schrien uns ihre Fäuste an die Köpfe. Umsonst. Wir sind jetzt da. Zur Untat müssen wir nicht uns vereinen, wir haben uns zueinander ja längst gesellt, um es recht zu machen uns selbst. Und allen andern schon geschieht ebenfalls Recht. Fürchtet euch nicht, Eltern! Ich muß jetzt in mein Bundesland zurückfahren. Doch erzählt, daß ihr mich saht. Ich sag es auch allen andren weiter. Wir erzählen es den Nachbarn, falls es unsre Nachbarn sind, wir erzählen es den Kindern, falls es unsre Kinder sind, daß wir Stärke ihnen geben ab sofort. Mit leichter Hand. Und wieder schlagen sie uns, die selbsternannten Fürsten, die Dichterfürsten, noch einmal, noch einmal. Und wieder sie schlagen nichts als die eignen Köpfe. Der letzte Schlag gehört uns. Ihre Schädel sollen dröhnen. Die Haarbüschel werden fallen, die Fleischbüschel werden fallen, die Hosen werden fallen. Alles wird ab sofort lustig sein. Nichts wird traurig sein. Nie wieder unter Stöhnen lernen sollen die Menschen, überhaupt nicht mehr sollen lernen die Menschen. Sie bleiben ja unter sich, ab sofort, in ihrer eignen Mitte. Uns tut schon der Mund weh vor lauter vorlautem Zungenschlagen, doch jetzt wirds bald wieder ruhig. Es ist wunderbar, wir haben gefochten, und jetzt dürfen wir feiern den Sieg. So nennt mans, wenn wir sprechen aus allen Kanälen. Siegen lernen heißt feiern lernen und die Augen verschließen. Vom Klagegesang zum Jubellied. Nichts mehr vom Grab, nichts mehr vom Tod! Die Lügenpriester: Ihr Sprechen ist Anklage. Unsers ist: Faust zum Kopf. Faust zum Kopf, klatsch, bumm! Kniescheibe, kracks! Da steht noch ein Wort, nieder, du Wort, sofort! Was machtest du aus uns, wenn man dich ließe? Her, andres Wort, das richtige, nicht von wirrem Geist: Könige hat es aus uns gemacht! Seht ihr, wir sind doch ganz harmlos, wenn wir herrschen. Hauptsache herrschen. Wir machen ja nichts. Und wir haben nichts gemacht. Das Wort heißt: ordentlich. Jeder hats gleich gern, das Wort, das liebe, ders aufgeräumt mag. Laß dich anschaun, Wort, gut schaust du aus! Duwort - auch gut! Wenn du einmal mußt, dann öffnen sich goldene Türen für dich, da steht: Bedürfnisanstalt für Tugendterroristen. Nur herein, liebes Wort, auch du, und das Wasser rasch ablassen, gespült wird dann schon selbsttätig werden. Verehren soll jeder Vater und Mutter, doch mehr den Vater. Die Mutter: ohnedies immer da, von Natur aus schon da. Kühn sein soll jeder. Im Training sein soll jeder, wer weiß, wer da kommt, unsre Peitsche zu spüren. Wenn wir uns anschaun, geben wir uns schon die richtige Antwort, Satz für Satz und Wort für Wort. Man versteht uns. Jeder versteht uns. Am liebsten würden wirs fortjagen, das ganze Land, wo immer nur Angeklagte wir sein werden, vor welchem Gericht?, doch wo herrschten wir dann, und wo wären die Schaulustigen, die uns bewundern? Ich glaube, sie fahren nach Villach, um einmal ordentlich lustig zu sein. Sie sind nicht von hier. Aber sie kommen gern. Zu uns. Die Arena füllt sich mit Schnee. Alle geben uns Recht, wenn uns das gefällt. Wir haben keine Mitschuld an der Tat. Wir haben auch keine Morde befohlen. Das kann man von uns nicht sagen. Wir haben den Fall von Anfang an erörtert: wir warens nicht, und u nsre Väter warens auch nicht. Sie könnens nicht gewesen sein. Ach! Unsere Väter warens vielleicht doch, aber es hat nichts gemacht. Es hat ihnen nicht geschadet. Wenn Sie so wollen, dann waren sies halt. Es waren abscheuliche, einmalige Verbrechen. Sowas wirds nie wieder geben. Es war einmal, es ist nicht mehr. Nie wieder, sagen wir! Nie wieder! Und schon bekommen wirs frisch herein, wir warens zwar, gut, wenn Sies so wollen unbedingt, und wenn wir jemand gekränkt haben, wir bedauern, aber haben wir nicht Recht? Ihr Bürger, hört nicht auf eure Geistesfürsten, hört lieber auf eure Geisterfürsten! Ich muß jetzt in mein Bundesland zurückfahren. Schaut, daß ihr nicht tot seid selber, und hört nicht auf die Beller, die ans Bellen glauben, die Empörer, ihr kindisch Gekeife! Freut euch des Lebens! Ihr Schutzbefohlenen! Seid aufgeweckt und ausgeschlafen! Ist das nicht schön? Früher waren wir der Tod, wir entschuldigen uns und sind hiemit entschuldet. Wenn Sie so wollen, dann waren wirs halt. Heute sind das ewige Leben wir und können nichts dafür, das macht kaum einen Unterschied. Sie schreien, wir aber verlangen Gerechtigkeit für uns. Alles für uns! Wir haben uns entschuldigt, wir haben uns mehr als entschuldigt, und viel mehr können wir nicht tun. Jetzt in die Zukunft schauen. Das Heil sind wir, das, was nach dem Tod uns erwartet, uns Anständige, die zur Erde zurückströmen, der wir so viele schon gegeben haben. Wir wagten, die Tat, die wir ersannen, auch auszuführen. Die Erde wird uns schon nehmen, da wir so viel doch ihr gaben. Sie soll uns auszahlen. Und es soll sich für uns auszahlen. Ihr Schutzbefohlenen! Muß ich denn jetzt wirklich in mein Bundesland zurück fahren? Ja, ich muß. Wir leben, und so stark und so schön, herrlich ist es, Burschen, zu leben. Wir sind Gewinner, wir warens von Anfang an. Das ist das Schönste, auch wenn man keinen Preis dafür kriegt. Das muß einem euch egal sein, ob man belohnt wird. Hauptsache, wir gehören endgültig dazu, und es vertreibt keiner mehr uns. Wenn wir uns anschaun, ist die Angst auf einmal klein. Den Winkel kennen wir nicht mehr, das Eck, in dem wir standen. Während das Zelt sich füllte mit tollwütigen Rotbackigen, die vor Freude überflossen. Knaben! Wir sind da und bleiben, niemand muß mehr leiden! Wir sind ganz besonders für alle, die nicht leiden wollen. Nie wieder. Nie wieder Einsamkeit. Nie wieder fremd sein. Nie wieder eigentümlich sein. Sich nie wieder absondern. Wir sind gegen viele. Wer zählt uns? Es sind ja die Wählerstimmen, die zählen. Die anderen sind jedenfalls mehr. Alle sind mehr doch als viele! Wir sind alle, und wer noch fehlt, den verrechnen wir nachher miteinander. Mit dem rechnen wir ab. Wir rechnen ihn gegen die anderen auf, und der Verlierer muß zahlen. Es wird keinen geben, denn wir alle sind jetzt die Gewinner. Offen muß jeder sein, nicht mehr für den Schein. Für das Wahre, das wir sagen, für das Scheinen unsres Lichts, dem manche noch ausweichen. Aber nicht mehr lang. Wir werden Nachsicht walten lassen, aber nicht mehr lang. Wir sind angefordert von jedem, der da ist: anständig, tüchtig, fleißig. Die vielen zählen nicht mehr, denn wir sind jetzt da. Wir sind alle. So muß ich denn muß ich denn in mein Bundesland fahren. Knaben, wir sind ein Land voller Schaulustiger, und wir werden auch von der Weltpresse beobachtet in unserm Versteck, wo wir spielen wie die Fohlen, die der Hafer sticht. Sie entscheiden, was sie sehen wollen. Die Journalisten, geschirrt gehören sie unters Joch. Sie drücken den Knopf. Wir drehen das Rad. Sie wollen immer sehen, was sie ohnedies schon sehen. Ich bedenke mich jetzt, nach bangen Stunden, die ich brauchte, soll ich zurücktreten oder soll ich ganz nach vorne treten? Am besten ich trete zurück und nach vorn gleichzeitig, denn quälen will ich mich nicht, höchstens beim Laufen wohin. Führende Persönlichkeiten! Vernünftig! Vernünftig! Das Schönste ist sie für Ausnahmenaturen, die Vernunft, sie findet im Wohnzimmer statt und entwickelt sich immer besser, wenn leuchtend ein Bild erscheint und am liebsten stets mich einherträgt, mich und euch Knaben an meiner Seit, mich Götterliebling, ja, mindestens jeden zweiten Tag trägt mich das Licht, und ich stelle mich ihm gern zur Verfügung. Stelle mich, um auch weiterhin als Zugpferd in den Bundesländern zur Verfügung zu stehen. Weinen, das kann ich jetzt nicht. Ich muß in die andern Bundesländer auch noch fahren. Mehr als ein Jahrzehnt anpatzen und diffamieren, wie man es mit mir gemacht hat, das ist vorbei. Für die Wende arbeitete ich, Kind, das wirst du nie vergessen können! Daß du nicht stirbst! Nein, komm lieber, komm! Wie ein Mann ohne Ehre sein will ich nicht, ich will zu den Ehrenwerten, und brächten sie Krieg ins Volk, ich will, ich will, ich bin bereit! In so einer Situation muß man konsequent sein. Ich mußte miterleben, wie meine Familie, meine Familie, die Schönen, die Guten, Gescheiten, die vor Blondheit Strotzenden, von brutal Gewalttätigen in Mitleidenschaft gezogen wurde. Doch meine Leidenschaft gilt viel mehr noch euch, Burschen, ihr Herrlichen, Guten. Wie gute Tropfen kommt ihr über meine Lippen, auch gut. Mißlaute die anderen, Hunde, vor die die Republik geht, von mir aus nicht. Von den andren aus. In außerordentlichen Situationen ist Klugheit ja nicht verboten. Freunde, ihr lieben, ich sag euch, ich sag euch, Funktionäre, Montagabend, ihr Guten, heimlich kommen sie, zögernd, doch dann rinnt es, ein Fluß, und es kommen noch mehr, immer neue strömen herbei. Knaben! Zu euch gehör ich, nicht wie ein Tier will ich gehalten sein, ich will hinaus. Jeder Sonne ihr eigenes Studio zum Scheinen, dies meine Forderung. Ich will das echte Licht, das reine, doch find ich es nicht, hilft mir das künstliche auch. Komm nur her da, hilf gegen den Feind, Licht! Das Dunkel will uns stürzen und unsren Boden sehen, doch den zeigen wir nicht, den dunklen Boden, in dem wir das Schweigen versenkten. Diese Verbrechen waren so entsetzlich verbrecherisch, das kann ich ohne Nachsicht sagen. Jetzt sprechen wir so und denken anders und wo anders, Sie sehen es nicht, aber wir denken auch, nur eben anders, herrlich, herrlich! Aber entsetzlich natürlich schon auch. Sonne, du liebe Sonne, und dazu die wunderbare Saftbar, wo die Tränen der Mitstreiter, eure Tränen sinds, ihr Knaben, wieder getrocknet werden sollen, wenn die Dichter euch trafen mit ihren dreisten Worten. Doch keiner erhört sie in der Bevölkerung Rund. Mein Entschluß jedoch unwiderruflich bereits ist. In die Runde blickt ich und sah sie, die Tränen, meine langjährigen Mitarbeiter, Knaben, Kameraden, auch sie, ein Hort von Knaben, Geister des Lichts, weg, Nacht! Licht, schick Hilfe den Anständigen! Da wird mir etwas zugeschrieben wie eine Fessel, ich sprenge sie lachend, kaum daß sie mich berührt, ich wärme mich auf, da, schon wieder etwas anderes, weg damit!, hier stehts geschrieben, doch ich bin nicht sprachlos, weg! So. Ich schick die besten Kampfgenossen, euch, ihr Knaben, freut euch, freut euch, Leute! Gerechtigkeit für mich! Für mich! Wer weiß, ob ich nicht schwach geworden wäre? Nein, ich bin nicht schwach geworden. Ich bin stark geblieben. Ich schaue einmal nicht in eure lieben Augen. Ihr wollt mich überreden zu bleiben? Nun, so bleibe ich gern, danke. Nein, ich bleibe nun doch nicht. Ich suche Blickkontakt zu euch, meinen Freunden, dazu Speis und Trank, sehr viel Trank. Den Toten, dies nicht mögen, nichts, uns den Trank, den Toten nichts. Die milde Gabe der Anständigen nehmen wir an, Ströme von Bier, geweihtes Wasser, sie wiegen nicht einen Tropfen Bluts auf, der Väter. Wozu ihr Opfer? Umsonst? Nein! Niemals umsonst! Sie waren dabei! Sie haben ihr Schreckbild geträumt, und das umsonst? Aber nie! Wir sorgen für die Brut, die träumende, die mit uns kommt. Es nur rasch hinter mich zu bringen, das ist mein Ziel. Meine Familie hat mir ermutigende SMS übers Handy geschickt, die Blonden, Guten, Druck und Zweifel: weg! Fort! Freß ich mein Neugebornes, die Bewegung jetzt? Oder später? Nein, sie ist stark. Keine Bewegung mehr, keine ohne mich, doch jetzt sind wir schon ALLE. Die andern sind mehr noch. Wir aber sind ALLE! Und alle sind wir deutlich bewegt. Der Rest, ausgelacht wird er im Himmel. Auf Erden jetzt lachen wir! Die vielen, die noch nicht alle sind? Die Mehrheit sind, aber es macht nichts, denn schiffbrüchig sind sie geworden. Fahren schwache Autos, haben schwache Argumente, sind unrecht und nicht recht tüchtig. Bleiben unverletzt und geben Milch statt Blut. Die Schwachen. Kühe. Knaben, sie verdienens nicht anders. Ich fleh die Erde an, daß sie bereitwillig zahlen mögen, die Schwachen, für uns auch noch zahlen, auch noch die Windeln zahlen, in die wir einhüllen sie werden, auch noch die Scheisse zahlen, die sie von sich geben, auch noch die Milch zahlen, die sie trinken, die Gähnenden, die nach uns schnappen, doch wie im Traum. Wir haben Frauen für sie gehalten, und die dürfen sie jetzt austrinken, soviel sie wollen, die Guten. Nicht wahr, Knaben? Und wir melken dann sie, wir melken dann sie. Und wir lachen. Die Gerechtigkeit übt noch, wir helfen ihr auf die Sprünge. Das ist nicht zuviel von uns verlangt! Der Obmann leider das Knie zum zweiten Mal gebrochen, der allerbeste, der Erste der Knaben. Ich nehme ihn an meine Brust, da ist nicht Milch, da bin nur ich Starker, komm Knabe, zerbeiß die Brust, bis rote Klumpen bleiben, wie gut das tut. Ich kenne ihn so gut, den Burschen, den tollen Hecht. Gottseidank w ar er nicht anwesend, als ich ging, er verstünds nicht, daß ich es tat. Ich tats doch nur, um mich erneut zu nahen und dann zu bleiben. So einer läuft nicht frei herum, so einer hat ein Ziel. Nun wird im Elend er verkommen, der Freund. Nein, doch nicht. Er wird nicht verkommen. Er wird ein Comeback erleben. Aus freien Stücken streicht er die Segel, der Freund, und springt in mein Wasser, wie stets. Die Deutung nehm er an, daß wir uns nahn, indem ich geh! Ich gehe, sie kommen. Ich komme, sie gehen. Sie gehen jetzt alle in die Privatwirtschaft, weh! Doch ich kann nicht halten euch länger. Ehe es ein neues Unheil gibt, kommt, geht nach Hause, Männer, ich hatte keine andre Wahl. Jetzt, da die Krügeln geleert sind, wolln wir freundlich sein auch uns, vergeßt das nicht. Schöner Knabe, schau du einmal her, wie souverän dies Weib in der Pressekonferenz agiert! Diese Frau! Hätt ich gar nicht von ihr gedacht. Ist es nicht einfach super, wie sie spricht? Umgarnt mit dem Netz der List schon das Volk, sie spricht, sie spricht, vollkommen frei spricht sie, doch was sie sagt? Es ist egal. Nicht ist es, was Apoll befahl, es ist nichts, was irren könnte, es ist überhaupt nichts. Es ist von mir zwar, doch es ist nichts. Wenn ich es sage, ist es anders. Wenn sie es sagt, ist es nichts. Keine Sorge. Es ist nicht etwas. Es ist nichts. Nur ich bin. Sie spricht nur. Durch mich. Ich bin. Durch mich. Was, Weib, Vorwürfe wegen meines Vorhabens? Nein, laß Disziplin walten, Frau, sie und dein Intellekt, der starke, gute, werden es schon akzeptieren. Umsonst nährt ich nicht Drachen und lacht über sie, mein Traum beweist es: die Bewegung bewegt sich! Vielleicht vermag nur ich allein sie zu fassen, aber sie bewegt sich, sie ist voll da! Mit vollen Zügen schlürf ich euch ein. Habt ihr das Klopfen nicht gehört? Öffnet, Knaben! Es ist die Pressekonferenz, die hierher will, wenn wir nicht kommen zu ihr! Nur herein! Was wollen diese Fremden, wo ein Mann zu Hause ist? Auch sie müssen akzeptieren das nicht Verhinderbare. Der Abend wurd noch lang, denn wir wußten, wir sind ja am Tag danach auch noch da! Und wir bringens an den Tag, uns geleiten die Opfer auch noch. Mit vor Angst gesträubtem Haar. Wir machen ja nichts. Wir machen ja gar nichts. Wir sind ja nur da, Haus, das nicht zum Grab uns werden wird. Und nirgendwo Hilfe. Doch, Hilfe vom Bundeskanzler, doch sie hilft nicht, die Hilfe, er will Gerechtigkeit, daß alles sich wendet, aber o je, wie fern ist Gerechtigkeit jetzt. Ja, Burschen, Knaben, Sorgenkinder. Wir sind wie Tag und Nacht, da paßt keine Hand zwischen uns. Wir haben Zeit noch. Keine Angst, Knaben! Einige meiner Getreuen, ihr, seid doch immer dabei. Gemütlich kommen wir privat zusammen, gemeinsam frohes Lernen von ein paar Körpersprachen, die sie noch nicht kennen, die Großkopferten, nie werden sein sie tief drinnen im Herzen des Volkes. All ihr Sprachen, was sagt ihr uns? Was sagt ihr uns durch Mimik, den ganzen Abend hindurch? Scheibner, Knabe, du auch, mein Herbert, zeigst es mir an, daß du Protest erhebst gegen meinen Entschluß? So verschieden ihr auch reagiert, alle seid echte Freunde ihr mir. Ihr wißt, daß das Opfer gemeinsam bereiten wir werden. Von überall kommt Licht, schrille Rufe, Hilfe. Im Dunkel erblindet man, doch wir sind im Licht. Alle Macht den Tüchtigen mit ihrem unvermischten Blut. Nichts mehr im Haus, das meinen Plan durchkreuzt, nur noch kleine Hindernisse, die fegen wir beiseite. Viele fragen an. Und allen, allen wird aufgetan. Auch denen, die nicht fragen, öffnen wir uns ganz, doch herein lassen wir sie nicht. Erst sollen sie drinnen im Herzen den Aufstand besiegen gegen uns und uns als die Sieger preisen. Diese Locke hier von meinem Haupt, bittesehr, euch will ich sie weihn, spät, aber doch. Dies noch nicht wissen, daß wir endlich heimgekehrt nach langer Fahrt, was immer wir tun, Recht oder Unrecht, wir sinds, die es tun, und nie verborgen ists unterm Schleier. Wir sagen es alle ganz offen, und dies noch nicht wissen: ausgelacht werden sie, im Himmel, besonders dann, wenn sie Hilfe erflehn. Unbedingt. Niemand schöpft Verdacht. Wir sind ja alle, weil stets gemeinsam wir sind! Die anderen: nur viele! Nur mehr viele! Nicht mehr als viele! Wir, geschwisterlich ernährt, ernährn uns jetzt von ihnen. Die Toten erheben sich, wenn die Sonne untergeht. Wir erheben uns, wenn sie aufgeht, um uns zu bewegen! Und rasch packend, am Mittag, den andern, beim Pressefoyer, bei der Pressekonferenz des Landeshauptmanns, da wird abgewaschen, und da rechnen wir ab. Nur mehr die Mehrheit die anderen. Wir aber: alle. Das ist in vieler Hinsicht ein furchtbares Stück, wir können darin kaum atmen oder die Augen aufmachen unter dem Wasser, das wir absonderten. Der Pförtner an der Tür, na, der wird nicht freundlich sein. Den machen wir gewaltsam zum Freund, der mich ein wenig versteht. Haßtriefende Zeit im Bild! Laß es dir sagen, das Bild bleibt, die Zeit geht, doch wir sind im Bilde, schon lange, schon immer. Die Zeit wird auch noch unsere werden, bitte warten Sie! Wir zwingen sie, vier Jahre vergehen zu lassen und dann noch einmal vier und dann ists sowieso egal. Jetzt befinden sich noch drei linke österreichische Journalisten in dieser Zeit und in diesem Zeit-im-Bild-Studio, doch Geduld, die werden auch wieder gehn. Wir werden kommen. Und bleiben. Wir werden immer kommen, und immer ganz neu werden wir aussehn, und vereint werden wir sein zu einem einzigen Strom. Nachdem sie gingen, diese Gottverhaßten, jeder kennt ihre Namen, in mitternächtlicher Nachrichtensendung, mit gesträubtem Haar, durchbohrend ihr Schrei, jetzt ists vorbei. Und wenn sie dann weg sind, werden wir sogar ganz besonders kommen. Wir sind stets die Ankommenden und bringen rasch Neues, drum sind wir beliebt. In Stadt und Land. Man trinkt uns wie von nährender Erde. Si e sind die Gehenden, und Gehen heißt immer auch: fort! Fort mit Schaden! Fort vor allem mit diesen drei alles Negative gebärenden Journalisten des ORF! Haben sie das Klopfen nicht gehört, auch sie nicht? Das Klopfen all die Jahre schon? Nicht immer wars die Pressekonferenz. Auch andre haben bereits angeklopft. Doch, sie haben es gehört, schon bevor sie klopften, sie haben unsern Spruch vernommen, doch sie wollten sich durch ihr Glück nicht zu Kälbern stempeln lassen. Ich überschreit jetzt die Schwelle, geh hinein, indem ich hinausgeh. Ich muß nämlich in mein Bundesland zurück, eine List für Apoll und für das Erste und das Zweite Deutsche Fernsehn. Meinetwegen entschuldige ich mich halt. Freunde, steht auf, seht mich an, geht mir entgegen, geht mit mir gemeinsam, ihr seid alle, ich sags euch, ihr seids, trinkt in vollen Zügen und zieht die Zügel dann an! Ruck zuck! Fort die Obergrenze! Weg die Untergrenze! Wir müssen uns mit der Mitte beraten und dann, unersättliche Gier, von allen gleichermaßen nehmen, den einen fällts deutlich leichter zu geben. Die andern müssens noch lernen, die Sorgenkinder, Knabe, Grasser, für kurze Zeit ins Frauengemach, damit dus lernst! Wir werden schon noch reden mit dir! Doch die übrigen geben ja gern, denn wir sinds, dies nehmen, für gütige Zwecke. Der Rest gibt gar nichts. Schandknechte. Totenfürsten. Ihr Name sei getilgt. O Leben des Menschen, wie rasch doch wendet ein Schatten das Glück. Wir bringen die Sonne euch doch! Kapiert ihr es noch nicht? Und wir nehmen am Schluß dann die Untergriffe, und die schrauben wir oben dann an. So. Das hält! Damit man sich an was halten kann. Ich, Objekt haßerfüllter Begierde, komme ihnen abhanden. So. Ich geh jetzt. Sie, die mir niemals nützlich waren, solln jetzt auch gehn, einen Stoff werden sie in mir nimmermehr finden. Ihren Meister, der den Stoff zuschneidet, werden sie finde n, in mir. Besser ein Ende mit Schrecken, als gar kein Ende und gar kein Schrecken! Worin soll noch ihr journalistischer Lebenssinn bestehen? Er soll gar nicht mehr bestehen! An niemandem mehr werden sie linksideologischen Haß und linksideologische menschliche Niedertracht der Gutmenschen so gezielt ausleben können wie an mir, denn ich bin jetzt, indem ich gehe, ganz besonders da, und ich bin alle. Wie findet ihr meine Idee? Es ist eine tolle Idee, die ihr mir ruhig anvertrauen könnt, sie ist ohnedies von mir. Die vielen sind auch nicht viel mehr als wir. Doch alle sind alles. Da gibts nichts. Keine Abstriche werden gemacht. Die Schlimmsten von allen, die viele man nennt - ich fühl ein Glücksgefühl nach bangen Stunden, ich habe richtig entschieden. Ich entschuldige mich, wenn Sie so wollen, für das Wetter, das schlimme, und für das beigesellte Unheil entschuldige ich mich auch. Diese Lawine da, sie ist ebenfalls entschuldigt, von mir. Doch bleiben müssen ihretwegen die Skier heut im Stall, für lieblose Liebe, ich ertrag es um eurer schönen Begleitung willen, ihr Knaben. Die Strategie der Linken ist durchkreuzt: Ich bin weg und hier zugleich, der Mensch, der schlimme, die Lebensgier, alle fort! Ich herein, indem ich ging, ganz besonders herein, gottgeehrt kehr ich nach Hause zurück, den Schoß verlassen und gleich wieder hereinkommen, das ists! Mutter, warte noch! Ich komme wieder! Ich geh nur vorerst in mein Bundesland zurück. Für mich hat Einsamkeit nun keine Geltung mehr. Ich gehe und komme, Mann gegen Mann, Schwert gegen Schwert. Jeder zahlt mit seinem eignen Tod. Ich aber zahle gar nicht, denn ich überschreit die Schwelle, vor und zurück, vor und zurück. Doch unentschlossen: nie. Nicht wird der Tod mich finden. Nicht wird ein Hauch von Abschied mich treffen, verflüchtigt, der Hauch, flüchtig der Schmerz. Als Landeshauptmann bin ich dabei und kann mithelfen, ein gutes Team zu schaffen, brennen l aß ich jetzt schon das Scheit! Es brennt ja, seit ich den Schoß verließ der Mutter und den genauen Fahrplan, den Feuerplan, faßte. Ein Tosen rings ums Herz: Rache für den Vater! Rache! Tötet das Land, tötet die Mutter, tötet sie, doch sie werden immer mehr, Weiber, den Grenzwall aufschichtend am Grab, bis es nur noch Mütter gibt. Mutter bleibt man, ein Leben lang! Rache, Mutter! Da bist du doch auch dafür, oder? Oder bist du etwa dagegen? Laßt die Kerzerlschlucker Lichtermeere bilden, sie werden nur selbst darin ertrinken. Wir auf die Surfbretter, die Gräber der Väter zu schmücken, mit uns! Auf die Bretter! Jesus, runter da! Wir, rauf da, statt seiner! Ja. Ihr habt verstanden, auch wenn ihr die Entscheidung nicht akzeptiert. Ich muß nur noch mit dem Bundeskanzler telefonieren. Ich merkte, daß auch er nicht wußte, ob er sich freuen sollte oder ob die Sache für ihn noch komplizierter würde. Er denkt derzeit noch nach. Ja, der Mann denkt, der Mann denkt, da besteht kein Zweifel, ich sehs ihm ja an. Ich jedoch lenk. Der gehört auch mir, da fährt der Zug drüber. Er gehört mir, indem ich geh. So, das ist getan. Da kann er Gift drauf nehmen. Werd ich euch fehlen? Ja, ich werd euch fehlen. Klaro. Da wird jetzt stark applaudiert und stark übertrieben. Gleich muß springen ich, springen in diese Zeitschrift und in jene dort auch, mit dem Kopf voran. Ist das etwa Grassers Kopf auf dem Titel? Fort, böser Kopf! Stumm sein wie unsre Väter, als sie starben? Nie! Ich schleuder dich weg, wie Abfall man fortwirft. Und: Köpfler! Bleibe starr und dann: Köpfler! Still! Wer rief da? Ihr! Ihr Knaben, einen Brief zu schreiben habe ich lieber unterlassen. Ich sag es euch frei heraus, wies meine Art ist. Ich geh jetzt in mein Bundesland zurück, als dessen Herrscher. Ich versuche, den Kanzler zu beruhigen. Ich stille sein Verlangen, alles ganz und ganz allein zu sein , in einer, seiner Person. Sogar Gott noch will er sein, dafür hat ers ja gemacht. Ausspucken würd ich sie an seiner Stelle, die Krot. Doch er tuts nicht. Er schluckt und schluckt, tapfer, der Mann, sag ich fast wider Willen. Es mögen ihm seine Opfer gerecht entgelten. Bei ihm gibts kein so und wieder so, jedoch irgendwie anders mit jedem Mal. Wie zart die Hoffnung winken konnt, hat er erfahrn, der Kanzler, wohl übers Jahr. Wozu es benennen, daß er auch ich ist? Ja, er ist ich: das Liebste, das ich hab! Schwer zu verstehn, ich weiß, er sah mit den Augen, was er ersehnt hat, und dann wars ich, was er kriegte! Wozu es ihm sagen? Was bringt es? Er weiß es doch, tief im Innersten. Doch er muß es nicht wissen. Er will ja nichts als ich sein! Schön sein will er auch noch. Er hat die Unzucht im Hause ertragen nicht lang, doch nun verlaß ich das Haus, ich geh, die Buhlschaft, sie bleibt ihm. Riess-Passer, Frau Dr. Riess für mich. Mutter! Wir sind Zeugen gewesen, wie die Frauenlist des Landes meinen Vater verriet, das Land: eine Frau. Kleine dicke Frau. Kleine dicke Frau, reich und böse. Das Land besiegt: eine Frau. Ich niemals besiegt: von einem Mann. Ihr meine Knaben, die es erlösen, alle erlösen. Ich dazu. Na schön. Erlöse ich mich halt auch. Die Knochen auslösen. Die vielen zählen nicht mehr. Alle zählen, bis drei werden sie es wohl können, und mehr ist nicht nötig bei uns. Ich, Riess, Westenthaler. Dreieinigkeit. Ich habe kein Feuer, aber ich bin auch nicht kalt. Nicht Frauen bin ich untertan, die mit schlaffer Haut. Sie sind mir zuwenig. Nur den Fürsten gegen die Ewigen, das Land sich zu nehmen! Wenn ich etwas vereinbart habe, dann stehe ich dazu. Wir sind aus einem anderen Holz. Der Kanzler schien beruhigt, als ich dies sagte. Er schlug an meinen Kopf: ein andres Holz. Ein offenes Gespräch, er schien es unter alter Herrschaft nicht gewohnt zu sprechen. Böhmdorfer, aus dem Bett, m arsch, heraus, alter Knabe, die Brunst der Frauen halte auch dich nicht mehr! Schon fällt er heraus aus dem Bett. Freudig bereit, er, mit mir stets Rache sinnend, ein Pfeil, ein zornbefiederter, sich stürzend auf alles, was da aufstand gegen mich. Seit Jahren und Jahren. Bis heut singen Totenklagen und Jammerklagen die Opfer. Wir machen im Fernsehen nichts wieder gut, und wenn es bis zum Jüngsten Tag dauert. Wehe, wird das dann das Ende sein? Nein, das wird auch nicht das Ende sein. Denn auch beim Jüngsten Gericht: entschuldigen tun wir uns nicht! Wir zehren alles auf, wir zeigen alle an, unser Strahl blitzt auf, bis rote Flecken zeigen: die Reiterin, die Pest. Und wir mit blutbefleckter Hand auf ihrem Herd das Schnellgericht. Wir bezeugen uns selbst, doch sonst bezeugen wir nichts, und wenn wir Strafe zahlen müssen noch und noch. Wir legen Zeugnis ab, auch vor Gericht, doch wenn Sie unsern Schritt vergleichen: der eine geht schneller, der andre geht gar nicht. Die Schuld, sie schäumt, die alte Gischt. Wir jedoch können schwimmen, tauchen gar! Haben uns ja selbst auch gezeugt, im Verbund mit unserer Mutter. Die Strompreise und die Mietpreise, die senken wir, kaum geboren, senken wir schon den Daumen, und die Not senken wir auch, die Sohle senken wir, die Ferse, dafür sind wir ja da! Die Mutter, das Land, den Herd, das verehren wir und schützen wir, wir sind vom besten Zuschnitt. Heimgekehrt sind wir schon, bevor wir ganz ausgezogen. Doch das Dazwischen, das hats in sich, und wir verkünden es mit machtvoll-großem Spruch. So. Am andren Ende der Leitung wirft es einen aus dem Bett, es ist Böhmdorfer, Knabe, auch er, den du habest liegen sehen, wie du sagtest, aber es wird dir keiner glauben, und er wird alles ableugnen. So. Jetzt steht er endlich auf. Seine Ideen zum Recht, nun kann er sie, zu Recht, verwirklichen. Wo seine Hausschuhe? Er ist unser, vom besten Zuschnitt, ich selbst schnitt ihn ja zu. Ich wußte, was ich tat mit eurem hündischen Sinn, ihr Knaben! Das seid ihr nicht gewohnt, was? Ich sage es unmißverständlich, du Land, du jetzt bespiene Insel der Unseligen. Ich werde dich schon nach meinem Maß zuschneiden, bis alle eben wirklich: alle sind. Nicht mehr, nein, mehr geht wirklich nicht mehr, das geht sich jetzt nicht aus, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Heiliger Grund, daß ich da bin! Land, du bist auch da, na sowas, grüß euch, alle! Ich grüße mich und heile mich und euch. Manch Wimmern vernehm ich: weh mir! Denen tu ich weh mit wildem Biß, damit auch sie einen Grund haben. In der kurzen Nacht nur wenig Schlaf, Nacht der Entscheidung. Sie ist gefällt, kracht wie ein junger Baum zu Boden. Geht es zugrund, das Haus? Oder geht es gar mit mir zugrund? Nicht wert, daß ohne mich zugrunde geht! Mitsamt euch, seinen Lämmern, und ich, der Spürhund, ich wußt es längst schon vorher. Das Land braucht mich, der nie in Rätseln spricht, ganz unverhüllt es sagt. Seht ihr. Das braucht das Land. Was, Schranken des Rechts verletzt? Viele drückten mir die Rechte, die heiße, so wie man Beileid ausspricht, und ich war froh gestimmt. Richtig meine Entscheidung. Von Mann zu Mann gibts keine Scheu, der Mann spricht offen und kommt schnell zum Ziel und auch woanders hin. Ich melde dem Land, daß ein Sohn gestorben sei, wers glaubt, wird auch nicht selig. Meinem Vater soll ich etwas ausrichten, weh mir, sagt das Land, ich tat ihm Unrecht, zu grunde richtet mich jetzt dein Wort, Vater! Ich räche dich, dem Morgenwind vergleichbar. Und jetzt weht auch schon ein andrer Wind. Spürst dus, Vater, wie er weht? Wies sich erhebt, mein Segel? O Fluch unseres Hauses und vieler andrer Häuser, alles seh ich, was noch fern von dir liegt, und schau, Land, ich bringe es dir, mit gleicher Münze ich zahls dir heim, ich bring die Botschaft, schreckensvoll und süß zugleich, daß alle wirklich alle sind . Keiner mehr, keiner weniger. All die vielen: Wirklich alle! Stellen Sie sich das vor! Mord will Mord! Und viele Morde sind noch gar nicht zurückgegeben worden, die wollen jetzt auch ihr Teil. Der Rest die Mehrheit, grausam sie zu hören, erbärmlich, wie Kindergesang, weh mir, weh mir, was anderes fällt ihnen nicht ein. Den gottgesetzten Weg erkennen sie nicht. Es empfängt mich Freude, es empfangen mich Freunde, da, jetzt gehört der Chef wieder nach Kärnten, Knaben, wo die Schipisten im Licht lodern. Brände brauchen wir keine mehr. Wir brennen auf Revanche und auf das, was den Menschen halt droht, die noch am Leben sind und keimen müssen, im väterlichen Blut. Die liebe Sonne genügt und darf jetzt auch kommen. Und soll bleiben. Wie wir. Ich habe mich entschieden und bin natürlich froh. Ihr habt es miterlebt, ihr habt mit mir gerungen, ich hole mir vom Vater und bringe sie dem Land, die Botschaft, die so angenehm klingt und so unangenehm schmeckt, wenn man sie dann schlucken muß. Heilige Erde. Heiliges Grab, wo so viele sind, der Anständigen, die besten Söhne, verhöhnt, im Schmutz, den die vielen uns dauernd hereintragen in unser gemachtes Bett. Vom Opfer wird keiner ausgeschlossen, der einen großen Hubraum hat und stärkeren Motor. Die Mehrheit sind nur noch wenige, die uns mißachten, und die wir nicht achten. Doch die Sonne neigt sich uns zu. So, die Stunde ist da. Der Herr der List macht sich bereit, ich bin derweil in Kärnten. Wanderer, sage, du habest mich dort liegen lassen, wenn du gefragt wirst, drunten, wo die Schatten sind. Wir sind, wenn man nach uns fragt, längst wieder oben, dort schwimmen wir, Wolkenschaum, im Gebirg, Wanderer, Knaben noch, doch umso älter, umso schneller, keine Angst! Wir können es noch nicht ganz, aber wir werden es schon noch lernen, was wir noch nicht können. Sonnengott, weise deinen Kindern den Weg in die Bank, wo sie sich legen in Särge, doch nicht um zu trauern! Um sich auf die Zinsen zu setzen! Ich trau mich was! Meine Mitarbeiter hatten es mit meiner Mehrfachbelastung zuletzt nicht leicht gehabt, die Arbeit geht uns jetzt viel leichter von der Hand, meine Frau die gute, brave ermuntert mich zusätzlich, und ihr, ihr Knaben, ihr macht mich ebenfalls munter, wenn ich euch nur seh. Dazu unser gemeinsam Haus, das Heimathaus, ein Herrenhaus, vom Schicksal ein Lehen, doch geschenkt, nicht geliehn. Das Haus, das Tal, aus dem ich komm, mit gleicher Botschaft seit zwanzig Jahren wohl und länger. Ja, ich halte, was ich versprech, und keiner soll gebieten mir Halt. Es ist Zeit zum Schlafen, damit du aufwachst, Land! Hast dich tot gestellt so lang, gelt? Damit ist jetzt Schluß. Du hast es miterlebt, wie ich mit mir gerungen habe. Tag der Rückkehr, Heimat, Heimat, immer nur Ort des Aufbruchs oder des Ankommens, aber auf das Dazwischen kommts auch noch an, und daß man unter Freunden ist, die, tief drunten, den Lobgesang anstimmen. Sorgfältig bedenken, was geschah. Aha, jetzt weiß ichs wieder. Ich telefoniere besonders viel mit Freunden in Bund und Regierung. Ich telefonier, ich sprech, ich rede, einfach ehrlich, einfach ganz natürlich, als wollt ich selber mir sagen, daß sich nichts geändert hat und sich nichts ändern wird und engster Kontakt auch in Zukunft von mir gehalten sein wird, einfach ehrlich, wie schon immer zuvor. Denn der kleine Mensch, der braucht sein kleines Haus. Das Land aber braucht mich. Vater! Vater! Schirme das Recht und schirme den Justizminister auch! Und schirme unsre andren Minister ebenfalls! Und schirme sie vor der Presse auch ab! Voran. Heb ihn hoch, verlaß ihn nicht, veranlaß ihn lieber, da er bei Feinden und Mördern sitzt, kühlen Kopf zu bewahren, ja, so ists gut: Heb ihn hoch, hoch aus dem Staub! Ich werde dir schon noch helfen! Die Prozesse, unsre, er mit mir, ich mit ihm, laufen noch über ihre schmal gebauten Ameisenstraßen. Dieses Mannes Zähne flammen beim Sprechen, das Herz von fast Toten zu fressen, bevor diese erwachen im Rechnungshof als Präsidenten. Viele Prozeßausgänge sind noch offen, wenige sind auserwählt, wie ich, hoch aus dem Staub mit mir, und hin zu allen. Und sprechen den Spruch! Vater! Zweifach, dreifach, vielfach werden wir jetzt Erhöhten die Schuld dir bezahlen, nicht wahr, Knaben? Auch um kleinste Kleinigkeiten kümmere ich persönlich mich noch, aber ums Große natürlich noch mehr. Dieser Wahlauftakt für die Wirtschaftskammerwahl in Pörtschach, ein herrliches Ereignis, wert eines Königs. Der Saal restlos überfüllt, die Stimmung toll. Auch der andre Knabe, der von mir Rechner Genannte, hockt sich trotzig hinzu. Der eine schenkt Gerechtigkeit, der andre das Geld, der dritte ein Auto, der vierte Flüge, mich aber und meine Pneus erwartet, zwiefach geschliffen, das ganze allesernährende, allesvertragende Land. Sein König, der liebe Herr, bin ich, sein Bruder auch, auch Freund, tausche den Bruderkuß mit ihm. Mein Vater noch ganz im Joch des Leidens eingeschirrt, das Geschirr wäscht die Frau, ganz klar, sie ist gut drauf und hoch motiviert. Ich gehe Hand in Hand, mit allen, bin absolut zufrieden, diesen Minister ausgewählt zu haben und diesen auch, nur mit dem und dem bin noch nicht ganz zufrieden: ach, da hab einen Fehlgriff getan nach dem Falschen: ich. Den hat zu früh ein Schmerz umwunden, und schon war er weg, trotz ehrlicher Worte. Auch wenn die Hauptlast tragen muß: ich, und die haßerfüllte Linke weltweit zum Dämon gemacht hat: mich, rückblickend würde wieder es so machen: ich. So und nicht anders. Nicht weiter zeugen, nicht weiter Sohn sein, nicht weiter Sonne sein, Schuld - ebenfalls: genug! Kinderkram wird bleiben, die Schuld: sie. Kinderlos wird ab sofort Frau bleiben: keine. Du aber du aber, großer Mund: ich selbst, bewache das Land und dieses Tor, durch das eh mehr darf: keiner. Ich sind: alle. Mit dem klaren Blick des vom Vater niemals Entwöhnten sehs jetzt: ich. Die Freiheit vertreib: ich, das Dunkel seh gar nicht: ich. An die Stürme gebunden fühl mich: ich. Mit der Zeit wieder heiter sein will: ich. Was verborgen ist sichtbar machen will: ich. Der Schatten sein will auch: ich, falls mal passiert: was. Mache das alles ich für: euch. Von euren Sorgen befrein kann euch: ich. Damit hätten beschämt auch jene: wir, jene, die unter dem Eindruck des Machtverlusts bereit waren, im Ausland zu denunzieren: uns. In den Spiegel schauen können will: ich auch mich. Zögern will nicht auch: ich. Mein Vater sein will auch: ich. Sag nicht Mutter! Sag Vater! Sag nicht Mutter! Sag Vater! Und zieh dein Schwert! Die Toten sein will auch: ich. Mutiger Helfer sein will auch: ich. Das Tuch vor Augen, um die Gemordeten nicht zu sehen, brauche nicht: ich. Alle niedermachen, will auch: ich. Alle sein, will auch: ich. Kein Stein auf dem andern sein will auch: ich. Die Freiheit sein will auch: ich. Vaters Kind sein will auch: ich. Sags Mutter, sags Vater, sags Mutter, sags Vater. Sag ich. Sag doch: ich! Die ganze: Zeit!

Theseus empfängt den Dank der Athener



Erstveröffentlichung in "Theaterheute", Mai 2000

Martin Wuttke las den Monolog am 22.6.2000 vor der donnerstäglichen Wandertags-Demo um 18 Uhr am Wiener Ballhausplatz.

Uraufführung am 9.12.2000 am Berliner Ensemble in der Inszenierung von Ulrike Ottinger.


Danke Martin Wuttke!

Danke Pia Janke!

Dank an die 'Knaben'!

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(Foto: www.ceiberweiber.at)

Dank an die Botschaft besorgter Bürgerinnen und Bürger und alle die mitgeholfen haben, daß diese Veranstaltung stattfinden konnte.



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(Foto: APA/Herbert Pfarrhofer - Berliner Zeitung)

 


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